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Militäreinsatz Russland rüstet in der Arktis auf

Russland entdeckt seine Nordfront neu, es geht um Rohstoffe im Polarmeer: Das Land beansprucht arktische Gewässer von 1,2 Millionen Quadratkilometern, auf deren Grund bis zu zehn Milliarden Tonnen Öl und Gas lagern sollen. Konflikte mit dem Westen sind programmiert.

Norilsk an der arktischen Grenze: Wenn Russland sich die Arktis aneignet, kann der Norden auf neue Investitionen hoffen. Foto: REUTERS

Dick vermummt und schwer bepackt, sie sahen aus wie Eisbären in Tarnanzügen, die sich reihenweise aus dem IL-Transportflugzeug ins Nichts stürzten. „Wo sie sind, ist der Sieg“, jubelte ein Reporter des Armeefernsehsenders Swesda (Stern). „Ein Ereignis, reif fürs Guinness-Buch der Rekorde“, schwärmte die Regierungszeitung „Rossijskaja Gaseta“. „Erstmals in der Geschichte sprang eine ganze Abteilung Fallschirmjäger auf eine im Ozean treibende Eisscholle ab.“

Über 50 russische und weißrussische Fallschirmjäger landeten vergangene Woche auf dem arktischen Eis, etwa 100 Kilometer vom Nordpol entfernt, bei 56 Grad minus und schlechter Sicht. Allerdings war die Eroberung ihrer Eisscholle nicht ganz so tollkühn, wie die vaterländische Presse sie darstellte. Das Eisfeld, auf dem sie landeten, ist sehr geräumig und auch ohne Fallschirm zu erreichen: Darauf befindet sich die russische Forschungsstation „Barneo“ mit eigener Start- und Landebahn; unlängst veranstalteten dort Extremsportler aus 22 Ländern einen polaren Marathonlauf.

Aber Russlands Streitkräfte machen in der Arktis ihre eigenen Schlagzeilen. 2013 begannen die Russen, mehrere stillgelegte sowjetische Flugplätze neu instandzusetzen. Der frühere sowjetische Luftwaffenstützpunkt Temp auf den Neusibirischen Inseln nahm schon Ende 2013 den Flugbetrieb wieder auf. Weitere Militärflughäfen sollen auf dem Archipel Nowaja Semlja, den Inseln Kotelny und Wrangel sowie auf Franz-Josef-Land und am Kap Schmidt auf der Halbinsel Tschukotka neueröffnet oder ausgebaut werden. Dort werden vor allem modernisierte MiG-31BM-Abfangjäger stationiert, außerdem Luftabwehrraketen.

Russland will in der Arktis ein Netz von unbemannten Radarstationen aufbauen, wie Generalmajor Kirill Makarow, stellvertretender Kommandeur der kosmischen Abwehrtruppen, in Radio RSN verkündete. Kampfflieger, Raketen und Radar seien notwendig, um im Kriegsfall über den Nordpol anfliegende strategische Bomber sowie Marschflugkörper des Feindes rechtzeitig zu orten.

Russland entdeckt seine Nordfront neu. Seit 2014 gibt es ein eigenes arktisches Kommando, dem die Nordmeerflotte sowie Einheiten des zentralen und östlichen Militärkreises unterstellt sind. Das Kommando „Nord“ soll bis Ende 2018 eine „autarke“ Militärgruppe an der Polarküste und den vorgelagerten Inseln formieren. Seine „Feuertaufe“ fand aber schon Mitte März statt; bei einer Alarmübung wurden 38 000 Mann aller Waffengattungen, 110 Flugzeuge und Hubschrauber sowie 41 Kriegsschiffe mobilisiert, um eine feindliche Flotte und von ihr angelandete Diversionstruppen zu vernichten. Außerdem wurde eine erste „arktische Brigade“ von 3000 Infanteristen auf der Halbinsel Kola stationiert, mit Motorschlitten ausgerüstet; eine zweite Brigade soll auf der westsibirischen Halbinsel Jamal Stellung beziehen.

Russische Militärs verweisen lautstark auf westliche, vor allem amerikanische Ansprüche im Polarkreis. „Drang nach Arktis“ kauderwelscht die Fachzeitschrift „Nesawisimoe Woennoe Obosrenie“ über amerikanische Strategiepapiere, in denen auch die USA die Arktis als „Zone ihrer nationalen Interessen“ bezeichnen. Die russische Presse vermerkt argwöhnisch, dass die Nato-Länder mit neuen Treibstoffen experimentieren, die auch die Reichweite von Kriegsfahrzeugen, die in der Arktis herumkurven, erheblich erweitern könnten. Und dass schon vergangenen März US-Soldaten ein Übungslager auf einer treibenden Eisscholle aufgeschlagen haben.

Tatsächlich ist die lautstarke russische Debatte über mögliche Raketenangriffe „aus dem Norden“ vernünftig, aber nur, wenn die Nato atomare Aggressionen gegen Russland hegt, denen es global zu begegnen gälte. Tatsächlich kreuzen russische wie amerikanische Atom-U-Boote seit Jahrzehnten unter dem Schutzschild des Polareises, durchbrechen dieses immer wieder für den Abschuss strategischer Manöverraketen. Aber sie werden sich auch in Zukunft dabei kaum vom Fallschirmspringern oder Motorschlitten stören lassen.

Ein Krieg ist unwahrscheinlich

„Schwere Technik und Panzer sind hier nicht einsetzbar“, sagt der Moskauer Militärexperte Iwan Konowalow der FR. „Auch größere Konzentrationen von Fronttruppen sind schwierig bis unmöglich.“ Konowalow verweist auf den 2. Weltkrieg, als die deutsch-finnische Offensive an der Polarmeerfront schon vor Murmansk stecken blieb, obwohl dort nur wenig sowjetische Verteidiger standen. In der Arktis selbst, mit Temperaturen von minus 70 Grad im Winter, heftigen Stürmen im Sommer und keinerlei Trinkwasser, werden auch Soldaten hauptsächlich mit dem eigenen Überleben beschäftigt sein.

Konfliktstoff gibt es dennoch. Russland beansprucht außer der Kontrolle über die 200-Meilen-Zone vor seiner Nordküste arktische Gewässer von 1,2 Millionen Quadratkilometern, auf deren Grund bis zu zehn Milliarden Tonnen Öl und Gas lagern sollen. „Das Polargebiet mit seinen Bodenschätzen wird voraussichtlich eine Region ernster Auseinandersetzungen“, sagt Konowalow. „Das werden diplomatische Auseinandersetzungen sein. Aber dabei benötigt man auch gute militärische Argumente, wie sie die USA ständig einsetzen.“

Ein Krieg um die polaren Rohstoffe ist unwahrscheinlich. Schon weil die russischen Staatskonzerne ohne technische Hilfe des potenziellen militärischen Gegners nicht in der Lage sind, Öl- und Gasvorkommen in der arktischen Flachwasserzone vor der eigenen Küste zu fördern, ganz zu schweigen vom offenen Polarmeer, das bis zu 5000 Meter tief ist. „ Und wegen der gefallenen Ölpreise und der neuen Schiefergasöltechnologien ist das Interesse an den Reserven der Arktis enorm gefallen“, ergänzt der Politologe Alexei Arbatow. Die Rohstoffe dort spielten auch als Anlass zu Streitigkeiten eine immer geringere Rolle. „Wir machen uns selbst Angst, jemand könne uns aus der Arktis angreifen“, sagt Arbatow.

Aber auch der Westen sollte nicht in Panik gerieten, wenn russische Fallschirmjäger arktische Eisschollen erstürmen.

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