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Whistleblower Wir brauchen mehr Edward Snowdens

Wirtschaftsgiganten wie Google, Amazon oder Facebook horten profitbringende Nutzerprofile, und die Geheimdienste fischen ab, was sie bekommen können. Wir brauchen mehr mutige Whistleblower, wir benötigen ethische Grenzen. Ein Aufschrei ist nötig. Ein Kommentar.

Protest gegen die Lauscher des US-Geheimdienstes NSA vor der amerikanischen Botschaft in Kiew.  Foto: dpa

Google Glass? Gefällt mir. Ende des Jahres soll es so weit sein. Dann flimmert der Computer-Bildschirm permanent vor dem Auge. Ein weiterer Schritt zur Verschmelzung meines Gehirns mit der Datenwolke des Internets. Die Brain-Computer-Schnittstellen rücken zusammen. Aus meinen Gehirnströmen ist schon herauszulesen, was ich gerade tun will. Dafür benötigen die Techniker gar kein Implantat mehr, ein einfacher Datenhelm reicht aus.

Müssen wir uns fürchten? Nicht vor der Technik, aber vor den Menschen, die sie mit Inhalten füllen. Für einen Folterkeller im Mittelalter, für das monströse Vernichtungslager Auschwitz brauchte es nur simple Hardware. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine kurze Zeit, in der die Gesellschaft Gewaltfantasien und sexuelle Tabus zu kontrollieren versuchte. Das führte zu einem Spagat zwischen Zensur und der Freiheit der Kunst. Vor 30 Jahren war ich deshalb bei einer Veranstaltung der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft.

Keine Kontrolle mehr

Die meisten im Saal gehörten zum liberalen Bürgertum. Das Licht ging aus, es folgte die Schnittrolle mit Sexszenen, die Kinobesucher nicht sehen durften. Auf der Leinwand bunt kostümierte Darsteller im Hamburger Kiez-Theater Salambo, die auf der Bühne vögelten. Das sei doch recht harmlos, befanden Tagungsteilnehmer. Anschließend kam die Gewalt-Rolle. Den Gruselklassiker „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1922 hatten wir im Kopf. Keiner von uns ahnte, was ein Horrorfilm schon damals an realistisch-furchtbaren Grausamkeiten zu bieten hatte. Die Haut bei lebendigem Leib abzuschälen, war noch harmlos. Nach den ersten ekelhaften Szenen leerte sich der Saal rasant.

Darf eine Gesellschaft ihre Kinder und Heranwachsenden, ja sich selbst solchen Machwerken aussetzen? Aus heutiger Sicht sind das anachronistische Fragen. Das Internet lässt keine Kontrolle mehr zu. Die Datenautobahnen spülen sämtliche Spielarten menschlicher Destruktivität – vom Rechtsradikalismus über sexuelle Misshandlungen bis hin zum sadistischen Realmord vor laufender Kamera – in die Kinderzimmer und Schulhöfe der Welt. Junge Leute halten das für Freiheit. Kostenloses Downloaden und grenzenloser Austausch, dafür verzichten wir offenbar auch gern auf den Schutz des Privaten.

Mehr Whistleblower

Fassungslos hatte bereits Computer-Pionier Joseph Weizenbaum Mitte der 60er Jahre verfolgt, welch extreme Wirkung sein einfaches Psychotherapie-Programm Eliza entwickelte. Mitarbeiter am Massachusetts Institute of Technology vertrauten ihre geheimsten Sorgen und Ängste dem Computer an. Endlich schien einer da zu sein, der sie verstand. Dabei waren es nur ein paar gespiegelte Sätze. So simpel und doch schon alle Sehnsüchte bedienend.

Wirtschaftsgiganten wie Google, Amazon oder Facebook horten heute profitbringende Nutzerprofile, und die Geheimdienste fischen ab, was sie bekommen können. Weil er die Machenschaften des US-Geheimdienstes NSA öffentlich gemacht hat, ist deren Computerspezialist Edward Snowden derzeit auf der Flucht. Wir brauchen mehr solcher mutiger Whistleblower, wir benötigen ethische Grenzen. Ein Aufschrei ist nötig. Nicht virtuell, sondern sehr real, hier und heute. Politische Einmischung statt Maschinenstürmerei.

Karl-Heinz Karisch ist Autor.

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