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Michael Kretschmer Sachsens CDU begibt sich in Selbsttherapie

Michael Kretschmer ist nicht zu beneiden: Ministerpräsident von Sachsen muss er werden, die gedemütigte CDU wiederbeleben. Und er hat weder Zeit noch einen echten Plan.

Michael Kretschmer
Hat viel vor und noch mehr zu tun: Michael Kretschmer. Foto: imago

Zur Einstimmung eine Andacht. Gedanken zum Tag. Altes Testament, Jeremia. Pastor Hartmut Decker spricht über Lug und Trug, oberflächliche Eliten und Verlogenheit. Über Betrug und Gewinn, welche die Gesellschaft prägen. Da helfe nur Jesus, sagt er, Buße tun und in sich gehen. Kein schlechter Start für einen Kreisparteitag der CDU. Eine schicke ockerfarbene Mehrzweckturnhalle in Burkhardtsdorf unweit von Chemnitz. Draußen gießt es in Strömen. Drinnen 140 Unionler aus dem ganzen Erzgebirge, es gibt Kaffee und Bier, Würstchen und Kartoffelsalat, vor allem offene Worte und flammende Appelle. Und natürlich den Mann der Zukunft: Michael Kretschmer.

Was für eine verrückte Welt, die ihn da oben aufs Podium gesetzt hat, den kleinen grauen Herrn, der sich in den nächsten Wochen zum Wohle seiner Partei in einen überzeugenden Hoffnungsträger verwandeln muss. Nun wird er vorher durch Sachsen ziehen und die Lage peilen. Was denkt seine CDU, seit sie laut denkt? Was wollen die Leute? Er sondiert, hört zu, versucht sich einen Reim auf alles zu machen. Aber zuallererst muss er sich bekannt machen. Also in Kürze: 42 Jahre alt, aus Görlitz, CDU-MdB a. D., 15 Jahre im Bundestag, seit 2005 CDU-Generalsekretär in Sachsen. Hochschulpolitik, Strippenzieher. Gerackert, immer fleißig gewesen. Im September überraschend den Görlitzer Wahlkreis an einen unbekannten Anstreicher von der AfD verloren. Ein echter „Magenschwinger“, wie er schockiert feststellte. Danach ein paar Tage ausgeknockt. Halbgare Pläne, mal ein paar Monate Pause zu machen. Daraus wurde nichts. Statt Pause nun Karriere im Schweinsgalopp. Wenn es denn klappt.

Nun sitzt er in Burkhardtsdorf und muss mal eben die sächsische Welt retten. Zumindest aus Sicht der CDU. Bei der Bundestagswahl war Sachsens ruhmreiche Union (26,9 Prozent) hinter der AfD (27) gelandet. Erstmals auf Platz zwei, eine Katastrophe. Vier Wahlkreise gingen an die AfD verloren, genauer: Einer davon an Frauke Petry, die in Gedanken aber längst woanders, nämlich bei den Blauen war. Aber das ist eine andere Geschichte.

Müde sieht er aus, der kleine drahtige Mann in seinem dunkelgrauen Anzug mit seinem Viertagebart. Aber nicht so übermüdet wie sonst oft. Tapfer beantwortet er alle Fragen, auch nach der Kapitulation des Amtsinhabers am 18. Oktober. Stanislaw Tillich hatte nach neun Jahren hingeworfen. Im Dezember ist endgültig Schluss. Keine Kraft mehr, keine Fortune, hatte der Ministerpräsident es begründet und Kretschmer als Erben ausgeguckt. Niemand war eingeweiht, alle überrascht. Ein anderer als Kretschmer fand sich auch gar nicht in Sachsens CDU. Weder sofort, noch bis heute. „Noch vier Wochen Zeit. Wer will, soll sich melden“, sagt Kretschmer gerne. Tut aber keiner. Deshalb also Kretschmer, der Wahlkreisverlierer und Organisator der erfolglosen sächsischen Wahlkampagne. Seit zwölf Jahren Generalsekretär einer Partei, die sich gerade vorkommt, als habe sie immer in einem falschen Film mitgespielt. Ein Notnagel, der Herr Kretschmer. Aber angeblich der beste. Jung, aber schon erfahren, toll vernetzt. Und bereit.

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