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Menschenhandel Die Armuts-Falle

Wo fängt Menschenhandel an? In der Debatte gibt es keine präzise Definition des Begriffs. "Man redet von Kriminalität, um über die Armut schweigen zu können", sagt eine Soziologin.

Prostituierte in Berlin: Wo fängt Zwang an? Foto: rtr

Wo fängt Menschenhandel an? In der Debatte gibt es keine präzise Definition des Begriffs. "Man redet von Kriminalität, um über die Armut schweigen zu können", sagt eine Soziologin.

In Europa wird in großem Stil Handel mit Frauen und Kindern getrieben: Ein Aufschrei ging über den Kontinent, als ein Expertenkomitee des Völkerbunds 1927 seinen Bericht über Zwangsprostitution vorlegte. Die erschütternden Ergebnisse standen noch Pate noch bei der Menschenhandelskonvention der Vereinten Nationen von 1949.

Für die Details interessierten sich damals nur wenige. Eine junge Doktorandin hatte bei Feldstudien in Marseille und Athen, zwei Hotspots der Szene, keinen einzigen Fall von Menschenhandel nachweisen können. Der bekannte Journalist Albert Londres recherchierte in Rio und Buenos Aires nach, damals klassische Herkunftsorte für verschleppte Frauen: „Die Zuhälter dort“, so sein Ergebnis, „müssen die Frauen gar nicht kaufen“, schrieb Londres. „Im Gegenteil: Sie kriegen sogar Geschenke, wenn sie ihnen gute Standplätze verschaffen.“

Achtzig Jahre später zeichnete der belgische Philosoph und Soziologe Jean-Michel Chaumont die Geschichte des Skandalberichts minutiös nach – und kam zu interessanten Befunden. Das „Expertenkomitee“ des Völkerbunds hatte vorwiegend aus idealistisch gesinnten Kämpferinnen und Kämpfern gegen die Prostitution an sich bestanden. Der Auftrag des Völkerbunds und der Bericht von 1927 waren ihr großer Coup.

„Handel mit weißen Frauen“ war nun europaweit ein Thema. Das Motiv war, so Chaumont, die absehbare Empörung gegen die Sklaverei nun auch für den ganz anders motivierten Kampf gegen die Prostitution nutzbar zu machen. Es funktionierte.

"Exakte" Zahlen nutzen nichts

Unter Ideologieverdacht stehen große Berichte über internationales Verbrechen bis heute. Stand in den Zwanzigerjahren der Kampf gegen die Prostitution im Vordergrund, so mischen sich heute auch die Skepsis gegen die Globalisierung und konkret gegen die Aufhebung der Grenzkontrollen in die Debatte. Exakte Zahlen, wie sie die europäische Polizeibehörde Europol immer wieder präsentiert, verwischen das Hauptproblem: die Definition.

Chinesen und Nigerianer, aber auch Rumänen gehören nach den Zahlen der Haager Behörde zu den Haupttätergruppen. Aber was ist Zwang, was nicht?

„Sehr selten geht eine Frau zur Polizei“, sagt der Menschenhandelsbeauftragte der rumänischen Polizei, der selbst zu operativen Ermittlern zählt und deshalb nicht mit Namen genannt werden will. Um verbotenen „Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung“ von erlaubter Prostitution zu unterscheiden, bedarf es besonderer Verhörtechniken. Mit wem sind Sie von zu Hause weggegangen? Mussten Sie Geld für Unterkunft und Essen bezahlen? Wenn ja, wie viel? Hat man Ihnen den Pass abgenommen, und wenn ja, hätten Sie ihn zu jeder Zeit wiederbekommen können, wenn Sie danach verlangt hätten?

Damit aus Prostitution Menschenhandel wird, muss eine Frau sich nicht als Opfer fühlen. Es genügt die „Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit“ oder der Verkauf zwischen zwei Zuhältern.
Das macht eine faire Differenzierung schwierig. Befinden sich Menschen, die in einem Elendsghetto leben, nicht sowieso in einer Zwangslage? Das internationale Palermo-Protokoll vom 15. November 2000, das den Menschenhandel definiert, lässt offen, ob eine Frau etwa aus einem osteuropäischen Slum sich überhaupt legal für Prostitution entscheiden kann – oder ob jede Hilfe, die man ihr dabei gewährt, nicht automatisch „Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit“ ist.

Wohlstandsgefälle in Täter-Opfer-Schema gepresst

Kritiker wie die spanische Soziologin Laura María Agustín halten das ganze Konzept von Zwangsprostitution deshalb nicht für sinnvoll. Es sei eher ein Versuch, das Wohlstandsgefälle zwischen reichen und armen Ländern in das Schema von Täter und Opfer zu pressen. Man redet von Kriminalität, um über die Armut umso besser schweigen zu können. Zu den großen Unterstützern des Berichts von 1927 gehörte auch John Davison Rockefeller jr. – damals der reichste Mensch der Welt.

Mindestens so schwierig wie die Zahl von 270 000 Zwangsprostituierten in der EU, die der Sonderausschuss des Europa-Parlaments in seinem jüngsten Bericht anführt, ist die von 610 000 weiteren Zwangsarbeitern in den Mitgliedsländern der EU. Zwangsarbeiter, meistens Männer, gehen zwar öfter zur Polizei oder sagen wenigstens aus, wenn sie aufgegriffen werden. Das macht die Beweisarbeit aber nicht leichter.

Auch männliche Zwangsarbeiter kommen nicht in Ketten nach Europa, sondern mit falschen Versprechen und Hoffnungen. Selten lässt sich nachvollziehen, was den Arbeitern genau versprochen wurde. Manchmal müssen sie ihrem Agenten einen überhöhten Betrag für die Vermittlung bezahlen, und von ihrem Lohn bleibt nichts übrig. Manchmal bekommen sie nur 12 statt der zugesagten 15 Euro am Tag, oder sie werden in einem Vier- statt in einem Zweibettzimmer untergebracht.

Was ist noch Betrug oder Wucher, was ist schon Menschenhandel? Ermittlern, Staatsanwälten und Richtern stehen keine eindeutige Kriterien zur Verfügung. Die Regierungen der reicheren Mitgliedsländer reden lieber von „Zwangsarbeit“, „Schlepperunwesen“ und illegalem Aufenthalt als über ausbeuterische Arbeitgeber und verschachtelte Leiharbeitsstrukturen. Und die Öffentlichkeit spricht lieber von Verbrechen als von Armut.

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