Lade Inhalte...

NS-Gedenken Notwendige Zumutung

Der Auseinandersetzung mit dem Holocaust darf sich niemand entziehen, der in Deutschland lebt und aufwächst.

KZ-Besuch
Die Frage ist, ob KZ-Besuche verpflichtend sein sollen. Foto: Simon Berninger

Ein Schülerleben in Deutschland ist gespickt mit Pflichten: fünf Mal die Woche zur Schule gehen, am Sport und an Klassenfahrten teilnehmen, Hausaufgaben machen. Kaum jemand wendet ernsthaft ein, dass der strafbewehrte Zwang die Akzeptanz des Lernens zerstört. Fördern und Begleiten Heranwachsender braucht auch ein gutes Maß an Fordern und Führen, gerade, wenn es unbequem wird.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist unbequem. Aber dieser Zumutung darf sich niemand entziehen, der in Deutschland lebt und aufwächst. Wer vermitteln will, wie Unterdrückung funktioniert, wie menschenverachtende Systeme und Rassismen zur Gefahr werden, kommt hier um den Massenmord an Juden, die Verfolgung von Sinti und Roma, Behinderten und anderen nicht herum. Die KZ-Gedenkstätten sind dabei immer unersetzlicher, je weniger Zeitzeugen der NS-Verbrechen noch leben – und je lauter der Ruf nach einem „Schlussstrich“ wird. Kein Buch, keine Youtube-Doku kann die Gräuel so eindringlich vergegenwärtigen wie der Augenschein.

Eine Pflicht für Schülerinnen und Schüler zum KZ-Gedenkstättenbesuch wäre die richtige Konsequenz. Sie wäre Signal und Selbstverpflichtung des Staates: Das verlangen wir, das lassen wir uns auch was kosten. Schulen brauchen nämlich mehr Geld und Personal als bisher, damit sie die Klassenfahrt nach Auschwitz oder Dachau endlich gut und zeitgemäß in den Unterricht einbetten können. 

Lehrer müssen dabei alle Schüler mitnehmen: die, deren Groß- oder Urgroßväter Wehrmachtssoldaten oder Franco-Gegner waren, und die, deren kurdische oder arabische Familien eine eigene, fürchterliche Verfolgungsgeschichte haben. Wir brauchen interkulturelle Zeitzeugenprogramme: Warum in der Schule neben dem Enkel eines jüdischen NS-Opfers nicht auch ein Opfer der Palästinenservertreibung in Nahost hören, eine Roma, die über ihre Entrechtung in Serbien berichtet?

So wächst gegenseitiges Verstehen. Und das Bewusstsein: Die Menschenfeindlichkeit der NS-Vernichtungslager ist nicht nur bedrückende Geschichte. Sie ist unsere gemeinsame Gegenwart. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen