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Mely Kiyak "Die Islamkonferenz verkommt zur Folklore"

Mely Kiyak, Kolumnistin unserer Zeitung und früheres Mitglied der Islamkonferenz, spricht im Interview über den schwierigen Stand muslimischer Frauen in der deutschen Gesellschaft.

20.04.2012 18:48
Eine Teilnehmerin der Deutschen Islamkonferenz in Berlin Kreuzberg. Foto: dpa

Mely Kiyak war 2006 zur ersten Islamkonferenz unter dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble geladen. Sie sollte Journalisten mit Migrationshintergrund repräsentieren. Gebracht hat die Veranstaltung ihrer Ansicht nach nichts.

Gewalt und Zwangsehen – trifft das Bild, das in der Konferenz vom Verhältnis zwischen Mann und Frau gezeichnet wird, die Lebensrealität der muslimischen Deutschen?

Natürlich nicht. Da muss man sich nur anschauen, wie viele Frauen in der Konferenz sitzen. Sämtliche Vertreter der religiösen Gemeinschaften sind Männer.

Bestätigt das nicht das Bild der patriarchalisch geprägten muslimischen Gesellschaft?

So heißt es immer. Die Männer bestimmen in den Familien. Wenn man aber über Geschlechtergerechtigkeit spricht, kann man das nicht von dem nicht-muslimischen Teil der deutschen Gesellschaft trennen. Die muslimischen Frauen möchten nicht nur in der Familie gleichberechtigt sein, sondern auch in der Schule, an der Universität, auf dem Arbeitsmarkt. Und da haben muslimische Frauen wenig Chancen. Das haben Studien vielfach bestätigt. Das Problem ist also nicht die muslimische Gesellschaft, sondern die christliche Mehrheitsgesellschaft, die Frauen nicht gerecht behandelt. Sie treffen auf christliche Vermieter, christliche Professoren, christliche Arbeitgeber, die häufig Muslimen keine Chance geben. Es gibt unter den Frauen mit Migrationshintergrund auch eine Bewegung. Sie wollen Hilfe, sie wollen Teil der Gesellschaft sein. Das könnte man zur Chefsache machen.

Zwangsehen kommen nun einmal vor allem unter muslimischen Zuwanderern vor.

Ich glaube, dass in der Islamkonferenz immer solche Themen besprochen werden, damit man nicht über das spricht, was man wirklich ändern kann, wie Rassismus. Dagegen kann man auf dem Arbeitsmarkt oder im Bildungssektor etwas tun. Hier wäre ein Signal seitens des Staates angebracht. Nur eine Frau, die Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, kann sich auch selber vor Gewalt und Ungerechtigkeit schützen.

Auch gebildete Frauen werden Opfer von Gewalt.

Dennoch zeigen Studien, dass Gewalt vor allem in bestimmten Milieus stattfindet, in sogenannten Hausfrauenehen, wo bestimmte Geschlechterbilder weitergegeben werden. Frauen Chancen zu bieten, das kann nicht der muslimische Vater, das muss der Staat leisten. Er muss diesen Frauen zeigen: Wir wollen, dass diese Frauen gebildete, pfiffige und intelligente Menschen werden. Über diesen Punkt wird nie gesprochen, weil man immer über das Stereotyp des schlagenden Moslems sprechen muss. Die Islamkonferenz verkommt zur Folklore. Und an der Spitze ein Innenminister, dessen Partei die Frauen mit Kinderbetreuungsprämien ans Haus binden will, während sich die Musliminnen doch bitte emanzipieren sollen.

Gewalt gegen Frauen ist in der Türkei ein virulentes Thema, dem mit Gesetzen zum Schutz der Frauen begegnet wird.

Seit Jahrzehnten ist das ein Thema in der Türkei, das erforscht wird. Es hat auch da etwas mit Sozialstrukturen zu tun – wie in der christlichen Gesellschaft. Wir können Gewaltopfer nicht nach Glauben oder Herkunft klassifizieren. Die Konferenz setzt damit ein Zeichen: Die Muslime haben ein Problem, also müssen es die Muslime selbst lösen. Das heißt nicht, dass Gewalt kein Problem ist. Aber ich glaube nicht, dass Gewalt gegen Musliminnen aus dem Glauben resultiert.

Interview: Kerstin Krupp

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