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Porträt Gerlinda Swillen Ihre zweite Hälfte

Gerlinda Swillen, Kriegskind aus Belgien, ist nun auch als Deutsche anerkannt - als erste und bisher einzige. Es gibt etliche Kriegskinder, die jetzt auch die deutsche Staatsbürgerschaft haben wollen. Von Thorsten Knuf

Gerlinda Swillen, 67, Kriegskind aus Belgien, pensionierte Lehrerin, ist nun auch als Deutsche anerkannt. Foto: privat

Einen deutschen Reisepass will sie nicht beantragen. Sie hat ja weiterhin ihren belgischen, und damit kommt sie überall hin. Das Wichtigste ist die Einbürgerungsurkunde. Die hat sie vor ein paar Tagen abgeholt; in der deutschen Botschaft Brüssel, Abteilung Konsular-Angelegenheiten. Gerlinda Swillen sagt: "Es ist mehr als eine Anerkennung. Ich kann jetzt sagen, dass meine Identität vervollständigt ist."

Gerlinda Swillen kam 1942 im belgischen Ostende zur Welt. Als Tochter einer einheimischen Kindergärtnerin und eines deutschen Besatzungssoldaten. Ihren Vater Karl Weigert hat sie nie richtig kennengelernt. Der machte sich schnell aus dem Staub und starb 1958 in München. Die Mutter schämte sich Zeit ihres Lebens für die einstige Liaison mit einem feindlichen Soldaten. Den vollen Namen ihres Erzeugers erfuhr Gerlinda Swillen erst vor drei Jahren.

Jetzt ist sie Deutsche, wie ihr Vater. Als erstes und bisher einziges belgisches Kriegskind. Als junge Frau hat sie Germanistik studiert und danach bis zur Pensionierung an Brüsseler Gymnasien unterrichtet. Sie war verheiratet und hat zwei Kinder großgezogen. Inzwischen widmet sie sich der historischen Forschung. Gemeinsam mit Gleichgesinnten aus anderen Ländern setzt sie sich für die Rechte aller Kriegskinder ein; nicht nur für die des Zweiten Weltkriegs, sondern auch für jene, die in den zahlreichen anderen Konflikten gezeugt und geboren wurden.

Gerlinda Swillen hatte stets das Gefühl, mit sich selbst noch nicht im Reinen zu sein. In ganz Europa gibt es Hunderttausende Menschen mit ähnlicher Geschichte. Allein in Belgien sollen bis zu 40000 Kriegskinder mit deutschen Vätern leben, in Frankreich vermutlich fünfmal so viele. Überall dort, wo die Wehrmacht kämpfte oder Länder besetzt hielt, kamen ihre Soldaten auch mit einheimischen Frauen in Kontakt. Nach dem Krieg waren die Frauen und ihre Kinder oft stigmatisiert.

Es gibt etliche Kriegskinder, die jetzt auch die deutsche Staatsbürgerschaft haben wollen. Betroffene aus Frankreich können sie relativ leicht bekommen, es gibt eine Übereinkunft zwischen Berlin und Paris. Gegenüber Bürgern anderer Länder sind die deutschen Behörden nicht so großzügig. Die Bundesregierung will das Thema eher defensiv angehen und von Fall zu Fall entscheiden. Dahinter steckt die unausgesprochene Sorge, dass demnächst im großen Stil Rentner aus Osteuropa Deutsche werden wollen.

Bei Gerlinda Swillen lief alles glatt. Nur drei Monate vergingen zwischen Antrag und Ausstellung ihrer Einbürgerungsurkunde. Sie sagt: "Die Behörden haben offenbar gedacht, ein Kind des Blitzkriegs soll auch blitzschnell bedient werden."

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