Lade Inhalte...

Michelle Müntefering Lasst uns Räuberleiter machen

Michelle Müntefering ist 32 Jahre alt und will für den Bundestag kandidieren. Vor drei Jahren hat sie den ehemaligen SPD-Chef Franz Müntefering geheiratet. Aber diese Ehe scheint für ihre politische Karriere nicht nur von Vorteil zu sein.

In die Politik wollte Michelle Müntefering schon, bevor sie ihren Mann kennenlernte. Sie wiederholt das immer wieder, damit es ja keiner vergisst. Foto: dpa

Glückauf! Das klingt nach Männerchor und Steigerlied, erinnert an Kumpel mit rußverschmierten Gesichtern, an ratternde Schacht-Anlagen. Michelle Müntefering, 32 Jahre alt und Sozialdemokratin, beginnt ihre Rede mit dem traditionellen Bergmannsgruß. „Glückauf!“ Das wirkt das ein bisschen so, als empfinge Anne Will ihr Talkshow-Publikum mit einem „Ave!“: irgendwie aus der Zeit gefallen, eine Spur zu altbacken.
Mag sein, dass unter Michelle Münteferings achtzig Zuhörern der eine oder andere ergraute Bergmann ist. Aber mehr als Industriebrachen hat der Strukturwandel vom Bergbau nicht übrig gelassen in Herne.

Hier, in ihrer Heimatstadt, sitzt Müntefering seit acht Jahren im Rat. Seit 2000 gehört sie dem SPD-Ortsvorstand an, seit 2002 ist sie Vize-Vorsitzende. Hier möchte sie nächstes Jahr zur Bundestagswahl antreten. Deshalb steht sie an diesem Spätsommerabend in der Gaststätte „Zille“ vor Delegierten mehrerer SPD-Ortsvereine und wirbt um die Stimmen der Herner Delegierten. Sie geben am Dienstag das vorentscheidende Votum für die Nominierung in der nächsten Woche ab. Ein kompliziertes Verfahren, weil ein kleiner Teil des Wahlkreises 141 auf Bochumer Stadtgebiet liegt. Darum haben die dortigen Genossen mitzubestimmen, wer sie in Berlin vertreten soll.

Überraschende Konkurrenz

Kurz vor der Entscheidung ist Müntefering unerwartet ein Konkurrent erwachsen: Ausgerechnet der Chef des SPD-Parteiorgans Vorwärts, Uwe Knüpfer, tritt gegen sie an. Diese Konstellation hat das Interesse an der Bewerbung für den Wahlkreis 141 noch einmal deutlich gesteigert.

Synchron blicken die SPD-Anhänger im „Zille“ in die Tiefe des Raums, pressen die Lippen aufeinander; man ist gespannt. Eifrig hebt der Moderator die Anwesenheit des Fernsehens und der „überörtlichen Presse“ hervor. Nicht allen im Saal passt das. „Zu viel Bohei“, murrt eine Frau, die ihren Namen nicht nennen will, und beklagt eine einseitige Berichterstattung. „Die Journalisten können vieles pushen.“ Ihr Missbehagen zielt eindeutig auf die junge Frau vorn am Pult. „Die schöne Michelle“ nennt die Boulevard-Presse sie so permanent wie penetrant. Schon als sie ihr Interesse an einem Bundestagsmandat angemeldet hatte, war das Medienecho gewaltig. Jeder weiß, woran das liegt. Nicht an ihren Ideen, nicht an ihrem Werdegang, sondern an ihrem Namen, an ihrer Ehe mit Franz Müntefering, dem früheren SPD-Vorsitzenden.

Aus einer ambitionierten, aber weithin unbekannten jungen Politikerin ist „die Frau an seiner Seite“ geworden, die auf Galas für Glamour-Fotos posiert. Er ist die Selbstdarstellung gewohnt, ihr fällt sie immer noch schwer. Nach einem Gespräch in der Düsseldorfer Zentrale der nordrhein-westfälischen SPD entschuldigt sie sich für die Hemmungen, die sie immer noch hat, wenn sie über sich und ihre Ehe reden soll. Prominenz ist anstrengend. Zumal bei einem Paar, das so augenfällig ungleich ist. Aber natürlich ist es das, was die Leute interessiert – nicht nur die Journalisten.

