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Modellschule in Münster Inklusion klappt – mit viel Arbeit

Schulen, an denen Kinder verschiedener Leistungsstufen zusammen lernen, sind ein Reizthema. Wie die Bildung für alle funktionieren kann, zeigt eine Modellschule in Münster. Ein Besuch.

Inklusion an Schulen
Körperliche und geistige Behinderung sind in Inklusionsschulen kein Hinderungsgrund fürs Lernen. Foto: dpa

Es gibt ein Problem. Einige Mitschüler haben Ben in der Pause beleidigt. „Vogel“, „Vogel“ haben sie ihm hinterhergerufen. Ben hat den Klassenkameraden gesagt, dass sie aufhören sollen. Doch die haben ihn immer weiter beleidigt. „Ich war sehr wütend“, sagt der siebenjährige Junge, „und dann habe ich ihnen den Stinkefinger gezeigt.“

Zornig hat Ben seine Erlebnisse aus der Pause in ein Buch geschrieben. Das Buch hat Schulleiter Reinhard Stähling gerade aufgeklappt, den Eintrag vorgelesen und Ben seine Geschichte vor allen anderen erzählen lassen. „Klassenrat“, so nennt sich die Stuhlkreisrunde in der Modellschule Berg Fidel im westfälischen Münster. Es ist eine Art Kinderparlament, in dem Probleme besprochen werden und wo jeder seine Sicht der Dinge erzählen darf. Zuhören, beraten, Lösungen finden – im besten Fall geben sich die Kinder am Ende die Hand und entschuldigen sich. 

Kinder aus Syrien, Eritrea und aus Roma-Familien

„Ich war auch dabei, ich habe das auch gehört“, sagt Milan plötzlich. Alle Mitschüler richten ihre Augen auf den zwölfjährigen Jungen, hören ihm aufmerksam zu.  Er spricht undeutlich und schnell, gestikuliert mit den Händen, wippt ein wenig mit dem Kopf. Für die anderen Kinder in der Klasse ist das nichts Besonderes. Milan ist geistig behindert - und gehört dazu. Wie jeder andere auch in dieser Klasse. Manchmal übersetzt ein Mitschüler, wenn er Milan besser verstanden hat. Der Lehrer fragt dann: „Milan, hast du das so gemeint?“ Milan nickt oder schüttelt den Kopf, je nachdem.

Der Junge mit dem dunklen Strubbelhaarschnitt lernt in der Klasse „Sonnenblumen“ mit allen anderen – mit Kindern, die schnell lernen, die langsam lernen, die Verhaltensstörungen haben oder als lernbehindert gelten. Kinder aus Syrien, Eritrea, aus Roma-Familien und aus bürgerlichen Münsteraner Familien. Einige sind fleißig, andere unkonzentriert. Manche Kinder in der Klasse überragen ihre Mitschüler um zwei Köpfe. 

Milan fährt jeden Tag zehn Kilometer in den Stadtteil Berg Fidel, um dort zu lernen. Der Stadtteil gilt als sozialer Brennpunkt – trotzdem wollen immer mehr Eltern genau in diesem Stadtteil ihre Kinder zur Schule bringen. Bis zur neunten Klasse können sie dort bleiben und einen Abschluss machen. Eine Elterninitiative kämpft darum, dass die Jugendlichen an der Modellschule auch ihr Abitur ablegen können. Ausgang: ungewiss. 

Während sich die Politik noch den Kopf darüber zerbricht, wie Inklusion und Integration funktionieren kann, wird das in  Berg Fidel schon lange beispielslos gelebt. 

