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Mittelmeerflüchtlinge Schiff „Mare Ionio“ startet Richtung Libyen

Die italienische Initiative „Mediterranea“ will Beweise für weiterhin katastrophale Lage von Bootsflüchtlingen sammeln. Sie kann bis zu 130 Menschen an Bord nehmen.

Alessandro Metz ist eigentlich Sozialarbeiter. Doch die Politik hat aus dem 50 Jahre alten Italiener einen Reeder gemacht – einen „sozialen Reeder“, wie er betont. Gemeinsam mit italienischen Parlamentariern, Intellektuellen und Hilfsorganisationen hat Metz einen Kredit aufgenommen und das 37 Meter lange Schiff „Mare Ionio“ gekauft. Es soll die Lage der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer vor Libyen dokumentieren und ein Signal gegen die migrantenfeindliche Politik der Regierung in Rom und ganz Europas senden. Metz ist offiziell der Schiffseigner. Die neue Initiative nennt sich „Mediterranea“. Auch die deutsche Hilfsorganisation Seawatch ist daran beteiligt.

Der umgebaute Schlepper, der unter italienischer Flagge fährt, lief am Donnerstag aus dem Hafen Palermo zu seinem zweiten Einsatz vor der libyschen Küste aus. Metz und seine Mitstreiter fordern damit die populistische Regierung in Rom und vor allem den rechten, migrantenfeindlichen Innenminister Matteo Salvini heraus, der Flüchtlingsrettern den Kampf angesagt hat und Italiens Häfen für Schiffe mit Migranten an Bord schließt. Nachdem Salvini mehrfach Hilfsschiffe tagelang blockieren oder beschlagnahmen ließ, ist von ehemals neun Hilfsorganisationen nur noch die spanische Open Arms im Mittelmeer aktiv. Aber auch sie hat seit Wochen kein Schiff mehr vor die libysche Küste geschickt.

„Die Politik tut so, als würden keine Flüchtlingsboote mehr in Libyen losfahren, weil es keine Rettungsschiffe mehr gibt“, sagt Metz. „Aber das Massaker geht weiter, in der Zwischenzeit ertrinken Hunderte Menschen im Meer. Und alle, die Zeugen sein könnten, will man fernhalten.“ Die zentrale Mittelmeerroute sei nach wie vor die gefährlichste Grenze der Welt. Die aggressive Politik der italienischen Regierung führe jedoch dazu, dass die Pflicht zur Seenotrettung missachtet werde, sagt Metz. „Viele Handelsschiffe sehen einfach weg.“

In diesem Jahr sind bislang knapp 22 000 Migranten und Asylsuchende über das Meer nach Italien gekommen, 90 Prozent weniger als noch 2016. Die Zahl der Toten aber ist drastisch gestiegen. Schon mehr als 1700 Flüchtlinge ertranken 2018 im Mittelmeer. UNHCR und die Internationale Organisation für Migration (IOM) führen das auf die stark eingeschränkten Rettungseinsätze zurück. Zuständig ist nur noch die libysche Küstenwache, die Flüchtlingsboote abfängt und die Menschen zurück nach Libyen und in Lager bringt. Hauptaufgabe der „Mar Ionio“ ist deshalb das Monitoring: Sie soll beobachten, was in den Gewässern vor Libyen vor sich geht und zeigen, dass die Lage nach wie vor dramatisch ist. Das Schiff ist mit Rettungsbooten und –westen ausgestattet und kann bis zu 130 Flüchtlinge an Bord nehmen. Als Hilfsorganisation sieht sich „Mediterranea“ nicht. „Wir sind eine Plattform, die allen offen steht, die sich der barbarischen europäischen Flüchtlingspolitik widersetzen wollen“, betonen die Initiatoren.

Als die „Mare Ionio“ Anfang Oktober erstmals in See stach, kommentierte Innenminister Salvini: „Macht was ihr wollt, nehmt ein Tretboot, fahrt nach Tunesien, Libyen oder Ägypten, fahrt wohin ihr wollt, aber nicht nach Italien.“

„Mediterranea“ wollte eigentlich ein Schiff anmieten. Doch Makler und Reedereien machten einen Rückzieher, sobald sie von dem Projekt hörten, erzählt Metz. Der 360 000 Euro teure Kauf und Umbau der „Mare Ionio“ wurde mit einem Kredit der italienischen Ethik-Bank finanziert. Mehrere Abgeordnete einer linken Kleinpartei sowie der frühere Regionalpräsident von Ligurien, Nichi Vendola, bürgten mit ihrem Privatvermögen.

Unterstützt wird die „Mare Ionio“ von knapp 100 italienischen Autoren, Regisseuren und Schauspielern, darunter der Schriftsteller Sandro Veronesi und der Filmemacher Paolo Virzì („Die süße Gier“). Sie wollen den Vorwurf widerlegen, dass Italiens Intellektuelle zur migrantenfeindlichen Politik der Regierung schweigen. Mit Lesungen in neun Städten sammelten sie in den vergangenen Tagen insgesamt 250 000 Euro für das Projekt. „Wir tun das nicht, um die Flüchtlinge zu retten, sondern um uns zu retten“, erklärte die Künstlerinitiative. „Weil zusammen mit ihnen auch unser Gewissen untergeht“.

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