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Übernahme Staatsaffäre Opel

Wieder geht es bei Opel um Arbeitsplätze, diesmal mischt allerdings ein französischer Konzern mit. Das macht die Sache nicht einfacher - der Leitartikel.

Bei dem Poker um Opel stehen tausende Arbeitsplätze auf dem Spiel. Foto: dpa

Das ist ein Déjà-vu-Erlebnis. Klaus Franz, der Exbetriebsratschef von Opel, hat sich gemeldet. Ihm blute das Herz, sagt er. Bei einer Übernahme des Autobauers durch den französischen PSA-Konzern seien das Montagewerk in Eisenach und das Motorenwerk in Kaiserslautern gefährdet. Franz war es, der im Jahr 2009 beim monatelangen Poker um Opel die wichtigsten hiesigen politischen Akteure auf die Seite der Arbeitnehmervertretung zog. Damals wurde das Schicksal des Unternehmens aus dem Südhessischen zu einer Haupt- und Staatsaktion.

Jetzt wird es wieder eine Haupt- und Staatsaktion werden, jetzt wird wieder um Opel gepokert. Am Tisch sitzen Mary Barra, Chefin der Opel-Mutter General Motors, der PSA-Boss Carlos Tavares, die Regierungen von Frankreich und Deutschland sowie die Arbeitnehmervertreter. Die Taktik von Barra ist klar. Nach vielen Jahren mit heftigen Verlusten in Europa – seit 2009 wurden fast neun Milliarden Euro verbrannt – will sie nichts wie weg vom Alten Kontinent.

Denn die Autokonjunktur in Europa verliert an Schwung. Dann die Verwerfungen durch den Brexit – zwei Werke in Großbritannien und die dortige Schwestermarke Vauxhall gehören zum europäischen GM-Ableger. Zudem werden in der EU Abgastests verschärft, was Opel einigen Ärger bereiten dürfte: Der Autobauer hat massiv auf Dieselmotoren für Kleinwagen gesetzt. Da muss bei der Abgasreinigung einiges getan werden, um auch künftig die Normen zu erfüllen. Das erhöht die Kosten und macht es noch viel schwerer, Geld zu verdienen.

Barras Trumpfkarte ist indes das technische Know-how der Opel-Ingenieure. Unter anderem haben sie an der Entwicklung des Ampera-e mitgearbeitet. Dahinter steckt das Fortschrittlichste, was die Branche derzeit zu bieten hat: ein Elektroauto mit knapp 400 Kilometer Reichweite. Das Wissen der Ingenieure braucht Tavares dringend. Denn die Branche wird sich in den nächsten fünf Jahren mit Elektromobilität und autonomen Fahren stärker verändern als in den 50 Jahren zuvor, wie Barra immer wieder betont.

Berechtigte Sorge um Opel-Werke

Der PSA-Chef Tavares hat mit seinen Marken Peugeot und Citroen zwar in kurzer Zeit die Gewinne hochgejazzt. Das ging aber auch auf Kosten von Forschung und Entwicklung. PSA ist unter den wichtigen europäischen Autobauern das Schlusslicht in dieser Kategorie. Profiliert hat sich Tavares als Kostendrücker. Das ist sein Trumpf. Es wäre sehr naheliegend, wenn er dieses Spiel weiterspielen würde. Die Übernahme von Opel zielt auf Skaleneffekte. Durch größere Volumina sollen die Aufwendungen pro Auto schrumpfen. Das würde darauf hinauslaufen, Einkauf, Produktion, Vertrieb und Marketing zusammenzulegen. Vieles davon will Tavares ganz bestimmt in Frankreich erledigen. Deshalb liegt Franz mit seiner Sorge um die Opel-Werke in Eisenach und Kaiserslautern völlig richtig.

Doch die einfach dichtzumachen, wird so einfach nicht gehen. Die frischgebackene Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) hat sich nach Bekanntwerden der Übernahmepläne sofort zu Wort gemeldet und es als „inakzeptabel“ bezeichnet, dass bei den Verhandlungen Betriebsräte, IG Metaller und die Politik bislang außen vor geblieben seien. Zypries macht damit Tavares und der französischen Regierung, die an PSA beteiligt ist, unmissverständlich klar, dass es auf der deutschen Seite einen Schulterschluss aus Gewerkschaftern, Bundesregierung und den Landesregierungen der „Opel-Länder“ (Hessen, Thüringen, Rheinland-Pfalz) geben wird – mit dem Ziel der Standort- und Arbeitsplatzgarantien.

Wie soll Tavares das unter einen Hut kriegen? Erfolgreich kann der Manager nur sein, wenn er im automobilen Konglomerat Peugeot-Opel-Citroen-Vauxhall die Karten komplett neu mischt. Zugegeben, eine gigantische Aufgabe. Natürlich muss er die Produktivität steigern. Zugleich gilt es, die Geschäfte in Schwellenländern, insbesondere in China, massiv auszubauen.

Die vier Marken sind viel zu stark auf Europa mit seinen gesättigten Märkten und seinen Preiskämpfen vor allem bei Kleinwagen ausgerichtet – der große Rivale Volkswagen hat im vorigen Jahr erheblich vom Wachstum in der Volksrepublik profitiert. Und Tavares muss auf Investition und Innovation setzen. Die Modellpalette muss in Richtung gehobene Fahrzeugkategorien (SUV, Vans, Reiselimousinen) ausgebaut werden.

Noch viel wichtiger ist es, eine Lösung für die kleinen Diesel zu finden. Vielleicht liegt diese darin, Kleinwagen gar nicht mehr mit Selbstzündermotoren anzubieten. Die Alternative ist ein vehementer Schub für die E-Mobilität. Das lässt sich mit den berechtigten Forderungen der Arbeitnehmervertreter versöhnen. VW könnte auch hier als Vorbild dienen. Im Motorenwerk in Salzgitter sollen künftig auch Komponenten für E-Autos wie deren Batterien gefertigt werden. Das wäre doch was für Kaiserslautern. Déjà-vu-Erlebnisse können auch erfreulich sein.

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