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München Der Amokläufer, der keiner war

Drei Gutachter stufen das Massaker von München im Juli 2016 als Hassverbrechen ein. Grünen-Politikerin Irene Mihalic kritisiert den Umgang mit rechtsextremen Taten.

Münchner Amoklauf
22. Juli 2016: Polizisten gehen in den Einsatz am Olympia-Einkaufszentrum in München. Foto: dpa

Den Abend des 22. Juli 2016 wird die Republik nicht so schnell vergessen. Damals lief ein junger Mann durch das Olympia-Einkaufszentrum von München und schoss scheinbar wahllos auf Menschen. Zweieinhalb Stunden dauerte der Einsatz, bis die Polizei den Täter stellte und dieser sich daraufhin selbst tötete: David S., 20 Jahre alt und Sohn iranischer Eltern.

Unterdessen gab es wilde Spekulationen über die Motive, vor allem in den sozialen Netzwerken. Für den folgenden Tag wurde in Berlin das Sicherheitskabinett einberufen, das üblicherweise bei Terrorakten tagt. Schlussendlich lautete die Diagnose, bei der Tat, der neun Menschen zum Opfer fielen, handele es sich um den Amoklauf eines psychisch Kranken, ausgelöst durch Mobbing von Mitschülern. „Es ist nicht davon auszugehen, dass die Tat politisch motiviert war“, heißt es in dem Abschlussbericht der Münchner Staatsanwaltschaft und des bayerischen Landeskriminalamts.

Die Fachstelle Demokratie der Stadt München beauftragte später die Sozialwissenschaftler Christoph Kopke, Matthias Quent und Florian Hartleb, ein Gutachten zu dem Fall abzugeben. Quent ist Leiter des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena. In dem am Freitag präsentierten Papier kommen die drei zu dem Ergebnis, dass der vermeintliche Amoklauf in Wahrheit eine rechtsradikale Tat gewesen ist.

Dass die bayerischen Behörden korrekt ermittelt haben, daran hegen die Gutachter keine Zweifel. Umgekehrt hegen die Behörden keine Zweifel daran, dass David S. rechtsextremistischem Gedankengut anhing. So wurde nach der Tat ein zwei Seiten langes „Manifest“ publik, das der junge Mann fast genau ein Jahr zuvor verfasst hatte.

Darin skizzierte er seine Leiden als Mobbingopfer – und schrieb zugleich über „ausländische Untermenschen“, von „Kakerlaken“ und Menschen, die er „exekutieren“ werde. Am Tag des Amoklaufs speicherte David S. ein weiteres Dokument auf seinem PC. Darin steht: „Ich werde jetzt jeden Deutschen Türken auslöschen egal wer.“ Bereits während einer Psychotherapie hatte er den Hitlergruß gezeigt, Hakenkreuze gekritzelt und „Sieg Heil“ gerufen. Es handelt sich also so oder so um einen Grenzfall. Dies bestreitet das bayerische Innenministerium nicht.

Die Gutachter kommen freilich zu einem anderen Fazit als die Behörden. Sie stellen nicht das Mobbing ins Zentrum, sondern die Gesinnung von David S. Dieser habe die Tat begangen, als sich der Terrorakt des norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik jährte. Der ebenfalls psychisch gestörte Rechtsextremist tötete am 22. Juli 2011 in der Hauptstadt Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen. 

Grüne sind alarmiert

Die Gutachter betonen auch, dass David S. die Tat minutiös geplant und nicht etwa in seiner alten Schule um sich geschossen habe, sondern eben im Olympia-Einkaufszentrum – auf Menschen, die er gar nicht kannte, die jedoch allesamt einen Migrationshintergrund hatten. Dass David S. nicht Teil eines Netzwerkes, sondern offenbar ein „einsamer Wolf“ gewesen ist, spricht aus Sicht der Gutachter nicht gegen ihre Deutung.

Die innenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Irene Mihalic, die in der vergangenen Legislaturperiode Mitglied im NSU-Untersuchungsausschuss war, nennt es „alarmierend zu sehen, dass sich trotz all der Erfahrungen mit dem NSU-Desaster der Umgang mit rechtsextremen Taten im Grundsatz nicht geändert“ habe.

„Anders als beim Islamismus ist bei der Auswertung rechtsextremer Taten die Neigung groß, Tat und Täter von möglichen Netzwerken und den dahinterstehenden rassistischen Ideologien zu trennen“, sagte sie der FR. Dabei sei bekannt, dass der „einsame Wolf“ auch im Islamismus zwar oft alleine handele, allerdings trotzdem nicht losgelöst sei von sozialen Kontexten. Beim Rechtsextremismus sei es nicht anders.

„Rechtsterroristen haben es immer noch viel zu leicht in unserem Land“, fügte Mihalic hinzu. „Das beunruhigt mich sehr.“

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