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WM in Russland Kommt raus aus dem Elfenbeinturm!

In Russland geht mit dem Finale die Fußball-WM zu Ende. Die Debatte über die deutsche Elf geht weiter, und das zurecht. Der Leitartikel.

Joachim Löw
Verantwortliche Löw (rechts), Bierhoff: in Kasan ging der Nimbus der Turniermannschaft kaputt. Foto: dpa

Wer vor dem Start der Fußballweltmeisterschaft einem Taxifahrer mit einer Akkreditierung oder Fan-ID gezeigt hat, dass er aus „Germaniya“ komme, bekam den erhobenen Daumen gezeigt. Die Assoziation zum Fußball schmilzt das Eis zwischen den Menschen schneller als jede Fensterrede.

Aus Sicht erwartungsfroher Russen schien die Mission Titelverteidigung geglückt, bevor in ihren sündhaft teuren Stadien der Ball rollte. Die deutsche Fußballnationalmannschaft, vom eigenen Verband auf „die Mannschaft“ reduziert, war vor einem Monat noch ein Qualitätsbegriff. Im Sport sind die Halbwertszeiten kürzer geworden.

Wollten die alle in den Urlaub? Der Toni Kroos ist doch keinen Meter zurückgelaufen! Und der Bundestrainer? Gehört an den Strand von Sotschi, wo er ohnehin für Ferienfotos posierte. Das haben nicht Fans auf der Baumann Straße in der Fußgängerzone gesagt, sondern Journalisten aus Österreich und den Niederlanden in der Kasan-Arena. Aufmerksame Beobachter aus der WM-Vogelperspektive, weil ihre Mannschaften nicht mitspielen durften.

Ausgerechnet dem Deutschen Fußball-Bund ist die deutsche Gründlichkeit verlustig gegangen. Weltmeistertrainer Joachim Löw inklusive. Während der englische Kollege Gareth Southgate im Vorlauf neugierig in die USA flog, um sich aus dem American Football und Basketball etwas für Standardsituationen abzuschauen, hat Löw das nicht richtig interessiert. Nach Eckbällen einköpfen oder Freistöße verwandeln, sollen die anderen machen, wir spielen uns schon durch. Das Ergebnis: England erzielte neun von zwölf WM-Treffern nach einem Standard. Deutschland insgesamt nur zwei.

Niemand hatte einen so schlechten Ertrag aus Ballbesitz und Torschüssen, hat die Studiengruppe des Weltverbands Fifa ermittelt und den Deutschen „fehlendes Glück“ bescheinigt. Falsch: Das war kein Pech, sondern Strafe. Bei einer in punkto Organisation, Transport und Sicherheit sehr viel besser (und aufwendiger) orchestrierten WM als 2010 in Südafrika und 2014 in Brasilien bekam jeder, was er verdiente. In einem fröhlich-friedlichen Ambiente, das am Ende zum Viertelfinale Russland gegen Kroatien in seiner Begeisterung beim einheimischen Publikum gar dem deutschen Sommermärchen 2006 ähnelte, führten andere Nationen ihren Fortschritt vor.

Belgien etwa setzte Impulse auf dem Platz und von der Trainerbank, wo mit dem Spanier Roberto Martinez eine Figur wirkt, die mit Lust und Leidenschaft, Ehrgeiz und Empathie beeindruckte. Der Mann hat zwar viel weniger Haare auf dem Kopf als Löw, ist aber trotzdem 14 Jahre jünger. Neben dem Bundestrainer kann auch der Nationalmannschaftsmanager beim deutschen Team nicht weitermachen wie bisher.

Was will Philipp Lahm?

Wer erlebt hat, wie sehr sich die unglücklich im Achtelfinale ausgeschiedenen Japaner aus ihrem Kasaner Quartier auf Land und Leute einließen oder ihre Öffentlichkeitsarbeit betrieben, der kann dem verantwortlichen DFB-Direktor Oliver Bierhoff nur zurufen: Kommt raus aus eurem Elfenbeinturm.

Der japanische Nationalmannschaftskapitän Makoto Hasebe, Profi bei Eintracht Frankfurt, hat sich den Kasaner Kreml als Symbol fürs friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen angesehen. Deutschlands Nationalspieler sind im Sperrbezirk von Watutinki dadurch aufgefallen, dass ihre Spielkonsolen bis zum Morgengrauen glühten.

Schlimmer freilich die Außenwirkung des Fotoshootings der Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der Umgang mit diesem Akt verlief mindestens unglücklich, zuletzt unsäglich. Hier habe eine klare Ansprache gefehlt, meinte nun auch der ehemalige Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm. Es überrascht nur vordergründig, dass der Ehrenspielführer sogar Löw auffordert, seinen kollegialen Führungsstil zu ändern. Lahm ist zwar als Botschafter für die Euro-Bewerbung 2024 (einziger Mitbewerber der Erdogan-Staat) beim DFB eingespannt, aber hinter seinen Aussagen steckt oft ein persönliches Kalkül. Schielt er bereits auf den Bierhoff-Posten?

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