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USA und Nordkorea Mächtiges Kuscheln

Donald Trumps Nordkorea-Abschluss ist ein schlechter Deal. Er könnte aber für beide Seiten gute Ergebnisse bringen. Der Leitartikel.

U.S. President Donald Trump walks with North Korean leader Kim Jong Un at the Capella Hotel on Sentosa island in Singapore
US-Präsident Donald Trump (r.) und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un (l.) beim Gipfel in Singapur. Foto: KCNA (X02538)

Nordkoreas Diktator ist für Donald Trump „ein guter Partner“, jemand, zu dem er „einen besonderen Draht hat“. Der kanadische Premier ist dagegen ein „Verräter“. Inzwischen kennen wir Trumps Maßstab für „gut“ und „schlecht“: Wer ihm schmeichelt, erhält Lob, wer ihn kritisiert, muss mit einer Attacke rechnen. Kim Jong Un hat dem US-Präsidenten nun zu einem außenpolitischen Erfolg verholfen. Deshalb erhält er von Trump ein riesiges, unverdientes Geschenk: die Legitimierung seiner Herrschaft durch den Führer der westlichen Welt. Das war ein hoher Preis für die Unterschrift unter ein Stück Papier.

Doch Trump hatte für die Nachsicht gute Gründe. Der Gipfel hat beiden Staatsführern die Gelegenheit gegeben, in ihren Ländern einen Sieg zu verkünden. Trump bewies vorgeblich seine Fähigkeiten als Meister der Verhandlungskunst, indem er zu einem Vertragsabschluss mit Nordkorea gekommen ist. Kim präsentierte sich auf Augenhöhe mit dem mächtigsten Mann auf dem Planeten. Für ihn wurde damit ein Traum wahr: die Anerkennung als Führer von Weltrang. Dafür musste er noch keine Atombombe verschrotten und kein Arbeitslager schließen. Zwei Männer lächelten am Ende des Treffens glücklich in die Kameras.

Trump erklärte hinterher zwar tapfer, eine Aufhebung der Sanktionen gebe es nur, wenn sich auch etwas an der Menschenrechtslage bessere. Ein konkretes Kriterium nannte er dafür jedoch nicht. Stattdessen gönnte er Kim einen enormen Vertrauensvorschuss und lud ihn sogar ins Weiße Haus ein.

Zu Erinnerung: Kim hat seinen Bruder und seinen Onkel grausam ermorden lassen. Er führt sein Land wie ein großes Arbeitslager. Die Bevölkerung hält er unnötig in Unwissenheit und Armut. Trump hat zwar nicht vergessen, dass Kim den US-Studenten Otto Warmbier todkrank nach Hause zurückgeschickt hat. Aber er ignoriert das. Und setzt zynisch noch eins drauf: „Der große Gewinner dieser Vereinbarung ist das koreanische Volk.“

Eine Moderatorin des Trump-freundlichen Senders „Fox News“ hat jüngst im Eifer des Gefechts von den „beiden Diktatoren“ gesprochen, als sie Trump und Kim meinte. In dem Versprecher steckt ein Körnchen Wahrheit. Die beiden Egomanen verstehen sich instinktiv. Trump lobte Kim, dieser sei „eine große Führungspersönlichkeit, die ihr Land gut unter Kontrolle hat“ und der für seine jungen Jahre „sehr talentiert ist“.

Das imponiert Trump. Beide Männer sehen eben nur ihr Ego. Das Leid der Nordkoreaner ist dem einen wie dem anderen völlig gleichgültig. Nach dem Gipfel hat Trump auch noch zweimal den chinesischen Präsidenten Xi Jinping als Freund und als tollen Typen gelobt. Die Diagnose erhärtet sich: Trump versteht sich mit autokratischen Herrschern besser als mit den traditionellen Bündnispartnern der USA wie Kanada und Deutschland.

Paradoxerweise kann das im aktuellen Fall auch etwas Gutes bewirkt haben. Es lässt sich nicht leugnen, dass Trump ein bemerkenswertes Ergebnis erzielt hat. Nordkorea hat sich verpflichtet, sein atomares Arsenal abzubauen. Zwar ähnelt der Inhalt des Dokuments stark vergangenen Abkommen mit Nordkorea, beispielsweise einem aus dem Jahr 1993, die Kims Vater am Ende alle gebrochen hat. Doch ein Friedensprozess ist besser als kein Friedensprozess – und durch den Auftritt in Singapur ist Kim stärker an die Unterschrift gebunden, als es sein Vater je war.

Die eigentliche Arbeit fängt jetzt erst an, denn die Erklärung war erst einmal vage gehalten, um beiden Seiten die Gelegenheit für einen Kompromiss zu geben. Was ist beispielsweise der Zeitrahmen für den Abbau des Arsenals? Wie läuft die Überprüfung? Trotzdem eröffnen sich jetzt Chancen auf echte Veränderung. Kim hat nun beispielsweise die Möglichkeit, vorhandene Ansätze von Marktwirtschaft zu einer Politik von „Reform und Öffnung“ im Stil Vietnams oder Chinas auszubauen und sich für ein Wirtschaftswunder feiern zu lassen.

Dieses Ergebnis gehört zu den Widersprüchen rund um Trump. Sein Verhalten ist inakzeptabel, und er hat oft die falschen Motive. Doch es kommt immer mal wieder etwas Brauchbares dabei heraus. Obama und Bush haben davor zurückgeschreckt, Nordkorea aufzuwerten. In diesem Fall hat Trumps Bereitschaft, die Grenzen der Politik seiner Vorgänger zu überschreiten, zu einer nie dagewesenen Einbindung Nordkoreas geführt.

Hoffen wir, dass Trump dieses Ergebnis nicht demnächst durch einen Tweet wieder vom Tisch wischt. Denn die beiden Männer haben noch etwas gemeinsam: Sie sind chronisch unzuverlässig. Im Falle Kims gilt das auch für das gesamte Regime, das er in dritter Generation vertritt.

Sein Vater hatte die unangenehme Angewohnheit, internationale Verträge zu brechen, sobald sie ihm unbequem wurden. Von Trump ganz zu schweigen, der die Unverbindlichkeit geradezu systematisch kultiviert. Das Nordkorea-Drama geht also fast sicher weiter – spätestens ab dem Moment, wo erste Unstimmigkeiten über die konkrete Umsetzung des Abkommens auftauchen.

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