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USA/Türkei Duell der Egomanen

Die Europäische Union sollte im Streit zwischen den USA und der Türkei vermitteln. Nicht laut, aber schnell. Einen Versuch wäre es wert. Der Leitartikel.

Trump und Erdogan
US-Präsident Donald Trump und der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan beim Nato-Treffen. Foto: rtr

In der Gedankenwelt des Donald Trump gibt es Donald Trump und noch ein paar andere geniale Typen. Und es gibt bösartige Kreaturen, die Amerika systematisch schaden. Wen der US-Präsident welchem Lager zuordnet, hängt von seiner Tagesform ab. Diese Erfahrung haben in den vergangenen Monaten bereits diverse ausländische Staatslenker gemacht – Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beispielsweise, der kanadische Premier Justin Trudeau, Russlands Herrscher Wladimir Putin oder der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un.

Dieser Tage hat sich der US-Präsident einen neuen Feind ausgesucht, und zwar den türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan. Im vergangenen Mai, als Erdogan in Washington zu Gast war, sagte Donald Trump noch, dass man zusammen „unschlagbar“ sein werde. Der US-Amerikaner und der Türke sind aus dem gleichen Holz geschnitzt: Ihr jeweiliges Ego ist so stark ausgeprägt, dass sie die Schwelle zum Größenwahn längst hinter sich gelassen haben.

Gerade hat Trump dem langjährigen Nato-Partner Türkei einen schweren Schlag versetzt und die Zölle auf Stahl- und Aluminiumeinfuhren von dort verdoppelt. Die Türkei ist ökonomisch ohnehin schon in einer bedenklichen Situation. Nun droht der Kollaps. Die Landeswährung Lira befindet sich im freien Fall, die Inflation ist außer Kontrolle. Das Finanzsystem gerät ins Wanken, die Regierung und die Notenbank aktivieren Notfallpläne.

In dem Konflikt zwischen Washington und Ankara geht es aber gar nicht um Wirtschaft, sondern um Machtspiele und die Bedienung der jeweiligen Kernwählerschaft. Den Anlass bietet der Fall des amerikanischen Pastors Andrew Brunson, den die Türkei aufgrund von Terrorvorwürfen festhält. Präsident Erdogan spricht von einem „Wirtschaftskrieg“ gegen sein Land und droht den USA damit, sich neue Verbündete zu suchen – also etwa Russland oder China.

Trump torpediert alles

Donald Trump betreibt die Rückabwicklung der westlichen Nachkriegsordnung. Er hat bereits reihenweise Handelsabkommen torpediert, einen G7-Gipfel scheitern lassen und auf Nato-Treffen den Sinn des westlichen Bündnisses infrage gestellt. Zu den grundlegenden Prinzipien des Westens gehörte in den vergangenen Jahrzehnten stets auch, dass die Türkei um jeden Preis gestützt und im westlichen Lager gehalten werden muss. Im Kalten Krieg haben sich die Partner auf beiden Seiten des Atlantiks zähneknirschend mit türkischen Militärregierungen arrangiert. Sie haben geduldig Menschenrechtsverletzungen beklagt. Wenn Ankara mal wieder knapp bei Kasse war, beschafften sie trotzdem Geld.

Auch Recep Tayyip Erdogan ist ein Mann, der jedes Maß verloren hat und auf längere Sicht seinem Land mehr schaden als nützen wird. Drohungen mit einer Neuorientierung der Außenpolitik Richtung Russland oder der islamischen Welt gehören seit jeher zum Standardrepertoire türkischer Regierungsvertreter. Das ändert aber nichts daran, dass die USA ein fundamentales Interesse an einer stabilen Türkei haben sollten, so wie die Europäer auch.

Die Türkei ist aufgrund ihrer Lage, ihrer Größe sowie ihrer politischen und ökonomischen Bedeutung zu wichtig, um sie sich selbst oder gar anderen zu überlassen. Donald Trump scheint das nicht zu verstehen. Für ihn und Erdogan gilt gleichermaßen, was generell in Kriegen und Konflikten gilt: Wenn die Fahnen wehen, steckt der Verstand in der Trompete.

Die Europäische Union verhält sich angesichts der dramatischen Zuspitzung in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft erstaunlich still. Sie scheint Trump nicht verärgern zu wollen. Den amerikanisch-europäischen Zollkonflikt konnten die Europäer gerade erst entschärfen, gelöst ist er noch lange nicht. In der Türkei stehen gerade etliche europäische Interessen auf dem Spiel. Es geht nicht nur um menschliche Beziehungen und den politischen Kurs des Landes. Sondern auch um die wirtschaftlichen Verflechtungen.

Tausende deutsche Firmen, vom Mittelständler bis zum Konzern, sind in der Türkei aktiv. Westeuropäische Banken, insbesondere aus den südlichen Ländern, machen im großen Stil Geschäfte in dem Land. Wenn dort Kreditnehmer scharenweise ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können, wird dies den europäischen Instituten arg zusetzen.

Trump und Erdogan führen der Welt gerade vor Augen, was passiert, wenn grundlegende Dinge plötzlich nicht mehr gelten: das Recht, die Interessen eines Landes und seiner Verbündeten, die üblichen politischen Umgangsformen. Aus europäischer Sicht besteht die Tücke darin, dass beide Partner unverzichtbar sind. Nicht die Präsidenten, aber ihre jeweiligen Länder.

Vielleicht brauchen Trump und Erdogan ja etwas Hilfestellung, um von ihren Bäumen herunterzukommen. Die EU und ihre Mitgliedsstaaten rühmen sich damit, nach wie vor funktionierende Gesprächskanäle nach Washington und Ankara zu haben. Die gilt es zu nutzen. Nicht unbedingt lautstark, aber schnell. Zumindest einen Versuch wäre es wert. 

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