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WM 2018 Fußball einigt das Land - oder doch nicht?

Vor dem WM-Spiel gegen Schweden steht das Land geschlossen hinter der DFB-Elf. So wie immer. Oder ist es diesmal anders? Der Leitartikel.

WM 2018
Abschlusstraining im Fischt-Stadion. Foto: dpa

„Fußball ist unser Leben“, haben wir als Kinder oft gesungen. Das Lied der Weltmeisterschaft 1974. Vor dem Kicken und danach, wenn wir nach Hause radelten und manchmal auch währenddessen, mitten im Spiel. Aus purer Freude am Sein, am Spiel, an unseren Freunden, am Leben. Nur wenige Sätze in den folgenden Jahrzehnten sind aus so herzenstiefer Erfüllung geschmettert oder auch gehaucht worden. In den Schulpausen, vor und nach dem Unterricht, auf dem Heimweg, vor und nach den Hausaufgaben, sommers wie winters, bei Regen oder Sonnenschein: Fußball war unser Leben! 

Fußball war auch damals schon eines der wenigen Themen, auf und über das sich größte Teile der Bevölkerung verständigen konnten. Damals, als Bundesligaspiele der wirklich guten Eintracht aus Frankfurt in der Regel vor halbleerer Kulisse im weltmeisterlich ausgebauten Waldstadion ausgetragen wurden. Nur wenn die Bayern kamen, wurde es voll – wegen der Bayern-Fans. Bei Spielen der Nationalmannschaft war das anders: Ausverkauft allesamt und bei der WM sowieso. Ein Land stand hinter seiner Mannschaft. So jedenfalls sah es die ungehemmte Stilisierung des Teams und seiner Spieler als alle Bürger einigendes Symbol der Nation. Bürger wohlgemerkt, Bürgerinnen galten beim Fußball damals als Beiwerk, aber das hat sich in den vergangenen Jahren massiv geändert.

Auch heute, in diesen politisch so schwierigen Zeiten (damals übrigens hatte es die sozialliberale Regierungskoalition ebenfalls nicht leicht: Kurz vor der WM löste Helmut Schmidt Willy Brandt als Kanzler ab), wird die „Nati“ noch zum einigenden Monument des nicht mehr geteilten, aber gespaltenen Deutschland stilisiert. 

Fußball-Nationalmannschaft fasziniert noch immer

Die Nationalmannschaft interessiert heute immer noch mehr Menschen, bringt mehr Fans auf die Beine als jedes andere Thema im Land. Und sie bringt die Menschen hinter sich, eint das zerstrittene Land in ungeahntem Maße. Wie sehr, merkte selbst Alexander Gauland, als sich unzählige Menschen fanden, die, anders als der AfD-Hetzer es vorausgesagt hatte, durchaus lieber neben Jerome Boateng als neben dem rechten Populisten wohnen wollten. Fußball verbindet die Menschen und Fußball, selbst in seiner kritiklosen Überhöhung (es ist vielleicht unser, aber eben nicht das Leben), einigt das Land. Aber auch das bröckelt. 

Nicht der unsägliche Werbeauftritt der Nationalspieler Özil und Gündogan für den türkischen Autokraten Erdogan, sondern  die Reaktionen darauf zeigen, wie sehr Rassismus und Fremdenfeindlichkeit selbst Landsleuten gegenüber inzwischen auch Fühlen und Handeln vieler „Nati“-Fans bestimmen. Natürlich wird das Thema eifrig am Kochen gehalten, freilich unter dem Deckmantel politischer Korrektheit. Aber wer zu TV-Talkshows verbale Krawalltouristen wie den Ex-Spieler Mario Basler einlädt, tut dies in der sicheren Erwartung, mit unsäglichen Pöbeleien dafür belohnt zu werden. 

Das miese Kalkül der Macher ist noch erschreckender als der Beifall, den solche Pöbelfritzen bekommen. Gleiches gilt für Interviews mit Lothar Matthäus, dessen gesellschaftspolitische Kompetenz gleich hinter der Abseitsregel ihr jähes Ende findet. 

Kein Wunder also, dass eine berechtigte politische Kritik alsbald von persönlichen Ressentiments überstrahlt wird, die nicht zuletzt auf eine gehörige Portion Deutschtümelei gründen. In dieses Chauvinisten-Bild fügt sich die Hetze gegen die ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann nahtlos ein.

So drängt sich der Verdacht auf, dass, wie bei den meisten Versuchen, die abstrakte Nation oder ihre Symbole als identitätsstiftende Heimat zu begreifen, auch im Fußball das auch nur halbwegs funktioniert, wenn der Begriff nicht über Abgrenzung, sondern über Ausgrenzung seine emotionale Definition erfährt. In Vereinsmannschaften übrigens ist das in der Regel anders. Da wird kein Spieler vom eigenen Publikum vor seiner Einwechslung ausgepfiffen, wie bei Gündogan geschehen, weil er ist, wer er ist. 

Nur die SGE!

In Frankfurt etwa, bei der Eintracht, kicken Spieler aus vielen Nationen und auch die mit deutschem Pass heißen nicht alle Müller oder Schulze oder Meier. Wer kurz zugeschaut hat bei den Feiern am Sonntag nach dem DFB-Pokalsieg der Frankfurter sah, dass diese großen und kleinen, hellen und dunklen Deutschen, Schweizer, Kroaten, Spanier, Argentinier, Finnen, Japaner unterschiedslos gefeiert wurden, von großen und kleinen, hellen und dunklen Fans aus aller Frauen und Herren Länder.

Vielleicht lernen wir derzeit auch, dass die Identifikation mit der Nationalmannschaft sich wesentlich über den Erfolg des Teams definiert. Einen Eindruck davon, wie weit die Identifikation der Fans sich solidarisch auch in die Krise verlängert, werden wir, je nach Ausgang des Spiels der DFB-Elf gegen Schweden, womöglich schon in allernächster Zeit erleben. Jedenfalls taugt für dieses Gefühl der (idealerweise) bedingungslosen Gemeinschaft eben doch der lokale Verein als Projektionsfläche viel besser. Auch deswegen gilt nach wie vor ein Satz überall und immer, jedenfalls wenn es um Fußball geht: Nur die SGE! 

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