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NS-Gedenken Nur Symbolpolitik

Eine Pflicht für KZ-Besuche einzuführen, bliebe ohne große Wirkung.

Auschwitz
Vor 73 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Foto: rtr

Jeder, der in Deutschland lebt, sollte mindestens einmal eine KZ-Gedenkstätte besucht haben. Das sagt die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli – und recht hat sie. Das Wissen über die NS-Zeit und die Judenverfolgung gehört zur gesellschaftlichen DNA der Bundesrepublik – und scheint doch immer weniger vorhanden. Inzwischen gibt es kaum noch Zeitzeugen. Es bleiben die KZ-Gedenkstätten, um dieses Wissen erfahrbar zu machen. 

Warum also dann nicht gleich Schüler zu KZ-Besuchen verpflichten? Dagegen kann doch niemand etwas haben, der es ernst meint mit der Bekämpfung von Antisemitismus? Tatsächlich sehen die Experten in den Gedenkstätten einen solchen Zwang oft skeptisch. Sie verweisen unter anderem darauf, dass Freiwilligkeit die Voraussetzung für politische Bildung sei. Und dass eine anderthalbstündige Führung, wie sie für Schulklassen schon jetzt oft „gebucht“ wird, nicht als Impfung gegen Judenhass funktioniere.

Hier steckt der Kern des Problems: Die Forderung nach KZ-Pflichtbesuchen kam jüngst als Reaktion auf eine Reihe antisemitischer Übergriffe von Muslimen auf. Als müsste man junge Menschen mit fest verankertem antisemitischen Weltbild nur einmal schnell durch Dachau oder Bergen-Belsen schleusen, um solche Akte zu verhindern. Und als wäre judenfeindliches Gedankengut vor allem unter Migranten verbreitet und nicht auch in weiten Teilen der christlichen, (bio-)deutschen Gesellschaft fest verankert. 

Wer Antisemitismus ernsthaft bekämpfen will, braucht langfristige Konzepte und eine lebendige Auseinandersetzung mit Geschichte, die historische Beispiele von Rassismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit mit aktuellen verknüpft. Die klarmacht, in welchem Klima der Hass auf „die anderen“ entsteht. Dafür braucht es viel Personal für Schüler- und Lehrerbildung, Unterstützung für Initiativen und – ja, selbstverständlich auch für die Gedenkstätten. Letzten Endes braucht es viel Geld.

Um eine Pflicht für KZ-Besuche einzuführen, braucht es all das nicht. Sie wäre ein symbolpolitischer Akt, ohne große Wirkung. Und das ausgerechnet bei einem Thema, bei dem wir als Gesellschaft nicht taten- und wirkungslos bleiben dürfen.

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