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Missbrauch in der Kirche Tausende Fälle von Missbrauch in der Kirche

Eine Studie der Deutschen Bischofskonferenz über den sexuellen Missbrauch an Minderjährigen in der katholischen Kirche präsentiert dramatische Zahlen.

12.09.2018 22:00
Kreuz im Gegenlicht
Eine Studie zum Thema Missbrauch in der Kirche zeigt erschreckende Zahlen. Foto: Friso Gentsch (dpa)

Jahrzehntelanger Missbrauch und Vertuschung: Die Studie der Deutschen Bischofskonferenz über den sexuellen Missbrauch an Minderjährigen in der katholischen Kirche präsentiert dramatische Zahlen, wie mehrere Medien am Mittwoch berichten. Dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zufolge erfasst sie zwischen 1946 und 2014 insgesamt 3.677 sexuelle Vergehen durch 1.670 Kleriker an überwiegend männlichen Minderjährigen. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete von Aktenvernichtung. Die Opfergruppe „Eckiger Tisch“ und die Initiative „Wir sind Kirche“ sprachen von erschütternden Zahlen. Die Deutsche Bischofskonferenz kritisierte die Vorab-Veröffentlichung scharf, nannte die Ergebnisse aber „bedrückend und beschämend“. Unterdessen kündigte der Papst einen Gipfel an, bei dem das Thema Missbrauch auf der Tagesordnung stehen wird.

Laut „Spiegel“ waren mehr als die Hälfte der Opfer maximal 13 Jahre alt, in etwa jedem sechsten Fall kam es zur Vergewaltigung. Es bestehe außerdem Grund zur Annahme, dass der Missbrauch andauere, zitiert der „Spiegel“ die Studie. Die „Zeit“ berichtete, von den 1.670 Beschuldigten sei gegen 566 ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet worden, 154 hätten ohne Strafe oder Sanktionen geendet.

In 103 Fällen habe es eine Ermahnung gegeben, gegen knapp 38 Prozent sei Strafanzeige gestellt worden, meist von den Betroffenen oder ihren Familien. Repräsentanten der Kirche haben laut „Zeit“ nur in 122 Fällen die weltliche Justiz eingeschaltet, das entspricht 7,3 Prozent der Beschuldigten.

Zugleich berichten die Medien von strukturellen Mängeln. „In einigen Fällen fanden sich eindeutige Hinweise auf Aktenmanipulation“, zitiert die „Zeit“ die Studie. In zwei Bistümern seien früher Akten vernichtet worden. Die Forscher hätten zudem beklagt, dass sie keinen direkten Zugang zu den Archiven erhielten.

„System aus Missbrauch und Vertuschung“

Der „Eckige Tisch“ sieht in den Zahlen einen Beleg dafür, dass die katholische Kirche wie in den USA, Australien oder Irland „in ein System aus Missbrauch und Vertuschung verstrickt“ sei. Sprecher Matthias Katsch mahnte, zu erwartende Entschuldigungserklärungen blieben so lange unglaubwürdig, wie die Bischöfe sich nicht zu einer umfassenden Aufarbeitung und einer angemessenen Entschädigung bereiterklärten. „Wir sind Kirche“ schätzt, dass die Zahlen „wohl nur die Spitze des Eisbergs“ zeigten, die Studie dürfe die Aufarbeitung nicht beenden. Zugleich mahnte die Initiative tiefgreifende Reformen an, um den Opferschutz zu stärken und einen „systemimmanenten Täterschutz“ zu überwinden.

Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, kritisierte die Vorab-Veröffentlichung als „schweren Schlag“ für die Betroffenen. Für die Herbst-Vollversammlung, in deren Rahmen die Bischofskonferenz am 25. September die Studie vorstellt, sei ein Beratungs-Telefon für jene geplant, die durch die Berichtserstattung aufgewühlt seien. Diese Menschen sollten sich vorerst an die Telefonseelsorge, die Internetseelsorge oder den Missbrauchsbeauftragten der Bistümer wenden.

Papst Franziskus plant Treffen im Vatikan

Ackermann bekräftigte, Ziel der Studie sei es, mehr Klarheit und Transparenz zu erhalten „und zwar um der Betroffenen willen, aber auch um selbst die Verfehlungen sehen und alles dafür tun zu können, dass sie sich nicht wiederholen“. Der Deutschen Bischofskonferenz gehe es um eine verantwortungsvolle und professionelle Aufarbeitung. Die Studie werde Zahlen und Analysen bieten, „aus denen wir weiter lernen werden“.

Die Bischofskonferenz hatte 2014 die Studie an ein Konsortium unter Leitung von Harald Dreßing vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim vergeben. Beteiligt sind auch das Kriminologische Institut und das Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg sowie der Lehrstuhl für Kriminologie der Universität Gießen.

Papst Franziskus will sich im Februar mit den Chefs der weltweiten katholischen Bischofskonferenzen im Vatikan über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche beraten. Das Treffen „zum Thema Kinderschutz“ findet vom 21. bis 24. Februar im Vatikan statt, wie die vatikanische Vizesprecherin Paloma Garcia Ovejero (Mittwoch) ankündigte. Es ist das erste Mal, das Papst Franziskus die Leiter aller Bischofskonferenzen zu dem Thema versammelt. (FR/epd/kna)

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