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Nach G20 Krawalle überschatten friedlichen Protest

Die Krawalle während des G-20-Gipfels überschatten die friedlichen Proteste. Doch überall in der Stadt traf man auch Menschen, die etwas zu sagen haben - ganz ohne Gewalt.

G20 Gipfel - Demonstrationen
Bei der bürgerlichen „Hamburg zeigt Haltung“-Demo am Samstag. Foto: dpa

Es war ein Gänsehautmoment in den vergangenen Tagen in Hamburg: Esther Bejarano ist Auschwitzüberlebende, 92 Jahre alt, sie wirkt zerbrechlich. Zwei Männer helfen ihr bei der „Solidarität statt G20“-Demo am Samstag von ihrem Rollstuhl auf die Bühne. Esther Bejarano hat eine Wut im Bauch, sie kann nicht aufhören, aufzuschreien, sagt sie. Laut will sie sein, solange sie kann. Gegen Faschismus, Rassismus und Antisemitismus kämpfen. Sie bekam minutenlang Applaus. Sitzende standen auf, Pfiffe, Jubel, Tränen in den Augen. Es gab Menschen, die behaupteten zuvor, wer nach den Ausschreitungen in der Freitagnacht noch auf die Straße gehe, stelle sich auf eine Stufe mit den Straftätern. Esther Bejarano zeigt: Das Gegenteil ist der Fall.

Es gab viele solcher besonderen Momente in Hamburg. Überall in der Stadt traf man stolze, mutige, friedliche, kluge, solidarische und kreative Menschen, die etwas zu sagen haben, die politisch aktiv sind, die die Welt verändern wollen.

Die Ladenbesitzerin an den Landungsbrücken, die sagt: „Ich mache doch meinen kleinen Laden nicht zu! Wir zeigen Flagge gegen den Mob.“ Und das am Hafen, wo keine 24 Stunden vorher Wasserwerfer auffuhren, es zu Straßenschlachten kam und Fenster zu Bruch gingen.

Plötzlich im Polizeikessel

Der junge Mann mit dem Nasenring, der am Freitagabend am Rande der Straßenschlacht in der Schanze davon erzählt, wie die Polizei zusammen mit Demonstranten beim „Lieber tanz’ ich als G20“-Rave tanzte, der beim Kunstprojekt „1000 Gestalten“ mitmachte und sich nun nicht mehr zu den Demos traute.

Wir unterhielten uns auf einer Brüstung. Dort, wo Vermummte Flaschen, Böller und Steine auf Polizisten warfen. Fünf Wasserwerfer standen vor uns an der Kreuzung. Man sah nur Rauch, Feuer, und fliegende Gegenstände. Kurze Zeit später kommt das Sondereinsatzkommando ins Schanzenviertel.

Oder die junge Frau aus Frankfurt, die mit Tränengas in den Augen erzählt, dass sie doch niemanden verprügeln möchte, nur friedlich protestieren – und sich plötzlich mitten in einem Polizeikessel befindet aus dem sie nicht mehr herauskommt.

Die friedlichen Proteste werden überschattet von der brutalen Gewalt und Zerstörungswut einiger Gruppen, die in den vergangenen Tagen durch Hamburg liefen, Familienautos abfackelten, Beamte mit Zwillen beschossen, die Straßen verwüsteten.

So umsichtig und vorsichtig man auch ist – manchmal steht man mittendrin, ungewollt. Man rennt. Irgendwo hin. Manche stolpern. Der schwarze Block ist nicht ein schwarzer Block, er zersplittert sich, zieht sich um, schwarze Kleidung, bunte, dann wieder schwarze, kommt wieder, rennt in die Menge, greift an, verschwindet zwischen den Häuserzeilen. „Pass auf dich auf“, wird zur Standardabschiedsfloskel.

Es gab Situationen, da hatte ich Angst. Hier zum Beispiel: Fünf Vermummte jagen einen einzelnen Polizisten, der in voller Montur einen Berg hoch flüchtet. Ich dachte: Wenn sie ihn kriegen, schlagen sie ihn krankenhausreif. Und man kann nichts tun.

Und auch umgekehrt: Aggressive Polizisten, die junge Mädchen mit Turnbeuteln auf dem Rücken an die Wand schubsen, die mit dem Schlagstock in der Hand auf Unbeteiligte zuspringen. Unverhältnismäßig. Was in den vergangenen Tagen in Hamburg geschehen ist, macht einen fassungslos.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier G20 in Hamburg

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