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Rechte Burschenschaften Österreich empört über FPÖ

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache entfacht einen Skandal: Er vergleicht Proteste gegen eine Wiener Burschenschaft mit der Judenverfolgung. Die Rechtspopulisten in Österreich bauen auf den vielfach schlampigen Umgang mit Geschichte.

Heinz Christian Strache (links) von der Freiheitlichen Partei und Ball-Organisator der Wiener farbentragenden Burschenschaftler Udo Guggenbichler. Foto: dpa

Heinz-Christian Strache, der Vorsitzende der Freiheitlichen Partei, wäre gerne ein ganz normaler Rechtspopulist: für den kleinen Mann und den gesunden Menschenverstand, gegen den Islam, gegen Gutmenschen und Political Correctness. Er ist jung wie Marine Le Pen und tritt, bis zum Gel im Haar, so cool auf wie Geert Wilders.

Aber die Rolle des modernen Populisten will ihm nicht gelingen. Immer wenn er sich groß aufrichtet, türmt sich über ihm, ganz ohne sein Zutun, der mächtige Schatten von Adolf Hitler.

Seit Tagen hat Österreich wieder einen seiner typischen Skandale. Am Freitag vor einer Woche fand in der Hofburg, dem Kaiserschloss mitten in Wien, der Ball der Wiener farbentragenden Burschenschaftler statt. Es gab Proteste; ein paar tausend Demonstranten hatten sich eingefunden. Einige davon belästigten offensichtlich Ballbesucher, und es kam auch zu einem Brandanschlag auf das Haus einer Studentenverbindung.

"Wir sind die neuen Juden!"

Im Saale war man darüber sehr empört, und zu später Stunde entschlüpfte Strache der Satz: „Wir sind die neuen Juden!“

Es war ein dummer Satz, Zeugnis des frivolen Verhältnisses, das Österreich jahrzehntelang zu seiner Vergangenheit pflegte. Das ganze Land ist empört, und Bundespräsident Heinz Fischer, sonst meistens milde gestimmt, verweigert dem zungenfertigen Rechten deswegen sogar das fällige Große Ehrenzeichen. Aber es war kein Nazi-Spruch, was Strache da losgelassen hatte. Wer so etwas sagt, erkennt ja immerhin an, dass den Juden Unrecht geschehen ist, was in den Kreisen der Wiener Korporierten nicht ganz unumstritten sein dürfte. Und so wehrte sich Strache auch vehement dagegen, nun wieder in die Nazi-Ecke zurückgeschoben zu werden. Zur besten Fernsehzeit stellte er, sichtbar erregt, seine Abscheu gegen die Pogrome der Nationalsozialisten aus.

„Warum immer Ihre Partei?“, fragte der Moderator Wolf Armin und zählte noch einmal alle Schlüpfrigkeiten, Gemeinheiten und Dummheiten auf, die sich Politiker der FPÖ in den vergangenen Jahren mit direktem oder indirektem Bezug auf den Nationalsozialismus geleistet hatten. Strache verwies auf seine ernsten Versuche, seine Partei gegen Neonazis abzugrenzen, auch auf die Parteiausschlüsse, die er verhängt hatte. „Warum immer Ihre Partei?“, fragte der Moderator, ein Meister seines Fachs, noch einmal nach.

Strache setzt auf mangelnde Geschichtskenntnisse

Strache hätte antworten können: „Nun, nach dem Krieg war die FPÖ ein Sammelbecken alter Nazis. Die NS-Ideologie wurde zwar nicht auf Parteiversammlungen, aber in akademischen Familien und auch in den Burschenschaften über die Generationen fortgetragen. Niemand widersprach, weil Nazi-Denken ja etwas Deutsches, Ausländisches war und nicht zu Österreich gehörte. Ich will damit Schluss machen.“ Stattdessen lenkte er ab und verwies darauf, dass viele alte Nazis auch bei den Sozialdemokraten untergekrochen seien. Wir nicht, aber die auch – der Reflex aller Angegriffenen, die sich Nachdenken nicht leisten können.

Strache ist aber klug, und er wusste instinktiv, warum er so nicht antworten durfte. Seine Partei ist auf das schlampige, unklare, gleichgültige Verhältnis zur Geschichte dringend angewiesen.

Nicht nur, weil die „alten Herren“ aus den braunen Familien seine Partei mit Spenden und gut ausgebildetem Nachwuchs versorgen. Sondern auch, weil zu viel Wissen über die Nazi-Zeit leicht auch gegen das Gedankengut seiner Partei immunisiert: Wenn FPÖ-Leute etwa getrennte Schulklassen für „Neger-und Türkenkinder“ oder eine gesonderte Sozialkasse für Zuwanderer fordern, könnte sich sonst vielleicht jemand an die Nürnberger Rassegesetze erinnert fühlen.

"Das habe ich so in der Schule gelernt"

Zum Glück für Strache weiß aber in Österreich kaum jemand, was das ist. Als vor Jahren ein FPÖ-Mann auf dem Parteitag den Spruch „Unsere Ehre heißt Treue“ abließ, hatte er auch keine Ahnung, dass er das Motto der SS zitierte. Ob er nicht wisse, fragte jetzt der Moderator den Strache, dass man nicht mehr „Reichskristallnacht“ sagt, wenn man über das Pogrom der SA am 9. November 1938 spricht. Nein, sagte Strache. Das habe er in der Schule so gelernt.

Wenn man über die NS-Zeit etwas weiß, kann die Quelle höchstens die Schule sein: Das ist eine weitere wichtige Botschaft der österreichischen Rechten. Der Holocaust ist fader, aber verpflichtender Stoff, den man leiernd repetiert, wenn der Lehrer fragt. „Ich glaube alles, was dogmatisch vorgeschrieben ist“, hat ein inzwischen ausgeschlossener FPÖ-Politiker vor Jahren auf die Frage gesagt, ob es denn wohl Gaskammern gebe.

Würden Österreichs Rechte sich wirklich mit der Geschichte auseinandersetzen, so bliebe von ihren Forderungen und von den Hoffnungen, die ihr entgegenschlagen, höchstens die Hälfte übrig. Von den Wählerstimmen wohl auch, denn die andere Hälfte der Forderungen hätte auch in der konservativen ÖVP Platz. So wird die Partei weiter ihre Skandale produzieren und muss dabei hoffen, dass irgendwann niemand mehr versteht, was denn der Skandal war. Dann hat sie gewonnen.

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