Lade Inhalte...

Mesale Tolu „Deutschland muss die Türkei Druck spüren lassen“

Die deutsche Journalistin Mesale Tolu über die Zeit mit ihrem Sohn in türkischer Haft, die Bedeutung von Solidarität und den Wunsch, wieder nach Deutschland reisen zu können.

Demonstration für Mesale Tolu
Unterstützung für Mesale Tolu auf den Straßen von Berlin. Foto: imago

Seit einem Monat ist Mesale Tolu wieder frei. Von April bis Dezember war die in Ulm geborene Journalistin und Übersetzerin im Istanbuler Frauengefängnis Bakirköy inhaftiert, monatelang gemeinsam mit ihrem damals zweijährigen Sohn. Der Frau, die im Gefängnis 33 Jahre alt wurde, wird Terrorunterstützung vorgeworfen, ebenso wie ihrem Mann, der in einem anderen Gefängnis inhaftiert war. Beide weisen alle Anschuldigungen zurück und halten sie für politisch motiviert. Derzeit lebt die Familie in Istanbul – Mesale Tolu darf die Türkei nicht verlassen.

Frau Tolu, wie geht es Ihnen in der Freiheit?
Gut geht es mir. Natürlich ist es schön, frei zu sein, wieder auf die Straße zu können und ins Grüne. Und das Meer ist wunderschön.

Wie geht es Ihrem Mann und Ihrem Sohn?
Es geht beiden gut. Mein Sohn war wegen der Razzia und auch wegen der Haftzeit traumatisiert. Er hat Vertrauen verloren. Er ist nicht sicher, ob Mama und Papa weiterhin bei ihm sein werden. Wir versuchen, als Familie dieses Trauma zu verarbeiten. Wir müssen zusammen sein, um diese Zeit gemeinsam zu verarbeiten.

Auch der deutsche Menschenrechtler Peter Steudtner und andere sind freigelassen worden. Wie entscheidet sich in der Türkei, wer freikommt und wer in Haft bleibt?
Es ist keine juristische Entscheidung, sondern eine politische Entscheidung. Wenn es eine rechtsstaatliche Entscheidung gewesen wäre, wäre ich schon bei der ersten Verhandlung freigelassen oder gar nicht erst in Untersuchungshaft genommen worden. Ich denke, dass es damit zu tun hat, dass die Tonlage sich zwischen beiden Ländern etwas gemildert hat.

In Deutschland hat Außenminister Sigmar Gabriel seinen türkischen Amtskollegen Mevlüt Çavusoglu im Januar empfangen, beide haben sich gegenseitig als Freunde bezeichnet. Geht es aufwärts mit den deutsch-türkischen Beziehungen?
Während der Wahlkämpfe zum Referendum in der Türkei und zur Bundestagswahl in Deutschland haben sich beide Länder sehr kritisch geäußert. Jetzt versucht die Türkei, eine normale Tonlage zu finden.

Wie sollte sich Deutschland verhalten? Muss es trotzdem den Druck aufrecht erhalten?
Auf jeden Fall. Meine Freilassung und Peters Freilassung hängen nicht nur mit der veränderten Haltung der Türkei zusammen, sondern auch mit dem Druck aus Deutschland. Deutschland muss die Türkei weiter Druck spüren lassen. Die Menschenrechtssituation in der Türkei hat sich nicht verändert, sie ist immer noch kritisch. Solange das Land über ein Notstandsgesetz regiert wird und alles über Dekret entschieden wird, müssen alle weiterhin auf die Türkei schauen. Die Bundesregierung darf nicht nur wirtschaftliche und politische Interessen im Blick haben. Sie muss auf die Menschenrechtssituation hinweisen.

Es sitzen ja auch mehr als 150 türkische Journalistinnen und Journalisten ein.
Genau. Wir waren eine Minderheit. Ich bin auch nicht die einzige Mutter gewesen, die mit ihrem Kind inhaftiert war. Es sind Tausende Frauen mit Hunderten Kindern im Gefängnis.

Wie war die Situation, als Sie im Gefängnis eingesessen haben?
Ich war 16 Tage alleine in Haft, ohne meinen Sohn. Nach 16 Tagen habe ich ihn zu mir geholt. Die ganze Welt im Gefängnis war unverständlich für ihn. Er verstand nicht, warum alle Türen abgeschlossen sind, warum wir nur ein bestimmtes Essen bekommen und nur zu bestimmten Zeiten. Er war aber nicht das einzige Kind damals im Gefängnis. Es waren fast 80 Kinder dort. Ich habe versucht, ihm alles plausibel zu erklären. Für mich war es schwer, die Situation zu erklären, weil ich ja selber nicht verstanden habe, warum wir so bestraft werden. Für Kinder ist es natürlich noch viel schwieriger.