Heterogenität steht nicht auf dem Lehrplan, sondern ist hier Alltag. 20 Prozent der 430 Kinder haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf, 70 Prozent einen Migrationshintergrund. 30 Nationen spielen auf dem Schulhof zusammen. Ein Junge im Rollstuhl ist ein begehrter Spielkamerad – die Kinder lieben es, ihn umherzuschieben. Acht Runden um den Schulhof hätten sie neulich in der Pause geschafft, erzählt ein Mädchen mit langen dunklen Haare stolz. Der Junge strahlt über das ganze Gesicht. Die Schule lehnt kein Kind ab. Rund 50 Schüler werden jedes Jahr neu eingeschult. Niemand fliegt von der Schule, wenn es ein Problem gibt. Wenn es eins gibt, wird es gelöst. Es muss gelöst werden. Mehrere Monate hat es gedauert, bis eine Schülerin, die ständig schrie, gemeinsam mit den anderen im Klassenverband lernen konnte. Jeden Tag ein paar Minuten mehr.

„Man muss es nur wollen. Wir sind schon lange besser als andere Schulen, eben weil wir es müssen. Wir können es uns einfach nicht leisten, Fehler zu machen“, sagt Schulleiter Stähling. Der Lehrer – kariertes Hemd, Birkenstock-Schuhe und Brille – sitzt in seinem Büro, in dem sich Bücher, Ordner und Kartons stapeln. Es sieht nach geordnetem Chaos und viel Arbeit aus. In der Mitte des Tisches steht eine Glasschüssel mit kleinen Halbedelsteinen. Jedes Kind, das eingeschult wird, darf sich einen bunten Stein aussuchen. Manche tragen ihn bis zum Ende der Schulzeit in ihrer Tasche – als Glücksbringer. Von Beginn an stand in Berg Fidel ein Leitgedanke im Vordergrund: Verlässlichkeit und Zuwendung. Das gilt ganz besonders für eine Schule, die in einem Armutsgebiet liegt – also dort, wo Kinder unter anderem durch fehlende Partizipation und Integration emotional stärker belastet sind. Jedes Kind sollte eine Chance haben, also wurde der Schulunterricht angepasst. 

Stähling will Schule neu denken. Sonderschulen, in denen ausschließlich Kinder mit Förderbedarf zusammen lernen, lehnt er strikt ab. Seine Erfahrung zeige: „Es klappt, wenn man will. Aber es ist auch viel Arbeit.“ An Leidenschaft und Engagement mangelt es den Pädagogen nicht. Aber an anderem: An Sozialarbeitern, an Personal, an Geld, um stabilere Strukturen zu schaffen und die vielen Ideen in die Tat umzusetzen. 

Inklusion in Schulen ist in Deutschland ein Reizthema. Lange hat es die Politik kaum interessiert. Umso stärker scheint jetzt der Unmut auf beiden Lagern. Erst vor wenigen Tagen hat die Klage einer Schulleiterin in Bremen bundesweit für Aufsehen erregt. Sie wollte die Einrichtung einer Inklusionsklasse an ihrem Gymnasium verhindern. Und verlor vor dem Bremer Verwaltungsgericht. 

Das Gymnasium in Bremen liegt in einem der wohlhabendsten Stadtteile der Hansestadt. Bis zu fünf Behinderte sollen hier nach den Sommerferien zusammen mit 19 anderen Schülern lernen. Dies widerspreche dem Schulkonzept, argumentiert die Pädagogin. „Abenteuerlich“, so nennte sie das Projekt. Mit ihrer Meinung ist die Bremer Schulleiterin nicht allein. Die Hauptgegenargumente: Kinder mit Behinderung bremsen das Lerntempo, leistungsstarke Schüler werden nicht ausreichend gefördert, die Lehrer sind überfordert, es fehlen Standards und Ausstattung. 

Bremen gilt in Sachen Inklusionsunterricht als Vorreiter bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die die Bundesregierung im Jahr 2009 ratifiziert hat. 77 Prozent der Kinder mit Förderbedarf gehen in Bremen in eine Regelschule. In Berlin sind es 57 Prozent, Hessen bildet mit 23 Prozent das bundesweite Schlusslicht.

Während die frühere rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen die Inklusion gefördert hatte, schlägt die gelb-schwarze Regierung von Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) nun plötzlich eine Kehrtwende ein. Sie will Förderschulen erhalten, inklusiver Unterricht in Haupt-, Real-, Gesamtschulen und Gymnasien soll nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen angeboten werden. Dabei belegen Zahlen, dass drei von vier Eltern positive Erfahrungen mit dem gemeinsamen Lernen ihrer Kinder – unabhängig vom Förderbedarf des Kindes.

