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Missbrauch an der Odenwaldschule Gemobbt, geschlagen, vergewaltigt

Die Odenwaldschule, pädagogisches Vorzeige-Projekt, wird von ihrer Vergangenheit eingeholt. Über Jahrzehnte sollen dort Schüler missbraucht worden sein. Doch die massiven Vorwürfe von Ex-Schülern wurden immer wieder heruntergespielt. Von Jörg Schindler

06.03.2010 00:03
Von Jörg Schindler
Das Goethehaus der Privatschule in Ober Hambach bei Heppenheim in den 70er-Jahren. Zu dieser Zeit und später in den 80ern wurden an der Odenwaldschule zahlreiche Kinder sexuell missbraucht. Foto: ddp

Am 17. April 2010 feiert die Odenwaldschule ihr 100-jähriges Bestehen. Im Kurfürstensaal des Kurmainzer Amtshofs zu Heppenheim wird eine Ausstellung über das Vorzeigeprojekt der Unesco eröffnet. Später dann, im Juli, beginnt die eigentliche Festwoche, die Kammerphilharmonie Bremen spielt auf, viele prominente Altschüler geben sich im Südhessischen die Ehre, darunter die Moderatorin Amelie Fried. Es könnte eine rauschende Party werden. Aber es wird wohl nicht so kommen. Denn in diesen Tagen ist die Odenwaldschule (OSO) endgültig von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt worden.

Anfang dieser Woche erreichte sämtliche Eltern von OSO-Schülern ein alarmierender Brief von Schulleiterin Margarita Kaufmann. Es sei gut möglich, warnt Kaufmann, dass die OSO in Kürze deutschlandweit im Rampenlicht stehen werde - womöglich werde es ihr dabei ähnlich ergehen wie zuletzt dem Berliner Canisius-Kolleg.

In einer beigefügten Stellungnahme der Schulleitung wurde Kaufmann noch deutlicher: In den 70er und 80er Jahren seien etliche Minderjährige "Opfer sexueller Übergriffe nicht nur durch den damaligen Leiter der Odenwaldschule geworden". Das "Ausmaß der Verbrechen", so die Rektorin, habe ihre Schule "massiv erschüttert und irritiert".

Kaufmann hat in den vergangenen Monaten zahlreiche Gespräche mit Altschülern geführt, deren Aussagen sie für "absolut glaubwürdig" hält und in denen ihr nach eigenen Worten "schwindelig wurde". Die ehemaligen Schüler, fast alles Männer, berichteten davon, wie sie als 13-, 14-Jährige von ihren Lehrern regelmäßig durch das Streicheln der Genitalien geweckt, wie sie als "sexuelle Dienstleister" für ganze Wochenenden eingeteilt, wie sie zu Oralverkehr gezwungen wurden. Einzelne Pädagogen hätten gar ihren Gästen Schüler zum sexuellen Missbrauch überlassen.

Mindestens vier ehemalige OSO-Lehrer sind bislang von Altschülern namentlich belastet worden, mindestens 50 Schüler sollen von ihnen missbraucht worden sein. Von bis zu 100 Missbrauchsopfern an der Odenwaldschule gehen die Altschüler insgesamt aus.

Kaufmann, die die Vorgänge zwischen 1970 und 1985 für "eine Tatsache" hält, reicht das nicht: Sie hat einen Brief an alle Altschüler verfasst, die mit ihren Erinnerungen zur Aufklärung beitragen sollen. "Die Schule will das jetzt wissen", sagt sie. Man könnte fragen: Wieso erst jetzt?

Dass die OSO ihren Schülern jahrelang nicht nur "ein zweites Zuhause" bot, wie sie selbst wirbt, ist seit zehn Jahren für jeden, der es wissen wollte, offenkundig. Am 17. November 1999 berichtete die Frankfurter Rundschau unter der Überschrift "Der Lack ist ab" über den bis heute hoch angesehenen Pädagogen, Theologen und ehemaligen OSO-Leiter Gerold Becker. Weil sie es nicht länger ertragen konnten, dass Becker weiterhin als gefragter Handlungsreisender von Podium zu Podium eilt, wandten sich seinerzeit insgesamt fünf Altschüler an die Öffentlichkeit und berichteten über ihre Erfahrungen mit dem pädophilen Pädagogen.

Rund 400 Mal, schilderte etwa der heute 40-jährige Jürgen Dehmers (Name geändert), sei er von Becker sexuell missbraucht worden. Damit von Dehmers schon 1997 schriftlich konfrontiert, antwortete Becker ausweichend, es gebe einiges, "für das ich mich schäme oder schuldig fühle". Die konkreten Vorwürfe ließ er unkommentiert, dafür sei er zu "müde und unkonzentriert". Dehmers wandte sich daraufhin hilfesuchend an die Schule. Deren Trägerverein bat Becker zum Gespräch, in dem dieser den Vorwürfen nicht widersprach und sämtliche Funktionen niederlegte, die er in der OSO noch hatte. Auch den Vorsitz in der Vereinigung der Deutschen Landerziehungsheime gab er ab.

