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Messerangriff in Köln Reker außer Lebensgefahr

Drama vor der Oberbürgermeisterwahl in Köln: Die parteilose Kandidatin Henriette Reker wird Opfer einer Messerattacke und schwer verletzt. Nach einer Notoperation ist sie außer Lebensgefahr. Der mutmaßliche Messerstecher soll früher in einer Neonazi-Gruppe aktiv gewesen sein.

17.10.2015 10:26
Menschenkette für Henriette Reker: Parteiübergreifend setzen Menschen vor dem Kölner Historischen Rathaus ein Zeichen gegen den brutalen Angriff auf die Politikerin. Foto: dpa

Die nach einem Messerangriff schwer verletzte Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker ist nach einer Notoperation laut den behandelnden Ärzte außer Lebensgefahr. «Die Operation von Frau Reker ist sehr gut verlaufen», teilte Professor Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin der Uniklinik Köln, am Samstagabend mit. «Wir haben keinen lebensbedrohlichen Zustand mehr.»

Professor Karl-Bernd Hüttenbrink, Direktor der Klinik für Hals- Nasen- und Ohrenheilkunde der Uniklinik, sagte zur Prognose für die 58-jährige Reker: «Wir halten zum jetzigen Stand und bei normalem Verlauf die vollständige Wiederherstellung der Gesundheit von Frau Reker für wahrscheinlich.» Die Ärzte wollten sich frühestens am Sonntagnachmittag wieder zum Zustand Rekers äußern, sagte ein Sprecher der Uni-Klinik.

Einen Tag vor der Oberbürgermeisterwahl in Köln hat ein Attentäter aus vermutlich fremdenfeindlichen Motiven die Politikerin mit einem Jagdmesser niedergestochen. Der 44-jährige arbeitslose Mann attackierte die auch für die Unterbringung von Flüchtlingen zuständige Sozialdezernentin am Samstagmorgen an einem CDU-Wahlkampfstand auf einem Wochenmarkt. Die parteilose Reker wurde nach offiziellen Angaben im Halsbereich schwer verletzt.

Die Wahl findet trotz des Attentats wie geplant am Sonntag statt. Die Wahlleiterin Gabriele Klug appellierte an die Kölner, nach dem Angriff auf Reker auf jeden Fall wählen zu gehen. Alle Parteien stoppten aber den Wahlkampf.

In verbotener Neonazi-Gruppe aktiv

Der mutmaßliche Messerstecher von Köln soll nach einem unbestätigten Medienbericht in den 1990er Jahren bei einer Neonazi-Gruppe aktiv gewesen sein. Der aus Bonn stammende Mann soll bei der Freiheitlichen Deutschen Arbeitspartei (FAP) mitgemacht haben, berichtet «Spiegel Online» ohne direkten Bezug auf eine Quelle. Die rechtsextreme Gruppe war 1995 vom Bundesinnenministerium verboten worden. Zuletzt sei der Mann mit ausländerfeindlichen Kommentaren im Internet aufgefallen, berichtete «Spiegel Online» unter Berufung auf Behörden.

Das Attentat löste Sorge über zunehmende Gewalt in der Diskussion über die Aufnahme von Asylbewerbern in Deutschland aus. «Dieser feige Anschlag in Köln ist ein weiterer Beleg für die zunehmende Radikalisierung der Flüchtlingsdebatte», teilte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) mit. Er sei schon «seit langem besorgt über die hasserfüllte Sprache und gewalttätigen Aktionen». Flüchtlinge, Helfer, Ehrenamtliche und Politiker würden angegriffen.

Am Samstagabend setzten die Spitzen der NRW-Politik ein Zeichen gegen Gewalt. Vor dem Kölner Historischen Rathaus begannen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), NRW-CDU-Chef Armin Laschet, der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner sowie Grünen-Politiker eine Menschenkette zu bilden. «Wir stehen hier zusammen als Demokraten, um ein Zeichen zu setzen gegen diese verabscheuungswürdige Tat», sagte Kraft.

Am Tatort kam es am Morgen zu dramatischen Szenen. Ein Beamter der Bundespolizei, der in seiner Freizeit auf dem Markt war, griff laut Polizei als erster ein und überwältigte den mit zwei Messern bewaffneten Attentäter. Neben Reker wurden auch eine Kölner CDU-Politikerin, eine FDP-Ratsfrau und zwei Bürger verletzt. Reker und eine weitere schwer verletzte Frau wurden in ein Krankenhaus gebracht.

Motiv wohl Fremdenfeindlichkeit

Der festgenommene Mann mit deutscher Staatsangehörigkeit hatte nach Angaben der Ermittler zwei Messer bei sich und griff Reker gezielt an. Der Angreifer habe für die Tat fremdenfeindliche Motive angegeben, sagte Norbert Wagner, Leiter Direktion Kriminalität. Nach der Festnahme habe er allgemeine Angaben zur Flüchtlingspolitik gemacht, den Namen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) dabei nicht erwähnt. Die Polizei teilte am Abend, dass der Angreifer weiter in ihrem Gewahrsam sei. Am Sonntag werde der Staatsanwalt weitere Entscheidungen treffen.

Der Mann handelte nach ersten Erkenntnissen allein. Er werde auch auf seinen psychische Gesundheit untersucht. Nach eigenen Angaben war der Tatverdächtige seit längeren Jahren arbeitslos, von Beruf Maler und Lackierer sowie Hartz IV-Empfänger. Zuvor sei der in Köln lebende Mann polizeilich nicht ausgefallen.

Der ermittelnde Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn sagte: «Zum jetzigen Zeitpunkt deuten die Zeugenaussagen (...) darauf hin, dass in der Tat fremdenfeindliche Motive des Täters ausschlaggebend waren.»

Kanzlerin Merkel verurteilte die Tat und erkundigte sich in einem Telefonat bei NRW-CDU-Chef Armin Laschet nach dem Gesundheitszustand Rekers, wie eine Regierungssprecherin mitteilte. Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki erklärte: «Es ist erschütternd, dass eine solch sinnlose Gewalttat den Wahlkampf überschattet.»

Die parteilose Reker wird von CDU, Grünen und FDP unterstützt und liegt laut einer jüngsten Umfrage vor ihrem SPD-Konkurrenten Jochen Ott. Eigentlich sollte schon Mitte September in der viertgrößten deutschen Stadt gewählt werden. Die Bezirksregierung hatte aber die Stimmzettel beanstandet, das Votum wurde um fünf Wochen verschoben.

Polizeigewerkschaft warnt vor Radikalisierung

Angesichts des Attentats auf die Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker warnt die Deutsche Polizeigewerkschaft vor einer Radikalisierung der fremdenfeindlichen Szene. «Der Anschlag auf die OB-Kandidatin in Köln zeigt, dass sich die Anti-Asyl-Szene zunehmend radikalisiert», sagte der Vorsitzende Rainer Wendt dem Kölner «Express» (Sonntag). «Es gab bereits Morddrohungen gegen einen Staatsanwalt, der wegen der Pegida-Galgen in Dresden ermittelt», fügte Wendt hinzu. (dpa)

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