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Tugçe-Prozess Tugçe Albayrak ist keine Jeanne d'Arc

Im Fall Tugçe Albayrak fällt am heutigen Dienstag das Urteil. Sie hatte zwei Mädchen geholfen, die von Männern belästigt wurden. Dafür verdient sie Anerkennung. Die heilige Jungfrau von Offenbach muss sie nicht sein.

Abschied von Tugce
Blumen bedecken das Grab der getöteten Studentin Tugce Albayrak. Foto: dpa

Es ist nicht einmal acht Monate her, dass eine Welle öffentlicher Anteilnahme über Deutschland hinwegrollte. Sie galt einer bis dahin völlig Unbekannten: Tugçe Albayrak. Ihren vollen Namen sollte man gelegentlich erwähnen, denn Ende vergangenen Jahres fühlten sich viele Menschen dieser 22-Jährigen so nahe, dass sie sie nur beim Vornamen nannten. Warum auch nicht? Idole brauchen keine Nachnamen, Symbole schon gar nicht. Und genau in diesen Stand hatte die Öffentlichkeit – und damit sind keinesfalls nur die klassischen Medien gemeint – Tugçe Albayrak gehoben.

Als „Engel“ wurde sie tituliert, zur Verkörperung der Zivilcourage erklärt. Hunderttausende drückten in den sozialen Netzwerken ihr Mitgefühl mit der Studentin aus, die sich – so die gängige Erzählung – schützend vor zwei Minderjährige gestellt hatte, als diese von einer Gruppe junger Männer bedroht wurden. Die für ihren Mut ins Koma geprügelt wurde und letztlich ihre Zivilcourage mit dem Leben bezahlte.

Acht Monate später geht der Prozess gegen Sanel M. zu Ende, den 18-Jährigen der Tugçe Albayrak niederschlug. Schon seit einigen Wochen ist eine Absetzbewegung im Gange. Plötzlich will seinerzeit niemand an dem Hype um Tugçe Albayrak beteiligt gewesen sein, plötzlich wollen alle schon immer der Heldengeschichte misstraut haben. In den sozialen Netzen häufen sich die Kommentare, die dem Idol von damals zumindest eine gewisse Mitschuld am eigenen Schicksal anlasten. Fast scheint es so, als hätte jene Öffentlichkeit, die Tugçe Albayrak ungefragt ein Denkmal errichtet hat, nun zum Bildersturm geblasen.

Keiner will am Hype beteiligt gewesen sein

Dabei hat die Beweisaufnahme im Prozess gegen Sanel M. nichts zu Tage gefördert, was unaufgeregte Beobachter nicht bereits hätten absehen können: dass es nämlich eine Vorgeschichte zu dem fatalen Schlag gab, an der auch das spätere Opfer beteiligt war. Dass es vor der Tat wohl auch von Tugçe Albayraks Seite Beleidigungen gegeben hat, und dass der Täter nicht einfach nur ein blindwütiges Tier ist, sondern ein Mensch mit eigener Geschichte. „Der Täter kein Monster, das Opfer kein Engel“, titelte dennoch unlängst eine hessische Tageszeitung. Man möchte die Kollegen gerne fragen, ob das für sie selbst oder ihre Leser wirklich eine schlagzeilenwürdige Neuigkeit ist.

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Dass das Opfer kein Engel ist, enttäuscht nur diejenigen, die selbiges erwartet haben. Dieser enttäuschte Anspruch sagt sehr wenig über Tugçe Albayrak aus und sehr viel über die vermeintlich kritische Öffentlichkeit, die sie zur Heldin gemacht hat. Es war von Anfang an ein äußerst männlicher, ein patriarchalischer Blick, der auf das Geschehen jenes 15. November geworfen wurde. In patriarchalischen Erzählungen haben Männer entweder die Rolle des Aggressors oder des Beschützers, des Helden oder des Bösewichts, auf jeden Fall immer die eines Täters. Für Frauen aber ist die Opferrolle reserviert, und die einzige Möglichkeit in den Status einer Heldin aufzusteigen besteht darin, ein unschuldiges Opfer zu sein.

Nicht vorgesehen ist eine Frau, die Widerworte gibt, die den Mund aufmacht, wenn eine Gruppe Männer im Restaurant laut wird, die nicht die Klappe hält und weggeht, wenn sie oder Freundinnen als „Schlampe“ oder ihre Mütter als „Huren“ bezeichnet werden. Insofern ist es nur folgerichtig wenn die Online-Ausgabe der „Welt“ titelt: „Richter demontiert Tugçes Bild als Jeanne d’Arc“. Mal davon abgesehen, dass „Bild Tugçes als Jeanne d’Arc“ stilistisch sauberer wäre, deutet die verwendete Metapher auf die Erwartungshaltung, die weiterhin mit Heldinnengeschichten verknüpft ist, hin: Die Heldin als Jungfrau, so wie mann es sich wünscht.

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