Unter den Zuhörern im „Zille“ gehen die Meinungen auseinander. „Ein Name allein reicht nicht als Qualifikation“, sagt die anonyme Kritikerin. „Jemand, der bekannt ist, kann in Berlin viel mehr erreichen“, wendet ein anderer ein. So sieht es auch Michelle Müntefering. Sie versucht, ihren angeheirateten Prominenten-Status ins Positive zu wenden: „Ich kann den Namen nutzen“, sagt sie später im Gespräch in der Parteizentrale – zur Werbung für Herne.

Eine Familie

Aber sie legt Wert darauf, dass das allenfalls ein nachgeschobenes Kalkül ist. Ihren Geburtsnamen Schumann habe sie bei der Hochzeit 2009 abgelegt, weil das „für mich zeigt, dass man eine Familie ist. Das sind wir jetzt, und da bin ich sehr froh drüber“. Hätte nun aber der Franz ihren Namen angenommen, fügt sie hinzu, „wäre es – glaube ich – ein bisschen komisch gewesen“. Ein kleiner Scherz am Rande, der deutlich macht: Privates möchte Michelle Müntefering möglichst locker einstreuen. Heraushalten aus der öffentlichen Wahrnehmung, das weiß sie, kann sie es ohnehin nicht.

Einfach ihren Geburtsnamen zu behalten und die Karriere auf dem Ticket „Michelle Schumann“ voranzutreiben, hätte wenig gebracht, glaubt sie. Dann hätte in Berichten und Porträts am Ende doch immer „die Frau von Franz Müntefering“ hinter ihrem Namen gestanden. So ist das, was sie persönlich als größtes Glück empfinden mag, politisch eine beträchtliche Last. „Ich sach’ mal, das Glas ist halbvoll“, sagt sie auf die Frage, ob die Verbindung mit dem SPD-Altvorderen ihrer politischen Laufbahn förderlich sei. Recht unvermittelt verwahrt sie sich gegen die Unterstellung, aus ihrer Ehe Gewinn für die eigene Laufbahn schlagen zu wollen. Es ist wohl nicht das erste Mal, dass sie solche – durchaus ehrenrührigen – Gedanken hinter der Stirn von Leuten wittert, mit denen sie es zu tun hat.

Echte Herner

Mit allerhand Ausflügen ins Anekdotische versucht sie, die komplizierte Konstellation zu entkrampfen. So erwähnt sie vor den Herner Genossen scheinbar beiläufig, dass nicht nur sie sich als waschechtes Mädchen aus Herne-Mitte hier pudelwohl fühle, sondern dass auch ihr Mann mittlerweile ein echter Herner sei, den sie in der Küche mit dem Gassenhauer eines Ruhrgebiets-Comedians auf den Lippen erwischt habe: „Komm, hol das Lasso raus“ habe Müntefering gesungen.

Das Ulkige ist: Wenn Michelle Müntefering redet, ist ihre Rhetorik der bildhaften, absichtsvoll reduzierten Sprache ihres Mannes in Stil und Wortwahl zum Verwechseln ähnlich – fast, als ob dieser daheim als Ghostwriter tätig geworden wäre. „Lasst uns Räuberleiter machen!“, ruft sie ihren Zuhörern in Herne zu und meint damit einen Wahlkampf mit Teamgeist und Einsatz. Denn: „Politik ist wie ein Marathon.“ Genau. Und Opposition ist Mist.

Andererseits müht sich Michelle Müntefering nach Kräften, ja nicht bloß als Politiker-Frau zu gelten, sondern als Politikerin. „Ich mache meine eigene Sache“, sagt sie. Immer wieder. „Ich bin die Dienstälteste im Kandidaten-Reigen“, unterstreicht sie in ihrer Rede vor den Genossen im Herner „Zille“. Ob sie sich damit auch gegen die Ambitionen einer Doris Schröder-Kopf absetzt, die in Niedersachsen für den Landtag kandidiert, bleibt offen.

Natürlich diskutiere sie zu Hause mit ihrem Mann auch über Politik, sagt sie. Bei der heiklen Frage nach der Agenda 2010, die Franz Müntefering mitverantwortet und lange verteidigt hat, zieht sie sich auf die Beschlusslage ihrer Partei zurück. Bloß keine Schlagzeile von der Art: „Münteferings Frau widerspricht ihrem Mann“. Sie muss aufpassen, immer eigentlich.

