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Missbrauch in der Kirche „Das ist alles Verleumdung, ist das klar?“

Vor fünf Jahren wurde Papst Franziskus zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt. Er versprach einen harten Kurs im Umgang mit kirchlichem Missbrauch. Doch „null Toleranz“ sieht anders aus. Eine Bilanz.

Papst Franziskus
Barmherzigkeit ist eines der Steckenpferde von Papst Franziskus – zuweilen auch im Umgang mit pädophilen Geistlichen. Foto: rtr

Er nannte sich selbst der Papst, den die Kardinäle bei ihrer Wahl vor fünf Jahren „vom anderen Ende der Welt“ auf den römischen Bischofsstuhl geholt haben. Seither hat die katholische Kirche mit dem Argentinier Jorge Mario Bergoglio erstmals einen Papst aus der so genannten „Neuen Welt“. Aber hat der heute 81-jährige Franziskus auch eine „neue Kirche“ auf den Weg bringen können, wie es schon früh die Erwartung war, die bei seiner erfolgreichen Wahl zum Papst mit dem weißen Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle drang?

Verzogen ist der Rauch der Erwartung vom 13. März 2013 nicht. Auch deshalb nicht, weil Franziskus die Neuerungserwartung an sein Pontifikat selbst befeuert hat: Schon in seinem apostolischen Antrittsschreiben „Evangelii Gaudium“ („Die Freude des Evangeliums“) präsentierte er der Welt die Vision von einer „verbeulten Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist“ – im Gegensatz zu einer Kirche, „die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist“.

Benedikts harte Vorgaben

„Verletzt und beschmutzt“ war die Kirche indessen schon lange vor Bergoglios Amtsantritt, nur freilich anders, als es dem Argentinier vorschwebt: Der Missbrauchsskandal hatte die katholische Kirche nachhaltig in Misskredit gebracht und war eine der Hypotheken, die Benedikt XVI. seinem Nachfolger hinterlassen hat.

Und das, obwohl der deutsche Papst bereits mit harten Bandagen gegen Missbrauchsfälle vorgegangen war: 2010 machte Benedikt XVI. die zügige Entlassung eines Geistlichen aus dem Klerikerstand weltweit möglich. Diese nach der Exkommunikation schwerste Kirchenrechtstrafe kann die Glaubenskongregation seither auch ohne Gerichtsverfahren auf dem Verwaltungsweg verhängen. Auch sind die Bischöfe seither verpflichtet, der Glaubenskongregation schon „eine mindestens wahrscheinliche Nachricht über eine schwerwiegendere Straftat“ sexueller Art zu melden, damit diese unabhängig von weltlichen Prozessen über den Verbleib eines Geistlichen im Klerikerstand mitentscheiden kann.

Auch Franziskus versprach „null Toleranz“. Das klingt nicht nach Barmherzigkeit, von der er ansonsten so gerne predigt. Die ließ Franziskus aber wider der gebotenen Härte gegen Missbrauchsvorfälle, die sein Vorgänger anvisierte, und auch wider der selbst gesetzten Marschrute dennoch walten, als er 2014 das Urteil eines kirchlichen Gerichts im norditalienischen Bistum Crema abmilderte. Franziskus verfügte, dass der des mehrmaligen Missbrauchs überführte Priester Mauro Inzoli „ein Leben im Gebet und demütiger Zurückhaltung“ führen solle – statt ihn aus dem Priesterstand zu entlassen, wie es die Glaubenskongregation noch unter Benedikt XVI. wollte.

Die Rechnung dieser falschen Barmherzigkeit: Inzoli wurde rückfällig. Im Juni 2016 verurteilte ihn die italienische Justiz wegen sexuellen Missbrauchs an vier Minderjährigen zu fast drei Jahren Haft. Im September äußerte sich Franziskus zu seiner verhängnisvollen Milde: „Es war das einzige Mal, dass ich das gemacht habe.“ 

Dabei sah Franziskus schon bei der Personalie des australischen Kardinals George Pell darüber hinweg, dass dieser seit langem im Verdacht steht, allzu nachsichtig mit missbrauchsbeschuldigten Geistlichen gewesen zu sein: 2013 holte ihn Franziskus in seinen engsten Beraterkreis zur Umstrukturierung der römischen Kurie; 2014 machte er Pell zum Finanzchef des Vatikan.

Und das, obwohl Pell in Australien zu der Zeit bereits im Visier der staatlichen Kommission zur Untersuchung des Umgangs von Institutionen mit Missbrauchsfällen stand. Die Vorwürfe gegen Pell reichen bis in seine Zeit als Priester in seiner australischen Heimatgemeinde Ballarat (1976-1980) und als Erzbischof von Melbourne (1996-2001) zurück. Obwohl Pell den Papst bei seiner Berufung in die exponierten vatikanischen Gremien auf die Untersuchungen in seiner Heimat aufmerksam macht, setzt Franziskus auf den australischen Kirchenfürsten. 

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