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Moschee-Bau Ein Symbol für Toleranz

Straßburgs sozialistischer Bürgermeister geht auf die französischen Muslime zu. Für elf Millionen entsteht eine große Moschee für die Stadt. Nur ein Minarett wird es nicht geben.

25.04.2012 16:58
Jana Schulze
In Straßburg wird der erste muslimische Friedhof eingeweiht. Foto: afp

Straßburgs sozialistischer Bürgermeister geht auf die französischen Muslime zu. Für elf Millionen entsteht eine große Moschee für die Stadt. Nur ein Minarett wird es nicht geben.

Auf den Friedhof im Straßburger Stadtteil Neuhof brennt die Sonne. Ein älterer Mann beugt sich mit seiner Gießkanne über ein Grab und versucht, den trockenen Blumen wieder ein bisschen Leben einzuhauchen. Er heißt Christophe Harquel. Ein aus Algerien stammender Kollege von ihm liegt hier begraben. „Er hatte keine Verwandten mehr in der Heimat, deshalb liegt er hier. Ich finde das gut. Am Ende sind wir sind doch alle gleich“, sagt Harquel.

Einen solchen Friedhof gibt es im laizistischen Frankreich nur einmal. „Cimetière Musulman Public“ steht an der Umfassungsmauer: ein öffentlicher Friedhof allein für Muslime. Von 1973 an fanden Angehörige der muslimischen Religionsgemeinschaft ihre letzten Ruhestätten auf dem Nord- oder dem Südfriedhof der Stadt. Doch dort wurde es eng. Hier gibt es nun Platz für tausend Gräber, in denen die Toten gen Mekka gebettet werden können, wie es die Religion vorschreibt. „Für mich ist dieser Friedhof ein Zeichen: Es ist politisch gewollt, dass es uns mittendrin in dieser Stadt gibt“, sagt der Imam von Neuhof, Saliou Faye. Es klingt stolz und erleichtert zugleich.

Frankreichs Verfassung schreibt zwar seit 1905 die strikte Trennung von Staat und Religion vor, weshalb Friedhöfe eine staatliche Angelegenheit sind. Da aber das Elsass und das lothringische Département Moselle zu diesem Zeitpunkt zu Deutschland gehörten, wirkt in Straßburg noch immer das Konkordat weiter, das Napoleon 1801 mit Papst Pius VII. abschloss. Weil nach diesem Kirchenvertrag kommunale Zuschüsse für Religionsgemeinschaften zulässig sind, konnte die Stadt 800.000 Euro für den muslimischen Friedhof geben.

Der sozialistische Bürgermeister Roland Ries hatte 2008 im Wahlkampf den Bau dieser Ruhestätte zugesagt. „Für mich war immer klar, dass ein Miteinanderleben nur mit gegenseitigem Respekt funktionieren kann – gegenüber denen, die gläubig sind, und jenen, die nicht glauben“, sagt Ries. Zur Einweihung des Friedhofs im Februar griff der Bürgermeister zum Spaten und pflanzte eine libanesische Zeder. „Wir haben ein wirklich gutes Verhältnis sowohl zu den Muslimen als auch zu den anderen Religionsvertretern“, sagt er.

Sarkozy brüskiert Muslime

„Mit Roland Ries hat sich für uns viel zum Guten gewendet“, erklärt Driss Ayachour, Präsident des elsässischen Muslim-Rates. Ayachour ist ein ruhiger Mann. Er kam mit 24 aus Marokko nach Frankreich und blieb. In einem Straßburger Gymnasium unterrichtet er Mathematik. Der Islam, sagt der Strenggläubige, müsse sich mit der Gesellschaft in ganz Europa weiterentwickeln. „Aber jede Entwicklung braucht Zeit, sie geht in Etappen voran. Man kann ja auch nicht an einem Tag Autofahren lernen.“ Der neue Friedhof, so Ayachour, sei vor allem für jene Glaubensbrüder wichtig, die in Frankreich geboren wurden und deren Angehörige nicht immer in Frankreich beerdigt wurden. „Immer wenn der tote Vater oder Großvater eines jungen Mannes zurück nach Algerien oder Marokko gebracht wurde, habe ich gesehen, wie seine eigene Familiengeschichte verloren ging.“