Daheim hingegen, da gebe es schon Meinungsverschiedenheiten. Unlängst zum Beispiel, da habe sie mit ihrem Mann über dessen These gestritten, die Jugend engagiere sich politisch zu wenig. Es gebe eine Bringschuld der jungen Generation. Das fand Michelle Müntefering ungerecht. Vielmehr müsse der Staat mehr dafür tun, Jugendliche für Politik zu interessieren. „Ich glaube, damit ist Franz heute auch einverstanden“, sagt sie und gluckst.

Lust auf Politik

In öffentlichen Reden wie im Vier-Augen-Gespräch nehmen die Stationen der Kommunalpolitikerin Müntefering breiten Raum ein. „Die Politik habe ich von der Pike auf gelernt.“ 15 Jahre lang. Der Lebenslauf ist somit auch ein Beleg dafür, dass ihre Lust auf Politik älter ist als ihre Liebe zu einem Politiker. In der Endphase der Ära Kohl, als das ganze Land „elendig eingeschlafen“ war, sei in ihr „der politische Mensch wachgeworden“: Engagement bei den Jusos, Organisatorin von Jugend-Events mit Konzerten, erfolgreiche Kämpferin für einen Nachtbus, der die Herner Jugend bis heute von Partys nach Hause bringt. Damals habe sie gemerkt: „Man kann konkret etwas bewegen, man kann Dinge ein bisschen besser machen, wenn man das will.“

Soziale Gerechtigkeit, politische Teilhabe, mehr und mehr auch der Verbraucherschutz und die Herausforderungen des digitalen Zeitalters – das seien ihre Herzensanliegen. Ihr erstes großes Ziel als Nachwuchspolitikerin: ein Sitz im Herner Stadtrat. Aber die noch größeren Ziele hatte sie schon damals im Auge: Sie ließ sich in den SPD-Landesvorstand wählen, nahm mehrfach an Schulungen der Partei für künftige Führungskader teil.

Wenn sie heute davon erzählt, fallen wie selbstverständlich die Namen anderer junger SPD-Politiker, die mit ihr unterwegs waren: der Berliner Fraktions-Vize Ulrich Kelber zum Beispiel oder die frühere Drogenbeauftragte Sabine Bätzing. Sie haben längst den Sprung in den Bundestag geschafft. Und ohne dass Michelle Müntefering es eigens aussprechen muss, ist klar: Da will sie auch hin.
Sie will die Politik zu ihrem Beruf machen und zwar zu einem Fulltime-Job. Anders als ihr Mitbewerber Uwe Knüpfer, der im Falle seiner Wahl Chef des Vorwärts zu bleiben gedenkt. Müntefering empfindet das als Abwertung des Abgeordneten-Daseins. „Da schwingt ja immer so was Ehrenrühriges mit, wenn man mit Politik sein Geld verdient.“ Sie hingegen findet, das sei „nichts, wofür man sich schämen muss“.

Es hat die gelernte Kinderpflegerin gewurmt, dass die FAZ sie als Polit-Gewächs ohne Wurzeln im wahren (Berufs-)Leben schilderte. Okay, gibt sie zu, ihre beruflichen Pläne mache sie zurzeit schon davon abhängig, was aus der Kandidatur für Berlin werde. Und während der neunmonatigen Bewerber-Tournee habe sie tatsächlich keine Zeit für anderes gehabt. Aber davor habe sie immer gearbeitet. „Schon im Studium musste ich mir meine Brötchen selbst verdienen.“ Nach ihrem FH-Abschluss in Journalismus und PR kam sie 2008 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in Franz Münteferings Berliner Abgeordneten-Büro. Parallel volontierte sie beim Vorwärts. Die Chance, außerhalb der Parteistrukturen einen Ausbildungsplatz zu ergattern, sei für sie als Parteifunktionärin in unerreichbare Ferne gerückt.

Selbstsicher und befangen

Mit dem Job im Bundestag war es vorbei, als aus dem Arbeitsverhältnis zu Franz Müntefering, dessen zweite Frau Ankepetra 2008 gestorben war, etwas sehr Privates wurde. An dieser Stelle würde Michelle Müntefering gern wieder locker klingen, aber es gelingt ihr nicht ganz. „Nachdem Franz und ich, ja, nachdem sich da auch – eine private Beziehung da entwickelt hatte, und so…“ Na jedenfalls, die Weiterarbeit in Münteferings Büro kam nicht in Frage. „Das geht nicht, das kann man nicht, das darf man auch nicht“, sagt sie mit Nachdruck.