Und was haben Sie Ihrem Sohn gesagt?
Ich habe ihm gesagt, dass Mama für eine bestimmte Zeit hier sein muss. Dass wir nicht freiwillig hier sind, sondern gezwungenermaßen. Dass bald die Türen aufgemacht werden und wir dann nach Hause können. Dass dann der Papa auch kommen wird. Er wusste, dass sein Vater in einem ähnlichem Komplex ist, weil er ihn dort zweimal besucht hat. Er konnte unterscheiden, dass wir in getrennten Orten, aber unter denselben Umständen sind.

Wie sind die Mithäftlinge mit Ihnen umgegangen?
Das waren alles auch politische Häftlinge. Am Anfang waren wir 25 Frauen in der Zelle, am Schluss 19.

In einer Zelle?
Das war eine Gemeinschaftszelle mit zwölf Zimmern. Pro Zimmer sind wir immer zwei Frauen gewesen. Das Verhältnis war sehr gut. Das waren politisch bewusste Frauen, die auch inhaftiert waren, weil sie kritisch waren. Sie haben sich um meinen Sohn gekümmert und mir geholfen.

Wie war der Kontakt zur Außenwelt?
Dienstags und donnerstags habe ich Briefe erhalten. Es kamen sehr viele Karten aus Deutschland und Briefe von Personen, die sich mit mir solidarisiert haben. Jeden Montag habe ich meinen Vater gesehen. Alle 14 Tage konnte ich telefonieren. Außerdem hatte ich Kontakt mit meinen Anwältinnen und mit der deutschen Botschaft.

Wie wichtig waren die Solidaritätsbekundungen für Sie?
Sehr wichtig. Im Gefängnis ist man sehr isoliert. Deshalb ist es sehr wichtig, dass man aus aller Welt Karten bekommt. Die Unterstützung war enorm. Das war der Grund, warum meine Hoffnung immer sehr stark war. Ich wusste, die Menschen unterstützen mich hier, sie stehen hinter mir, sie haben mich ins Herz geschlossen.

Bei Ihrer Freilassung gab es, sagen wir, merkwürdige Verzögerungen. Was ist da passiert?
Ich sollte freigelassen werden, mit der Ausreisepflicht und einem Meldegebot an jedem Montag. Bevor ich den Gebäudekomplex verlassen durfte, kam ein neuer Beschluss, dass ich an das Militär ausgehändigt werden muss, weil ich deutsche Staatsbürgerin bin. Dann sind die Beamten von der Antiterroreinheit gekommen, was dem normalen Prozedere widerspricht. Normalerweise müssten die Polizisten von der Ausländerbehörde kommen. Da habe ich schon gemerkt, dass etwas schief läuft. Sie wollten mich abschieben, obwohl sie wussten, dass das nicht geht, weil ich ein Ausreiseverbot habe. Ich denke, dass war eine geplante Schikane. Sie wussten, dass draußen die Presse steht, der Botschafter und meine Familie. Diese Freude wollten sie etwas verzögern. Ich denke, sie wollten mich noch ein paar Tage in U-Haft behalten und mich dann freilassen, ohne dass es die Öffentlichkeit merkt.

Wie geht es für Sie weiter? Würden Sie aus der Türkei ausreisen, wenn Sie dürften?
Meine Wohnung ist in Deutschland. Mein Sohn ist im Kindergarten angemeldet. Normalerweise würde ich sehr gerne in meine Heimat zurück. Jetzt muss ich bis zum nächsten Prozesstag warten, bis zum 26. April. Vielleicht darf ich dann ausreisen.

Ihnen werden Terrorpropaganda und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Wie gehen Sie mit diesen Vorwürfen um?
Das sind keine rationalen Vorwürfe. Viele Journalisten werden unter den gleichen Terrorvorwürfen festgenommen, um zu sagen: Das sind keine Journalisten, das sind alles Terroristen. Ich denke, dass ich vor Gericht vieles widerlegt habe. Ich werde um meinen Freispruch kämpfen.

Wollen Sie weiter journalistisch arbeiten, wollen Sie auch weiter über die Türkei schreiben?
Ja, ich will weiter als Journalistin und Übersetzerin tätig sein. Ich habe aber noch nicht wieder angefangen. Im Moment brauche ich Zeit mit meiner Familie. Ich werde weiterhin die Themen ansprechen, die ich schon vor meiner Haft angesprochen habe: Ich habe über die Armenierfrage geschrieben und über die Frauenfrage, ich habe Interviews mit Abgeordneten geführt. Die Untersuchungshaft hat mich nicht so eingeschüchtert, dass ich sagen würde: Ich will nicht mehr als Journalistin arbeiten.

Interview: Pitt von Bebenburg

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum