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Migration Deutsche offen für Zuwanderung

Trotz der Zustimmung für die umstrittenen Thesen von Thilo Sarrazin ? die Bürger in Deutschland erkennen die Notwendigkeit für die Anwerbung von Migranten. Das zeigt das Jahresgutachten 2011 führender Migrationsforscher.

Muslimische Frauen besuchen den Bundestag. Foto: Getty

Es ist so eine Art „Anti-Sarrazin“ geworden, das Jahresgutachten 2011 führender deutscher Migrationsforscher. Deutschland befinde sich im „Vorfeld eines demografischen Orkans“, warnte der Vorsitzende des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Migration und Integration (SVR), Klaus Bade, gestern bei der Vorstellung der Studie. Bereits 2015 könnten drei Millionen Arbeitskräfte fehlen, qualifizierte Zuwanderung sei dringend nötig. Dazu müsse sich das Land „migrationspolitisch runderneuern“ – und als Quellregion geeigneter Arbeitskräfte verstärkt muslimische Länder wie etwa die in Nordafrika in den Blick nehmen. Denn dort leben viele junge, gut ausgebildete Menschen, während die bisherigen Herkunftsländer etwa in Osteuropa aus demografischen Gründen bald ausfallen.

Muslimische Zuwanderung gezielt fördern – ist das überhaupt vermittelbar in einem Land, in dem die Thesen Thilo Sarrazins vom schlechten Einfluss der Muslime lauten Applaus finden? Ja, ist es, beharrt der Rat und verweist auf sein Migrationsbarometer. Die repräsentative Befragung von rund 2500 Menschen nämlich bescheinigt den Bürgern einen erfreulichen „Migrationsrealismus“: Fast zwei Drittel erkennen – wie auch sämtliche Experten – die Risiken, die darin liegen, dass zu viele Menschen aus Deutschland auswandern. 60 Prozent wünschen sich mehr Zuwanderung Hochqualifizierter, fast die Hälfte spricht sich für die verstärkte Aufnahme von Flüchtlingen aus.

Studierende sollen bleiben

Fazit Bades: „Die Menschen sind aufgeschlossen gegenüber Zuwanderung.“ Für politisch betriebene „Kulturpanik“ sei kein Platz, im Gegenteil, so der Migrationsexperte auf Anfrage der FR: „Unsere Einwanderungsgesellschaft ist angewiesen auf kulturelle Toleranz und sozialen Frieden.“ Als „geradezu wirtschaftsfeindlich“ brandmarkt er gleich mehrere regierungsamtliche Äußerungen. Die von Kanzlerin Angela Merkel – „Multikulti ist tot“ –, die Kampagne von Familienministerin Kristina Schröder gegen die angebliche Deutschenfeindlichkeit vieler Migranten und auch die These des neuen Innenministers Hans-Peter Friedrich, der Islam gehöre schon in historischer Sicht nicht zu Deutschland.

Derlei „wahltaktisch motivierte Abwehrhaltungen“ und die von den „Sarrazins, Henryk Broders und Necla Keleks hierzulande betriebene Desintegrationspublizistik“ stoßen muslimische Fachkräfte innerhalb und außerhalb Deutschlands vor den Kopf, warnt Bade. Der Rat empfiehlt dringend das Gegenteil: pragmatische Offenheit und eine „kritische Willkommenskultur“ gegenüber Zuwanderern.

Hier werden die Forscher ganz konkret: Ausländische Studierende seien die „ideale Zuwanderergruppe“, weil mit Deutschland vertraut, und müssten mit einer forcierten „Bleibepolitik“ hier gehalten werden. Per Punktesystem müsse die Zuwanderung von Fachkräften vor allem im naturwissenschaftlich-technischen Bereich erleichtert werden, die Einkommensgrenze für eine unbefristete Niederlassungserlaubnis müsse von 66000 Euro Jahreseinkommen auf 40000 sinken. Ein Lob immerhin hält der Rat für die Zuwanderungspolitik bei niedrig qualifizierten Jobs bereit: Hier seien 2010 fast 290000 Kräfte befristet nach Deutschland vermittelt werden – ein „öffentlich wenig beachteter Erfolgsfall der Migrationssteuerung“.

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