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Papst Franziskus besucht Lampedusa Lampedusa, die Insel der Scham

Papst Franziskus besucht Lampedusa. Die italienische Mitelmeerinsel ist jedes Jahr das Ziel Tausender Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa. Ob der erste Papstbesuch auf Lampedusa etwas ändert an Europas Politik der Abschottung?

Italienische Polizisten bewachen im Hafen von Lampedusa Flüchtlinge. Foto: dpa

Von der Luft aus gesehen ist Lampedusa ein langgestreckter Flecken aus Sand und Felsen, ziemlich genau in der Mitte des Mittelmeers, nur neun Kilometer lang, höchstens drei Kilometer breit, flach, karg bewachsen, mehr Afrika als Europa. Vom Meer aus gesehen ist dieser Zipfel Sand und Felsen für viele das gelobte Land. Sie versuchen es in hölzernen Schaluppen zu erreichen, die oft so mit Menschen überfüllt sind, dass sie sich kaum über Wasser halten. Sie zahlen ihr letztes Geld an Schlepperbanden, riskieren in den Fluten des Mittelmeers ihr Leben, obwohl die meisten nicht einmal schwimmen können. Lampedusa, der Zipfel Sand zweihundert Kilometer südlich von Sizilien, aber nur einhundert Kilometer von der tunesischen Küste entfernt, ist die Brücke nach Europa.

Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind schon fast 4000 Menschen auf der kleinen Insel gestrandet – Nigerianer, Senegalesen, Somalier, Iraker Libyer, Tunesier, Ägypter, Bangladescher –, die vor Hunger, Armut, Perspektivlosigkeit oder vor politischer Verfolgung fliehen. Viele andere schaffen es nicht bis Lampedusa und ertrinken bei der meist nächtlichen Überfahrt. Mehr als 1500 sollen es sein, die pro Jahr in der Straße von Sizilien sterben. Ab und an werden auf Lampedusa ihre Habseligkeiten angespült – Plastiklatschen, T-Shirts, Hosen. Manchmal werden auch die Leichen geborgen.

Appell ohne Antwort

Die 6000 Bewohner Lampedusas fühlen sich mit dem Problem allein gelassen. Da sie heutzutage weniger vom Fischfang und von Ziegen leben als vom Tourismus, stört es sie, dass der Name Lampedusa in den vergangenen 15 Jahren zum Inbegriff des Elends der Migration geworden ist. „Wie groß muss der Friedhof meiner Insel sein?“, fragte die Bürgermeisterin Giusi Nicolini im vergangenen November in einem dramatischen Appell, den sie an ganz Europa richtete. Innerhalb des halben Jahres seit ihrem Amtsantritt hatte sie da schon 21 tote Flüchtlinge begraben lassen müssen, der Platz auf dem kleinen Friedhof der Insel wurde knapp. „Ich bin empört über das Schweigen Europas, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat“, erklärte die streitbare Lokalpolitikerin einer Umweltschutz-Bürgerliste damals. „Wenn es sich um ein Kreuzfahrtschiff gehandelt hätte und die Todesopfer helle Haut gehabt hätten, wäre das Anlass für Talkshows und pompöse Trauerfeiern gewesen.“ Der Appell blieb ohne Antwort.

Jetzt hat die Bürgermeisterin Hoffnung. An diesem Montag wird sie Papst Franziskus auf Lampedusa begrüßen. Er will, wie berichtet, für die Flüchtlinge beten und den Inselbewohnern Mut machen. Es ist das erste Mal, dass ein Papst diesen Vorposten Europas besucht. „Von heute an ist meine Insel nicht mehr die Grenze von Italien und Europa, sondern der Beginn des seelsorgerischen Weges von Papst Franziskus“, sagt Giusi Nicolini. Die Welt könne nun nicht mehr die Augen verschließen, sondern müsse sich darüber klar werden, dass die Toten im Mittelmeer ein Anlass zur Scham seien.

Der Pfarrer von Lampedusa, Don Stefano Nastasi, der den Papst im März mit einem Brief eingeladen hatte, ist überzeugt, dass der aus Argentinien stammende Papst Bergoglio als Sohn italienischer Auswanderer ein besonders tiefes Verständnis für die Probleme der Migranten hat. Franziskus wird, von Fischerbooten begleitet, an der Mole von Favarolo anlegen – dort, wo die vielen Flüchtlingskähne ankommen, deren Insassen dann in das Auffanglager der Insel transportiert werden. Möglichst unauffällig werden sie weggebracht, so, dass die Urlauber, die im Sommer die Insel wegen ihrer schönen Sandstrände besuchen, kaum etwas davon mitbekommen.

Bettelnde Clandestini gehören zum Straßenbild

In der Vergangenheit, unter der Regierung Silvio Berlusconis, war das für 800 Menschen ausgelegte Lager oft völlig überfüllt, es gab keinen Rechtsbeistand, zu wenig Betten. Allein in den Jahren 2008 und 2009 kamen 20.000 Flüchtlinge an. Dann, mit dem Beginn des arabischen Frühlings, begann vor allem in Tunesien ein Exodus und 2011 erreichten rund 60.000 Menschen die kleine italienische Insel. Lagerinsassen brachen aus und protestierten gegen die Zustände, Inselbewohner demonstrierten.

Inzwischen hat sich die Lage etwas entspannt. Die Flüchtlinge werden schnell weitertransportiert, nach Sizilien und auf das italienische Festland, in so genannte Identifizierungs-Zentren. Dort leben sie oft bis zu eineinhalb Jahre lang. Dann werden viele in ihre Heimatländer abgeschoben. Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge aber bleibt in Italien und landet auf der Straße. Clandestini werden sie genannt, die versteckten Illegalen, die blinden Passagiere. Der italienische Staat überlässt sie sich selbst, ohne jede Hilfe. In den Städten gehören die bettelnden Clandestini zum Straßenbild. Unzählige von ihnen schuften auf den Obst- und Gemüseplantagen im Süden, zu einem Hungerlohn. Und alle träumen davon, es bis nach Deutschland, Holland oder in die Schweiz zu schaffen.

Ob sich wirklich etwas ändern wird durch den Papstbesuch – auf Lampedusa, an der italienischen Politik, an der europäischen Asylpolitik, für die Flüchtlinge? Wohl nicht. Aber zumindest wird das Schicksal dieser Menschen für einen Tag ins Licht der Weltöffentlichkeit gerückt. Franziskus predigt nicht nur, dass er eine Kirche für die Armen und Ausgestoßenen der Gesellschaft will, er macht Ernst. Er begibt sich an einen Ort, der zum Symbol dafür geworden ist, dass Europa vergeblich versucht, seinen Wohlstand gegen ein Heer Verzweifelter und Benachteiligter abzuschotten. Und er wird bestimmt dafür werben, dass wir alle künftig viel mehr zum Teilen bereit sein müssen.

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