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Mohammed-Karikaturen Der geläuterte Hassprediger

In der Krise um die Mohammed-Karikaturen hetzte er die Massen auf. Heute gibt sich der ehemalige Imam Ahmed Akkari geläutert und bedauert seine Rolle des Anstifters.

Gegen die Karikaturen wurde weltweit protestiert, hier ein Bild aus Pakistan. Foto: Reuters

Es ist, so steht es in der Bibel, mehr Freude im Himmel über einen reuigen Sünder als über 99 Gerechte. Und auch auf Erden kann ein Bekehrter mit viel Schulterklopfen rechnen, zumindest, wenn es sich um einen geläuterten Islamisten handelt. In Dänemarks bürgerlichen Medien jedenfalls sind jetzt die Kommentarspalten des Lobes voll für Ahmed Akkari, der dort bisher als Landesverräter galt. „Hut ab vor Akkari!“, titelte die konservative „Berlingske Tidende“ angesichts der öffentlichen Kehrtwende des früheren Hasspredigers.

Vor sieben Jahren, als „Jyllands-Posten“ mit der Veröffentlichung von zwölf Zeichnungen des Propheten Mohammed die Toleranz der Moslems testen wollte, stand der damals 27-jährige Akkari in vorderster Front der Empörten. Er war der Sprecher einer Gruppe radikaler Islamisten, die eine Entschuldigung für die Beleidigung des Propheten forderten, nicht nur von der Zeitung, sondern auch vom dänischen Staat. Er reiste mit anderen Imamen in mehrere Länder des Nahen Ostens, um dort die Prediger zu Protesten gegen Dänemark aufzuhetzen.

Die Mission hatte Erfolg: Hunderttausende Demonstranten zogen auf die Straße, brannten dänische Fahnen ab, setzten dänische Botschaften in Flammen. An die 100 Tote gab es bei gewaltsamen Auseinandersetzungen vor allem in Nigeria; von Libanon und Syrien bis Malaysia und Indonesien manifestierte sich die Wut der islamischen Welt. Verbraucher boykottierten dänische Waren, monatelang waren Käse, Kekse und Arzneien „made in Denmark“ aus arabischen Supermärkten verbannt. „Damals war ich völlig überzeugt, das Richtige zu tun. Die Folgen waren mir egal“, sagt Akkari heute. „Aber was wir taten, war völlig falsch.“

Der Bart ist ab

Der Bart ist ab, Akkari ist älter geworden. „Ich war unerfahren, inzwischen bin ich klüger“, sagte er, als er sich jetzt nach langer Schweigepause wieder zu Wort meldete. In dem Milieu, dem er selbst angehörte, sehe man „alles als Kampf zwischen Gut und Böse“. Man selbst stehe für das „einzig Gute, und alle, die anders denken, werden als Feinde betrachtet, die bekämpft werden müssen. Das ist gefährlich.“ Schon 2007 hatte er sich aus der öffentlichen Debatte abgemeldet. Eigene Erlebnisse bei Reisen in den Nahen Osten bewirkten sein Umdenken. „Ich sah, wie man die Religion für interne Machtkämpfe und zur Selbstpromovierung benützte und erkannte, dass ich mich selbst auf dem gleichen Weg befand.“ Statt weiter als Imam zu wirken, ging er nach Grönland, als Volksschullehrer.

Er las viel. „Ich erkannte, dass es überall Helden und Schurken gibt. Das stimmte nicht mit meinem Bild überein, dass das Gute nur innerhalb meines Glaubens existieren konnte. Ich sah ein, wie wichtig es ist, eine geräumige Gesellschaft zu haben, mit Platz für alle, zu leben und zu denken.“ Damals sah er die Mohammed-Karikaturen als Angriff auf die Werte des Islam. Jetzt, sagt er, verstehe er, was „Jyllands-Posten“ damit bezweckte: eine Debatte über Selbstzensur und die Grenzen der Meinungsfreiheit. „Ich bin nicht sicher, dass das die richtige Methode war. Aber ich akzeptiere das Motiv.“

Damals hatte er vergeblich auf eine Entschuldigung gedrungen. Jetzt ist er es, der sich entschuldigt: „Ich habe ein schlechtes Gewissen über das, was ich mit angezettelt habe. Ich entschuldige mich für meine Rolle, als Dänemark auf die Hass-Karte gesetzt wurde.“ Bei Kurt Westergaard, dem Zeichner der umstrittensten Karikatur mit der Bombe im Turban des Propheten, entschuldigte sich Akkari persönlich.

Westergaard lebt unter ständigem Polizeischutz, mehrmals trachteten ihm Attentäter nach dem Leben. Doch den geläuterten Akkari empfing der 78-Jährige zum Kaffee: „Jetzt bist du kein Islamist mehr, sondern ein Humanist, und solche brauchen wir“, beschied er dem einstigen Feind.

Aus anti-islamischen Kreisen gibt es nun Lob für Akkari. „Er war ein führender Extremist und zum Schaden für Dänemark“, sagt Søren Espersen von der rechten Dänischen Volkspartei, „daher ist es interessant und gut, dass er zur Vernunft gekommen ist.“ Dort, wo er einst verkehrte, ist er hingegen Persona non grata. „Über Ahmed Akkari äußern wir uns nicht“, sagt Imran Shah, der Sprecher des Islamischen Bundes.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Syrien

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