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Mohammed bin Salman Der gnadenlose Prinz

Menschenrechtler werfen Mohammed bin Salman Folter und brutale Unterdrückung von Frauen und Männern vor, die für mehr Gleichberechtigung in Saudi-Arabien kämpfen.

Mohammed bin Salman
Im Zentrum: Kronprinz Mohammed bin Salman, um ihn herum Politiker und internationale Investoren, die von der wirtschaftlichen Reformen profitieren wollen. Foto: rtr

Wie nie zuvor steht Mohammed bin Salman seit dem Staatsmord an Jamal Khashoggi im Kreuzfeuer internationaler Kritik. Jetzt werfen Amnesty International und Human Rights Watch dem saudischen Kronprinzen zusätzlich vor, prominente Frauenrechtlerinnen und ihre männlichen Mitstreiter im Gefängnis foltern und seelisch misshandeln zu lassen. Die vor sechs Monaten festgenommenen Aktivistinnen, die in der Haftanstalt Dhahban nahe der Hafenstadt Dschidda eingekerkert sind, seien mit Stromstößen traktiert und Kabeln geprügelt worden.

Ihre maskierten Peiniger hätten sie zwangsweise umarmt oder geküsst sowie wochenlang in Isolationshaft gehalten – auch für Saudi-Arabien eine bisher beispiellose Quälerei von Frauen.  Eine Gefangene habe mehrfach versucht, Suizid zu begehen. Andere könnten sich nicht mehr richtig auf den Beinen halten oder litten unter heftigem Zittern ihrer Hände, berichtete Amnesty. Obendrein seien bei den Opfern Kratzer und gerötete Stellen im Gesicht sowie an den Handgelenken zu sehen. Mindestens ein Aktivist soll beim Verhörs an der Decke des Raums aufgehängt worden sein.

„Ich war auch im Gefängnis, aber niemand hat mir so etwas angetan“, erklärte Manal al-Sharif, die heute in Australien lebt und 2017 ein Buch über ihren Kampf für Frauenrechte in Saudi-Arabien veröffentlichte. „Das ist eine enorme Verschiebung und wirklich schockierend.“

Die Menschenrechtsorganisationen berufen sich bei ihren brisanten Vorwürfen auf mehrere Zeugenaussagen, die nach Angaben der „Washington Post“ aus dem Dhahban-Gefängnis selbst sowie aus dem persönlichen Umfeld der gefolterten Frauen und Männer stammen. „Nur wenige Wochen nach dem kaltblütigen Mord an Jamal Khashoggi zeigen diese schockierenden Berichte über Folter, sexuelle Übergriffe und andere Formen von Misshandlungen, falls sie sich bewahrheiten sollten, weitere empörende Menschenrechtsverletzungen der saudischen Regierung“, erklärte Lynn Maalouf, Amnesty-Direktorin für den Nahen Osten.

Mindestens vier Frauen und fünf Männer, die gegen die systematische Diskriminierung von Frauen in Saudi-Arabien gekämpft haben, wurden im Mai verhaftet, vier Wochen vor dem Ende des Fahrverbots für Frauen. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem die 29-jährige Loujain al-Hathloul, die zuvor von saudischen Agenten mit Gewalt aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zurückgeholt worden war, sowie die emeritierte Professorin der König Saud Universität und Mutter von fünf erwachsenen Kindern, Aziza al-Yousef.

Vier weitere Aktivistinnen, eine von ihnen Samar Badawi, die Schwester des seit sechs Jahren inhaftierten Bloggers Raif Badawi, kamen im Juni und August hinter Gitter. Ein Twitter-Protest Kanadas, wo die Frau und die drei Kinder von Raif Badawi im Exil leben, löste auf Betreiben von Mohammed bin Salman ein diplomatisches Zerwürfnis zwischen Riad und Ottawa aus.

Alle verhafteten Frauenrechtlerinnen und ihre männlichen Unterstützer sollen vor einen der berüchtigten Terrorgerichtshöfe gestellt werden, wo ihnen Haftstrafen bis zu zwanzig Jahren drohen. Bisher jedoch gibt es keine einzige Anklageschrift. Dafür druckten regierungstreue Zeitungen in einer Schmutzkampagne ihre Fotos mit roten Stempeln „Verräter“ quer über dem Gesicht. Kommentatoren bezichtigten die Verfemten, unentschuldbare Verbrechen begangen zu haben und Agenten ausländischer Botschaften zu sein. „Wer immer das Heimatland für eine Handvoll Geld verscherbelt, hat keinen Platz unter uns“, hieß es. Andere forderten kurzerhand, alle mit dem Schwert hinzurichten.

Die Botschaft des international unter Druck geratenen Kronprinzen an seine Landsleute daheim ist klar: Bürgerrechte in Saudi-Arabien werden von oben gewährt und nicht von unten erkämpft. Politischer Aktivismus ist tabu. 

Das Thema Autofahren ist längst nicht das Einzige, was der weiblichen Bevölkerung auf den Nägeln brennt. Praktisch in allen Lebensbereichen haben Väter, Ehemänner, Onkel oder Söhne das Sagen, ganz gleich, ob es um Heirat, Studium, Pass oder medizinische Eingriffe geht.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Saudi-Arabien

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