Nach dem Katholizismus ist der Islam mit rund fünf Millionen Gläubigen die größte Religionsgemeinschaft in Frankreich. In Straßburg sind sie mit zehn Prozent der 650000 Einwohner die drittgrößte Glaubensgemeinschaft. Die Mehrheit hat ihre Wurzeln in der Türkei, es folgen Familien aus Marokko, Algerien und Tunesien. Ob sie als Gastarbeiter kamen oder als Studenten – die meisten fühlen sich als Franzosen. „Wir leben hier, wir arbeiten hier, wir zahlen hier unsere Steuern. Aber wir lieben auch den Islam“, sagt Imam Faye.

Vor fünf Jahren keimte unter den Muslimen die Hoffnung auf, sie würden auch an allerhöchster Stelle im Staat verstanden. Nicolas Sarkozy, der damals neue Präsident, versprach ein Frankreich in all seinen Farben, mit all seinen verschiedenen Gemeinschaften. Nur zwei Jahre später verkündete derselbe Sarkozy: „Es kann hier nur einen französischen Islam geben, aber keinen Islam in Frankreich.“ Wenig später folgte das Schleier-Verbot in allen öffentlichen Einrichtungen, das nach Meinung nicht nur muslimischer Kritiker die betroffenen Frauen stigmatisiert, statt ihre Selbstbestimmung zu stärken.

Bau der Großen Moschee

Im Kampf um seine Wiederwahl verschärfte Sarkozy diesen Kurs: Im Wahlkampf erklärte er, dass es künftig kein nach muslimischem Ritus geschlachtetes Fleisch mehr in Schulkantinen geben soll. Der Versuch, auf diese Weise Stimmen aus dem Lager des Front National von Marine Le Pen zu fischen, hatte im ersten Wahlgang kaum Erfolg. Viele Beobachter rechnen jedoch damit, dass Sarkozy in den verbleibenden anderthalb Wochen bis zur Stichwahl noch weitere Konzessionen an die Rechtspopulisten machen wird – auf Kosten seiner muslimischen Landsleute.

In Straßburg immerhin ticken die Uhren anders. Für elf Millionen Euro entsteht direkt am Fluss Ill die Große Moschee der Stadt. Die Idee für das Projekt wurde 2003 geboren. Die damalige konservative Stadtregierung bremste zwar nach Kräften. Dann kam Bürgermeister Ries ins Amt. In fünf Monaten soll die Einweihung der Moschee gefeiert werden. Nur das geplante Minarett durfte nicht gebaut werden.

Unter der Kuppel werde Platz für 1?500 Menschen sein, erklärt Bauleiter Fouad Douai. Die Mosaikleger seien extra aus Marokko eingeflogen worden. „In Architektur und gelebter Religion verbinden sich hier Tradition und Moderne.“

Douai war Sozialarbeiter, ehe er die neue Aufgabe übernahm. In seinem Moschee-Büro stapeln sich Quittungen und Bauzeichnungen, liegen blaue Wandmosaik-Teile neben Aktenordnern, und mittendrin steht der wunderschöne hölzerne Koranständer mit dem aufgeschlagenen Buch seines Glaubens. „Wir wollten von Anfang an, dass die Leute hier im Viertel und in der ganzen Stadt über unsere Moschee diskutieren. Aber nicht darüber, ob, sondern darüber, wie sie Straßburg bereichern kann“, sagt der Bauleiter.

Der Plan scheint zu funktionieren. Am Bauzaun steht eine junge Spaziergängerin, die auf die riesige Kupferkuppel schaut. „Diese Art von Architektur lasse ich mir gefallen“, sagt sie. „Dass die Moschee hier steht, zeigt doch, dass die Stadt ihre Muslime akzeptiert.“

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