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Misereor-Vorsitzender im Interview "Freudenschreie nach der Stimmabgabe"

Josef Sayer, Vorsitzender des katholischen Hilfswerks Misereor, beobachtet im Rahmen einer offiziellen Delegation internationaler Kirchenvertreter das Referendum im Südsudan.

12.01.2011 12:05
Ein Sudanese gibt seine Stimme ab. Foto: dpa

Herr Sayer, wie ist Ihr Eindruck vom Verlauf des Referendums?

Die Ruhe, Diszipliniertheit und der hohe Grad Organisation sind für uns Beobachter eigentlich unglaublich. Die Menschen verbinden diese Wahl mit der Hoffnung, dass eine lange Geschichte der Gewalt zu Ende geht. Ich habe erlebt, wie ein Wähler nach seiner Stimmabgabe regelrecht einen Freudenschrei ausgestoßen hat. Die Menschen haben das Gefühl, sie wählen die Freiheit.

Haben Sie etwas von den Morden mitbekommen, die an Bürgern auf dem Weg zu den Wahllokalen verübt wurden?

Nur aus Radio und Fernsehen. Das ist im Norden der Region geschehen, in dem umstrittenen Grenzgebiet. Ich habe allerdings auch mit einem Bischof dort telefoniert, der mir sagte: Er habe Sorge gehabt, dass die Zentralregierung unter Omar Al-Baschir Stammesmilizen zu Gewalttaten anstacheln könnte, um die Wahl zu stören. Nichts davon sei bislang zu beobachten. Die Lage sei ruhig, die Menschen gingen zur Wahl, zum Teil bildeten sich lange Schlangen. Im Norden des Sudan, etwa in Khartum, ist die Stimmung nach Auskunft von Beobachtern allerdings völlig anders: gedrückte Atmosphäre, kaum Leute in den Wahllokalen.

Wie hoch schätzen Sie die Gefahr eines Kriegs ein?

Je stärker das internationale Interesse am Schicksal des Südens ist, desto geringer. Es sind viele afrikanische Beobachter hier. Kofi Annan ist da. Ich habe auch den früheren US-Präsidenten Jimmy Carter getroffen oder John Kerry, den Vorsitzendes des Ausschusses für Außenpolitik im US-Senat. Er hat am Sonntag im Gottesdienst eine Ansprache gehalten mit den Glückwünschen Barack Obamas und der Zusicherung, dass die USA den Südsudan auch weiterhin unterstützen werden, wenn es – wovon ich fest ausgehe – zur Unabhängigkeit kommt. In dieser Lage, so die allgemeine Überzeugung hier, kann Al-Baschir keinen Krieg riskieren. Im Gegenteil, der Druck auf ihn wächst, das Ergebnis des Referendums anzuerkennen.

Ist der Südsudan überhaupt als souveräner Staat lebensfähig?

Die Frage ist wohlfeil angesichts von zwei Millionen Toten und mehr als vier Millionen Binnenflüchtlingen im Sudan. Das war kein lebendiges Land, sondern ein Haus des Todes. Natürlich wäre es gut gewesen, die strittigen Fragen zwischen dem Norden und dem Süden – Grenzziehung, Zugang zu Wasserquellen – vor dem Referendum zu regeln. Aber wenn es zur Unabhängigkeit kommt, kann der Süden aus einer stärkeren Position heraus verhandeln. Und natürlich braucht der Südsudan weiterhin Hilfe, vor allem beim Auf- und Ausbau eines Bildungs- und Gesundheitssystems, aber auch für die Ausarbeitung der künftigen Verfassung.

Faktisch wird im Sudan eine Grenzlinie gezogen zwischen Muslimen im Norden und Christen im Süden. Ist religiöse Trennung wünschenswert?

Der Sudan ist ein Viel-Stämme-Land. Die daraus entstehenden Streitigkeiten zu schlichten und ein Klima des Respekts entstehen zu lassen, ist Aufgabe der künftigen staatlichen Ordnung. In unseren Bildungsprojekten ist Friedenserziehung ein wesentlicher Bestandteil des schulischen Curriculums. Aber das ist ein langer Weg.

Und das Miteinander der Religionen?

Vertreter der Muslime im Süden sagen mir, sie sähen die Prägung des Nordens durch den von Saudi-Arabien beeinflussten wahhabitischen Islam sehr kritisch. Sie wollten einen afrikanischen Islam. Und katholische Bischöfe in der Region haben ihre Hoffnung bekräftigt, dass sich die Muslime in das neue Gemeinwesen integrieren, in dem die Christen in der Mehrheit sind. Abzulehnen ist der Missbrauch der Religion durch den Norden mit dem Ziel, einen islamischen Staat zu errichten, in dem Angehörige anderer Religionen zu leiden hätten.

Interview: Joachim Frank

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