An der OSO aber gab es "keine konsequente Aufarbeitung des Skandals", räumt Schulleiterin Kaufmann ein, die erst seit 2007 im Amt ist. Nie wurde geklärt, ob noch andere Lehrer zu Tätern wurden, nie geprüft, wie viele Schüler missbraucht wurden, nie gefragt, wie ein derart massiver Missbrauch jahrelang unentdeckt bleiben konnte. Der Ex-Lehrer Salman Ansari, der als einer der wenigen offen mit der FR geredet hatte, wurde vom damaligen Vorstandsmitglied und langjährigen SPD-Bundestagsabgeordneten Peter Conradi rüde abgekanzelt: "Nur dumme Lehrer sprechen mit Journalisten."

Die FR selbst wurde aus der OSO-Gemeinde massiv beschimpft, sie wolle ein verdientes libertäres Pädagogik-Projekt zerstören. Eine vom hessischen Kultusministerium nach der Veröffentlichung angekündigte Überprüfung der Schule fand nie statt. Stattdessen verließ sich die abgeschieden im Odenwald gelegene Vorzeige-Anstalt der Reformpädagogik auf ein paar Seminare und Supervisionen und schuf einen "Ausschuss zum Schutz vor sexuellem Missbrauch", besetzt mit internen Lehrkräften. Das war’s.

Im Lauf der Jahre wurden Beckers Widerwärtigkeiten an der OSO dann zu "lange zurückliegenden angeblichen Übergriffen", wurden die fünf Alt-Schüler konsequent zu zweien abgerundet. Ansonsten galt das Wort von Beckers Nachfolger Wolfgang Harder, dass "alle Menschen auch von Herrn Beckers Wirken profitiert hätten". Und Gerold Becker tauchte nach zweijähriger Schamfrist ja auch wieder ungeniert auf: Bis ihn eine schwere Erkrankung stoppte, gab er Bücher heraus, hielt Vorträge. 2002 durfte er für den Friedrich Verlag ein Schüler-Heft zum Thema "Körper" herausgeben. In seinem Vorwort dazu heißt es: "Schule hat die Körper von Kindern und Jugendlichen lange missachtet." Niemand nahm daran Anstoß - außer Beckers langjährigen Opfern.

Als sich die OSO im vergangenen Jahr anschickte, ihr Jahrhundert-Jubiläum gebührend vorzubereiten, hakten vier Altschüler noch einmal in Ober-Hambach nach. Und anders als vor zwölf Jahren stießen sie diesmal auf offenere Ohren. Margarita Kaufmann, die neue Schulleiterin, reagierte zunächst überrascht. Vom Vorstand, sagt sie heute, habe sie bei Amtsantritt stets gehört, die lästige Becker-Episode sei "beendet und abgeschlossen". Nun aber sah sie sich den erbosten Altschülern gegenüber, die seit Jahren vergeblich auf ein Wort der Entschuldigung warteten und in der Zwischenzeit neue - unglaubliche - Details zu den Vorgängen an der Odenwaldschule gesammelt hatten. Kaufmann beschloss, ihnen zuzuhören.

Im Frühjahr 2009 fand in Frankfurt am Main das erste von drei Treffen zwischen den Altschülern und Vertretern der OSO statt. Was dort vor laufender Kamera besprochen wurde, ist dazu angetan, das Flaggschiff der Reformpädagogik nachhaltig zu beschädigen. Der Diplom-Psychologe Walter Schwertl, der die Gespräche moderierte, hält in seinem sechsseitigen, der FR vorliegenden Bericht massive sexuelle Verbrechen an der OSO über Jahrzehnte hinweg für erwiesen. Mit zum Teil verheerenden Konsequenzen für die Opfer: "Schwerer Alkoholmissbrauch über Jahre, massiver dauerhafter Konsum illegaler Drogen und kaum fassbares seelisches Leiden waren die Folgen."Dabei berichteten mehr als ein Dutzend Alt-Schüler nicht nur von Übergriffen durch Gerold Becker, "die auch den Straftatbestand der Vergewaltigung erfüllen". Auch drei andere Ex-Lehrer (deren Namen der FR bekannt sind) werden von ihnen als Sexualtäter bezichtigt. Sie und weitere sechs Lehrkräfte haben nach Aussagen der Schüler außerdem Schutzbefohlene gemobbt, geschlagen, mit Drogen und Alkohol versorgt oder gar beim gemeinschaftlichen Missbrauch eines Mädchens nicht eingegriffen. Besonders heikel: Drei Altschüler werfen Hartmut von Hentig, dem Nestor der deutschen Reformpädagogik, vor, den Missbrauch gedeckt zu haben. In einem Brief vom 19. Februar 2010 an alle OSO-Gremien schreiben sie: "Hartmut von Hentig ist nicht nur der langjährige Lebensgefährte von Gerold Becker, er war auch durch seine häufigen Besuche in der OSO mit den Umgangsformen in Beckers ,Familie‘ vertraut." Hentig selbst sagte der FR: "Das ist grotesk." Becker habe sich "dadurch ausgezeichnet, dass er immer sehr offen Mädchen und Jungen bei sich ein- und ausgehen ließ". Mehr habe er "natürlich nicht mitbekommen".

