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Terror in Spanien Niemand hat versagt

Spanien hat nach dem Anschlag 2004 die richtigen Lehren gezogen und weitere Attentate verhindert - bis zur vergangenen Woche. Im Kampf gegen den Terror müssen wir noch besser werden. Der Leitartikel.

Barcelona
Die Menschen trauern um die Terroropfer. Foto: dpa

Hinterher ist man immer klüger. Und darum geht es genau, wenn wir uns die Hintergründe der Terrorattentate von Barcelona und Cambrils näher anschauen: klüger zu werden. Lehren zu ziehen. Es ist leicht, sich dem Terrorismus mit einer Tastatur bewaffnet entgegenzustellen und zornige Onlinekommentare oder abgewogene Leitartikel zu schreiben. Es ist schwer, den Terrorismus zu bekämpfen und vor allem: ihn zu verhindern. Dass in Katalonien 15 Menschen starben, ist niemandes Versagen. Aber vielleicht und hoffentlich ist es möglich, in diesem Kampf immer noch besser zu werden.

Terror in Spanien 2004 und 2017

Als am frühen Morgen des 11. März 2004 in Madrid vier Vorortzüge explodierten, war Spanien auf einen solchen Schlag nicht vorbereitet. Nicht zufällig war die These der ersten Stunden, die die damalige Aznar-Regierung unverantwortlich über die folgenden Tage zu retten versuchte, dass hinter jenen Anschlägen die baskische ETA stecke. Den ETA-Terror kannte Spanien. Seit 1968 hatte die Organisation Polizisten, Militärs und politische Gegner ermordet. Aber ein Anschlag solchen Ausmaßes, mit 191 Toten, so vielen wie bei keinem anderen auf europäischem Boden, das war neu. Wenige Stunden nach den Explosionen kamen denn auch die ersten Verdachtsmomente auf, die sich bald erhärteten: Es war ein islamistisches Al-Kaida-Kommando, das die Bomben in den Zügen deponiert hatte. Der mörderische Dschihad war in Spanien angekommen.

Es hatte schon zuvor Anzeichen für die islamistische Bedrohung gegeben. Seit 1994 war in Spanien eine der vier europäischen Al-Kaida-Zellen (neben Hamburg, London und Mailand) aktiv gewesen. Im Juli 2001 trafen sich zwei der Köpfe der Attentate vom 11. September jenes Jahres, Mohammed Atta und Ramzi Binalshibh, unbemerkt in Katalonien. Sie verbrachten mehrere Nächte in Cambrils, dem Badeort, der nun zum Schauplatz des zweiten Terroranschlags nach Barcelona wurde.

Al-Kaida-Kommando anstatt ETA

Im November 2001 wurde die spanische Al-Kaida-Zelle zerschlagen. Aus Rache dafür (und nicht etwa wegen Spaniens Teilnahme am Irakkrieg, wie viele spanische Linke bis heute glauben wollen) begannen die Terroristen die Attentate von Madrid zu planen und führten ihre Pläne zweieinhalb Jahre später aus.

Auch damals fragten sich Politik, Polizei und Geheimdienst, was schiefgelaufen sei. Und sie stellten fest, dass für den Kampf gegen die ETA alle denkbaren Mittel zur Verfügung standen und für den Kampf gegen den islamistischen Terror nicht. Es fehlte selbst an Übersetzern aus dem Arabischen, um verdächtige Dokumente analysieren zu können. Das änderte sich fast von einem Tag auf den anderen.

Die Einheiten von Polizei und Geheimdienst, die sich um die radikale Islamistenszene kümmerten, wurden massiv aufgestockt. Noch im Mai 2004 wurde das Nationale Antiterroristische Koordinationszentrum gegründet, um das Wissen von Polizei, Guardia Civil, Gefängnisverwaltung und Geheimdienst zu bündeln. Die Behörden sollten nicht mehr unwissentlich nebeneinanderher arbeiten.

Die Kooperation lohnte sich. Zwischen 1995 und den Anschlägen vom 11. März 2004 nahmen die Sicherheitskräfte jedes Jahr um die zehn verdächtige Islamisten fest, seitdem jährlich um die 50. Spanien blieb von weiteren islamistischen Attentaten verschont. Bis zum vergangenen Donnerstag.

Terrorzelle von Ripoll nicht auf dem Radar der Fahnder

Die Terrorzelle von Ripoll, der Kleinstadt in der nordkatalanischen Provinz, aus der die meisten Attentäter der jüngsten Anschläge stammen, war nicht auf dem Radar der Fahnder. Und wieder: Was ist da schiefgelaufen? Die Ermittler konzentrieren sich jetzt auf den 45-jährigen Imam, einen Marokkaner wie die Mehrzahl der Mitglieder der Terrorzelle.

Er hat wohl die anderen, jüngeren Männer radikalisiert, in einem geduldigen, bis zu einem Jahr dauernden Prozess. Er tat das nicht in der Moschee, sondern außerhalb von ihr. Keiner habe etwas mitbekommen, sagen alle aus dem Bekanntenkreis der Attentäter und wahrscheinlich sagen sie die Wahrheit. Einer sagt aber auch, dass ihm der Imam einmal damit gekommen sei, dass er keine Musik hören solle, der Angesprochene fand das lästig, aber er kam nicht auf die Idee, deswegen gleich Alarm zu schlagen. In Ripoll wusste wohl auch niemand, dass der Imam ein paar Jahre wegen Drogenhandels im Gefängnis gesessen hatte. Niemand bat ihn um ein Führungszeugnis, wie es eine andere Gemeinde im belgischen Diegem, in der Nähe von Brüssel, getan hatte – und ihm eine Stelle als Imam verweigerte, weil er das Führungszeugnis nicht vorlegen wollte.

Hinterher ist man immer klüger.Vielleicht hätten die Attentate verhindert werden können, wenn diejenigen, die mit dem Imam zu tun hatten, aufmerksamer gewesen wären. Das klingt nach einem Aufruf zur kollektiven Paranoia. Aber Aufmerksamkeit ist noch nicht Verfolgungswahn. Rechtzeitig die Zeichen der Gefahr zu erkennen: Davon können Menschenleben abhängen.

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