In die Selbstsicherheit wabern immer wieder Momente der Befangenheit, so als hätte jemand in einem gut klimatisierten Raum die Tür geöffnet und einen Schwall subtropischer Luft hereingelassen. Diese Schwere erfasst aber nicht nur sie: Die Frage nach Kindern – jeder anderen Politikerin gleichen Alters würde sie wie selbstverständlich gestellt. Die Familienministerinnen Ursula von der Leyen und Kristina Schröder haben das Interesse am Mutterdasein von Politikerinnen gar offensiv zur Selbststilisierung genutzt. Aber bei Michelle Müntefering? Einer Frau, deren Mann mit seinen 72 Jahren ihr Großvater sein könnte? „Das ist mir jetzt zu privat“, erwidert Michelle Müntefering knapp und mit belegter Stimme. Man ist geneigt, diesen Bescheid erleichtert zu bekräftigen.

Die meisten in der Herner SPD haben sich schwer geärgert, als Uwe Knüpfer Ende August aus Berlin kam und die Bewerbung um das Direktmandat in seiner Heimatstadt bekanntgab. Formal ist das zulässig. Knüpfer verstieß aber gegen die Vereinbarung, dass sich alle Bewerber ausführlich im Wahlkreis vorstellen sollten. Fast zwei Dutzend Auftritte hatten Müntefering und ihre Gegenkandidatin, die Kommunalpolitikerin Anke Hildenbrand, schon absolviert. Dann plötzlich schlug der ehemalige WAZ-Chefredakteur auf. Ohne plausiblen Grund, sagen die örtlichen Funktionäre.

Projekt Münte 2.0“

Dass der SPD-Unterbezirk vor einer Spaltung bewahrt werden müsse, weshalb – laut Knüpfer – anonyme Mitglieder um Hilfe gerufen hätten, das halten sie für Unsinn. Der gemeinsame Auftritt der beiden Kontrahentinnen, friedfertig bis zur Langeweile, lässt zumindest kein Indiz einer akuten Zerreißprobe erkennen, auch wenn Hildenbrand vielleicht mit etwas mehr Verve Korrekturen der Agenda 2010 fordert und manche im Saal über Michelle Münteferings Ambitionen als eine Art „Projekt Münte 2.0“ mosern.

Für den scheidenden Wahlkreis-Abgeordneten Gerd Bollmann liegt das eigentliche Ärgernis an anderer Stelle: Knüpfer mache alles, was die SPD-Spitze über innerparteiliche Transparenz verlautbart hätten, zu Makulatur. Aber spätestens bei der Nominierung werde sich die Sache erledigt haben. Allenfalls ein Dutzend der 160 Delegierten-Stimmen prognostiziert Bollmann für Knüpfer. „Dann ist der Spuk vorbei.“
Wo Knüpfer selbst Erklärungen für sein Vorgehen vermissen lässt, da gedeihen die Spekulationen umso reichhaltiger. Eine besonders trickreiche Version geht so: Franz Müntefering höchstpersönlich habe den Journalisten in Stellung gebracht. Jede Stimme für Knüpfer begünstigte nämlich im Ergebnis die Kandidatin mit dem insgesamt stärksten Rückhalt. Das ist – auch wenn sich kein Herner Funktionär öffentlich festlegen will – Michelle Müntefering.

Die aufstrebende Nachwuchs-Politikerin als Nutznießerin, ja, Mitwisserin einer handfesten Polit-Intrige? Ihr erklärter Anspruch auf Glaubwürdigkeit und Authentizität nur Theater, ein ziemlich mieses obendrein? „Echtheit gehört dazu, wenn man Vertrauen gewinnen will“, hat sie in ihrer Kandidatinnen-Rede gesagt. „Ich kämpfe mit offenem Visier. Nicht hintenherum. Nicht falsch.“ Noch so jung und schon so verlogen? Die Vorstellung hätte etwas Bedrückendes. Und nein, derart durchtrieben wirkt Michelle Müntefering nicht, wenn sie vom „Berliner Spielfeld“ spricht und sagt, sie wisse, was auf dem Platz passieren muss.

Gut möchte sie ihre Sache machen in Berlin, beteuert sie. So gut, dass die SPD-Familie daheim in Herne stolz auf sie sein kann. „Ich traue mir das zu, und ich weiß, dass ich das kann.“ Vor Publikum hätte sie an dieser Stelle „Glückauf!“ gesagt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum