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Terrorismus Gefährliche Angst

Es ist immer noch wahrscheinlicher, in Europa an einer Pilzvergiftung zu sterben als an einem Anschlag. Das eigentlich Bedrohliche ist die gefühlte Gefahr. Der Leitartikel.

Anti-Terror-Einsatz in Molenbeek: "Wenn die Angst zur Hysterie wird, haben die Terroristen gewonnen". Foto: AFP

Vor Reisen wird gewarnt! Fahren Sie nicht nach Nizza, vermeiden Sie Istanbul, Paris, Brüssel, London und Madrid, kehren Sie auch Hannover den Rücken, und machen Sie um Himmels willen einen Bogen um Würzburg.

Lassen Sie es sich nicht einfallen, einen Fuß nach Israel zu setzen, und auch Jemen, Ägypten, Somalia, Mali, Kenia, Österreich, Marokko, Weißrussland, Saudi-Arabien, Burkina Faso, Irak, Indonesien, Nigeria, Kuwait, Libanon, Russland, Pakistan, Sri Lanka, Uganda, Bangladesch, Elfenbeinküste, Bosnien und Herzegowina, Libyen, Tunesien, Ukraine, Kamerun, Indien, selbstverständlich auch die USA – von Syrien oder Südsudan gar nicht zu reden – lassen Sie links liegen, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist.

Die Tourismusbranche verspricht, die Welt sei nichts anderes als ein Katalog attraktiver Destinationen, Traumziele und Urlaubsparadiese, inklusive Drinks, pittoresker Elendsviertel und naturbelassener Abendröte. Aber jeder Zeitungsleser weiß seit langem: Wo Urlaub draufsteht, ist Terror drin.

Das ist natürlich Unsinn. Trotz der jüngsten Anschläge ist das Risiko zumindest in Europa, durch einen Terroranschlag getötet zu werden, äußerst gering. Experten versichern: geringer als durch ein Pilzgericht zu Tode zu kommen. Auch die Wahrscheinlichkeit, im deutschen Straßenverkehr sein Leben zu verlieren – im Jahr 2015 waren es 3475 Menschen – ist ungleich größer als die Aussicht, Ziel einer Bombe zu werden.

Zwar hat die Zahl der Attentate in europäischen Städten in den vergangenen Jahren zugenommen, aber geradezu explodiert ist in unseren Köpfen die Angst vor Attentaten, das Gefühl der Bedrohung, das sich mit jeder Nachricht über ein Massaker, jedem Bild von den Opfern, jedem Video von Polizisten mit kugelsicheren Westen und auf der Straße liegenden, erschossenen Terroristen verstärkt.

Der Terror ist allgegenwärtig, zwar nicht in der Realität der europäischen Städte und Badeorte, aber in unserem Bewusstsein. Zu dem kollektiven Bewusstsein hatte jahrzehntelang die unerschütterliche Erkenntnis gehört, dass der Terror überall auf der Welt seinen Platz hat, aber nicht in Europa, und falls in Europa, dann nicht in Ländern der EU, und falls doch in Ländern der EU, dann nicht in deren Kernstaaten Frankreich und Deutschland, und wenn nun leider doch in Frankreich – in Paris und Nizza –, dann jedenfalls nicht in Deutschland. Und dann versucht am vergangenen Montagabend ein 17-jähriger Asylbewerber aus Pakistan oder Afghanistan, in einem Zug bei Würzburg, mit einer Axt in der Hand und dem Ausruf „Allahu Akbar“ auf den Lippen, Reisende aus Hongkong zu ermorden.

Das eigentlich Bedrohliche

Politiker und Medien nehmen das Verbrechen – von dem noch nicht klar ist, ob es sich um den Amoklauf eines Jugendlichen oder um den Anschlag eines jungen Terroristen handelte – als Beleg, dass der Terror immer und überall zu erwarten ist, eine akute Gefahr, die das Leben jedes Einzelnen an jedem Ort und in jeder Sekunde bedroht. Das war und bleibt natürlich angesichts der fortbestehenden Unwahrscheinlichkeit, Opfer eines Terrorattentats zu werden, Unsinn. Aber es ist ein gefährlicher Unsinn.

Denn bedrohlicher als die objektive Gefahr ist vielmehr die Angst vor der Gefahr: Sie sitzt in den Gesetzen, die als Strafrechtsreformen oder als Strafprozessrechtsreformen die Parlamente passieren, sie sitzt in den Köpfen nicht nur der Politiker, ebenso gut der Bevölkerung, die tagtäglich von Zeitungen, Radio, Fernsehen und Internet alarmiert werden, die Angst sei noch nicht groß genug, größer als die Angst seien allemal die Gefahren, die schneller wüchsen als die Angst. Wenn die Angst zur Hysterie wird, die den Gesetzgeber rotieren lässt, die Gesellschaft lähmt und den Einzelnen jeden Ort als potenziellen Tatort und jede Zeit als potenzielle Tatzeit betrachten lässt, dann kommen die Terroristen in Zukunft ohne den Terror aus – denn dann haben sie unwiderruflich gewonnen.

Aber so weit wird es aller Voraussicht nach und Gott sei Dank nicht kommen. Einige werden nach dem versuchten Massaker von Würzburg Zugreisen vermeiden, andere nach dem Anschlag in Nizza sich für St. Tropez als Urlaubsort entscheiden und eine Zeit lang Lastkraftwagen misstrauisch beäugen. Manche werden ihre Parisreise stornieren, jedoch zumindest für die nächste Zeit nicht nach Istanbul umbuchen. Aber nach einigen Wochen löst sich der Schock, die Tatorte verwandeln sich wieder in Lebensräume und Reiseziele. Orlando (Florida), wo jüngst in einem Schwulenclub 49 Menschen dem schlimmsten Schusswaffenmassaker der jüngeren US-Geschichte zum Opfer fielen, gilt mit 62 Millionen Besuchern aus aller Welt (Stand 2014) als „Touristen-Hauptstadt der USA“ und wird diese Stellung gewiss bald wieder erreichen.

Die Welt ist voller Urlaubsparadiese. Aber jeder von uns weiß: Kein Paradies ohne Schlangen.

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