Die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen im Bundstag, Corinna Rüffer, ist über diesen Rückschritt entsetzt. „Derweil arbeitet die neue Landesregierung in NRW leider weiter daran, die schulische Inklusion unter dem Deckmantel verbindlicher Qualitätsstandards einzuhegen und das ausschließende Förderschulsystem zu stabilisieren“, kritisiert sie. Sie fordert, dass die Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern eine Strategie und einen Zeitplan entwickle, um das inklusive System in Deutschland umzubauen. Das Menschenrecht auf inklusive Beschulung gebe es nicht umsonst. 

„Wir werden es nur erreichen, wenn die vorhandenen Mittel und die sonderpädagogische Förderung konsequent an die Regelschulen umgeschichtet werden. Solange sich die Politik vor dieser Entscheidung drückt, bleiben viele Kinder auf der Strecke.“ 

Trotzdem oder auch gerade weil die schulische Inklusion so polarisiert, ist der Schulleiter von Berg Fidel der Meinung, dass man die Sorgen und Ängste der Eltern ernst nehmen müsse. „Die Argumente und Vorurteile müssen entkräftet werden. Am besten durch positive Beispiele wie in Berg Fidel“, sagt er. Und: Nicht jede Schule müsse inklusiv sein, „sondern nur die, die auch bereit dafür sind und wollen“. Diese Schulen müssten unterstützt und ihnen nicht noch zusätzlich die Arbeit erschwert werden. 

Es ist kurz vor acht Uhr morgens, als die Kinder nach und nach in die Klassenräume strömen. Manche von ihnen haben vorher in der Schule gefrühstückt, ein freiwilliges Angebot. Einige Kinder setzen sich gleich hin, arbeiten konzentriert an den Tischen, andere sind noch viel zu hibbelig, um sich an die Aufgaben zur Bruchrechnung zu setzen. Die Lehrerin spielt mit ihnen, langsam werden sie ruhiger. 

In der Modellschule lernt jedes Kind nach seinem eigenen Tempo, auf seinem eigenen Niveau, an seinen eigenen Aufgaben, die aufeinander aufbauen. In jeder Klasse sitzt auch ein Integrationshelfer. Dieser betreut Milan, den geistig behinderten Jungen. Die beiden sitzen an einem Rechner, machen Übungen. Zwei Mädchen – die eine geistig behindert, die andere lernschwach – sitzen zusammen und helfen sich gegenseitig. 

Frontalunterricht an der Tafel mit festen Sitzplätzen? Fehlanzeige. „Ich mache keinen Unterricht. Ich mache ‚Lernen‘, sagt Stähling. „Ich stehe keine Minute an der Tafel“. Der Schulleiter sitzt an einem Tisch inmitten des Raums. Immer wieder kommen die Kinder zu ihm, lassen sich ihre Aufgaben abzeichnen, sich Übungen erklären. Stähling weiß genau, auf welchen Wissenstand jedes Kind ist. Hat ein Schüler eine neue Aufgabe geschafft, macht der Lehrer ein Häkchen auf seiner Liste, klopft dem Kind väterlich auf die Schulter und gibt eine neue Anweisung. Alles läuft routiniert, konzentriert. 

Das wichtigste Element bei der schulischen Inklusion sei die Auflösung der Jahrgangsgrenzen, so Stähling. Der Pädagoge setzt da an, wo die Kinder stehen. Egal, ob jemand schon im Kopf dividieren kann oder noch am Rechner grübelt, aus wie vielen halben Tortenstücken ein ganzer Kuchen zusammengesetzt ist. Für ihn ist das „ganz logisch“. Er kann einfach nicht verstehen, dass Schüler in Regelschulen mit Defiziten in einigen Fächern weiter versetzt werden, obwohl sie etwas nicht verstanden haben: „Das ist doch fatal.“

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