In ihrem Brief vom 19. Februar schreiben die Altschüler außerdem: "Unsere Geduld ist erschöpft." Denn so offen die Gespräche in Frankfurt auch geführt wurden - "danach passierte wieder monatelang nichts", sagt der Betroffene Stefan Diers (Name geändert). Im Dezember gab es noch einmal eine interne Konferenz an der OSO, bei der der Vorstand nicht vollzählig versammelt war. Die Vorstandsvorsitzende Sabine Richter-Ellermann verließ frühzeitig den Raum.

Wieder, sagt der Altschüler Dehmers, habe die Schule Anstalten gemacht, sich vor ihrer Verantwortung zu drücken. Noch immer herrsche an der OSO, was er das "System Becker" nennt: Weil jeder etwas vom anderen wisse, habe nie jemand den Mund aufgemacht. Auch der Ex-Lehrer Ansari ist zutiefst enttäuscht: "Der Schule ging es immer nur um ihren schönen Ruf. So ist es bis heute." Diesmal aber ließen die Altschüler nicht locker und stellten der Schule ein Ultimatum: bis zu diesem Sonntag, so ihre Forderung, solle sich der Vorstand öffentlich entschuldigen. Außerdem verlangen sie detaillierte Angaben über "die Anzahl der Betroffenen, die Benennung der Täter und die Analyse des Systems, welches die Misshandlungen ermöglicht hat". Schließlich müsse die Vorstandsvorsitzende Richter-Ellermann wegen "ihrer jahrelangen und bis heute andauernden Untätigkeit" zurücktreten.

Der Brief löste in der OSO hektische Aktivitäten aus. Nach heftigem internen Gerangel rang sich der Vorstand am 1. März eine Stellungnahme ab, in der er den jahrelangen Missbrauch durch Lehrkräfte "erkennt" und "eine neue Haltung" gegenüber den Opfern verspricht. Vier der Altschüler erhielten kurz darauf eine Entschuldigung. Sie gipfelt in dem Satz: "Wir bitten auch um Verzeihung für die lange Zeit, die es gedauert hat, bis Ihre Verletzungen in der Schule wirklich wahrgenommen und anerkannt wurden."

Jürgen Dehmers aber sagt: "Jetzt ist es zu spät." Die Schule habe erst reagiert, als sie mit dem Rücken zur Wand stand. Wie ernst es der OSO tatsächlich mit der Aufarbeitung sei, zeige die Tatsache, dass der Bericht des Frankfurter Psychologen Schwertl mit all den Schilderungen des jahrelangen Missbrauchs nicht in der Festschrift zum 100-jährigen OSO-Bestehen erscheinen soll. "Es kann jetzt nur noch um eine vollständige Aufklärung und eine vollständige Publikation gehen", sagt Dehmers. Vorher werde er keine Ruhe geben.

Und die Zahl seiner Mitstreiter wächst. Auch der Altschüler-Verein ist inzwischen tätig geworden und verlangt eine lückenlose Information. Am 27. März wird es eine außerordentliche Mitgliederversammlung geben. Altschülerin Amelie Fried hat dem Vorstand mitgeteilt, sie werde im Juli "für keine wie auch immer geartete Jubel- oder Vertuschungsveranstaltung zur Verfügung stehen". Sie werde nur kommen, wenn der vermeintliche Feier-Tag statt dessen dem Thema "Missbrauch, Aufarbeitung und Prävention" gewidmet werde. Auch Fried fordert "den sofortigen und kompletten Rücktritt des Vorstandes des Trägervereins". Dessen Vorsitzende Richter-Ellermann kann man dazu nicht befragen: Sie will sich einstweilen nicht öffentlich äußern.

Immerhin: Ihre Homepage hat die Odenwaldschule auf Druck der Altschüler jüngst leicht verändert. Bis Mitte Februar stand dort noch unter der Rubrik "über die OSO" ein sinniges Zitat von Hartmut von Hentig. Es lautet: "Endlich die Schule, die Rousseau gefordert hat … Sie guckt auf die Kinder, sieht, was sie brauchen, und sieht auch die Folgen dessen, was sie selbst tut." Der Satz ist inzwischen verschwunden.

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