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Syrien Die Schlacht um Idlib ist nur der Anfang

Drei Millionen Menschen könnten in Idlib zwischen die Fronten geraten. Und selbst wenn der Krieg in Syrien irgendwann beendet ist, beginnen dann erst die politischen Probleme. Der Leitartikel der FR.

Idlib in Syrien
Syrische Rebellen in Idlib machen sich bereit für die Offensive der Regierungstruppen. Foto: afp

Die Welt schaut nach Teheran, wo sich die Präsidenten von Iran, Russland und der Türkei zu Idlib treffen. Augenfälliger lässt sich kaum demonstrieren, wie sehr sich die politischen und strategischen Gewichte im Nahen Osten mittlerweile verschoben haben. Die USA und Europa stehen außen vor. Der Westen spielt kaum noch eine Rolle.

Auch der zu Syrien zusammengetrommelte UN-Sicherheitsrat wird wieder nur Makulatur produzieren. US-Präsident Donald Trump twitterte fast flehentlich aus der Ferne, die Schlacht um Idlib doch bitte abzublasen. Ansonsten halten sich die Vereinigten Staaten auch diesmal wieder raus, wie schon im Juni bei der Regime-Offensive auf die andere Deeskalationszone im südlichen Daraa.

Damals ließ das Pentagon die Rebellen per SMS wissen, sie könnten nicht mit US-amerikanischem Beistand rechnen. Ganz zu schweigen von Europa: Der Nachbarkontinent war während der gesamten syrischen Tragödie nur Zaungast, obwohl sich das Kriegsgeschehen direkt vor seinen Toren abspielt und Hunderttausende Araber auf seinem Territorium Schutz suchen.

Am Montag endet das Idlib-Ultimatum des syrischen Regimes. Dann will Bashar al-Assad auch die letzte Rebellenprovinz ausradieren, die eine nie dagewesene Konzentration von Al-Kaida-Dschihadisten beherbergt. Genauso wie der syrische Diktator haben auch die Gotteskrieger keinerlei Skrupel, Zivilisten in den Krieg mit hineinzuziehen.

Bashar al-Assads Ultimatum läuft am Montag ab

Was das für die drei Millionen Bewohner von Idlib bedeutet, wenn sie zwischen die Fronten geraten, kann jeder ermessen, der das Inferno von Ost-Aleppo und Ost-Ghouta noch in Erinnerung hat. Raketen Tag und Nacht, wochenlange Todesangst in dunklen, stickigen Kellern, zerstörte Krankenhäuser, Tag für Tag neue Verschüttete in kollabierten Wohnblocks – und am Ende eine elende Massenflucht Verzweifelter und Zerlumpter.

Hunderttausende könnten versuchen, die Grenzzäune zu stürmen, um sich auf der türkischen Seite in Sicherheit zu bringen. Und vielleicht winkt Ankara dann, überwältigt von der schieren Zahl der Neuankömmlinge und selbst in großen wirtschaftlichen Nöten, erneut die Flüchtlinge in Richtung Europa weiter.

Auch das Dreiertreffen in Teheran verhindert nichts

Das Dreiertreffen von Teheran wird diese heraufziehende Apokalypse wohl nicht mehr stoppen. Denn Assad und seine beiden Verbündeten Iran und Russland sind zu allem entschlossen. Sie sehen sich kurz vor dem großen Ziel, den mehr als siebenjährigen Bürgerkrieg militärisch zu ihren Gunsten zu entscheiden. Die Türkei dagegen hat kaum noch etwas in der Hand, es sei denn, sie rüstet erneut die Dschihadisten auf und macht alles nur schlimmer.

Trotzdem könnte den Siegern ein mörderischer Feldzug gegen Idlib, der die Welt lange in Entsetzen und Empörung halten wird, noch teuer zu stehen kommen. An Milliardenhilfen aus Europa für Wiederaufbau und Rückkehr der Flüchtlinge wäre auf absehbare Zeit nicht mehr zu denken. Teheran und Moskau stünden allein vor dem syrischen Trümmerfeld, was sie aus eigener Kraft nicht wieder aufbauen können.

Donald Trump bekommt die Rechnung von Wladimir Putin

Auf dem Helsinki-Gipfel mit Donald Trump Mitte Juli zauberte Wladimir Putin bekanntlich einen Plan für 1,7 Millionen Rückkehrer aus dem Hut. Bis ins Detail ließ der Kreml-Chef damals die Euro-Milliarden für eine Massenheimkehr kalkulieren – angefangen von den Reisekosten über den Zementbedarf bis zu der Zahl der Busse und Charterflüge.

Moskau kann die strategische Dividende für seinen dreijährigen Militäreinsatz nur einfahren, wenn Wiederaufbau und Wirtschaftsleben in Syrien möglichst rasch wieder in Gang kommen – und wenn Europa das finanziert.

Der Iran braucht im Streit um Atomabkommen und US-Sanktionen ebenfalls Europas Wohlwollen, was sich unter dem Eindruck möglicher Kriegsgräuel in Idlib schnell verflüchtigen dürfte. Teherans Raketenprogramm und regionales Machtgebaren nerven schließlich auch in Paris, London und Berlin, wie der französische Außenminister dieser Tage durchblicken ließ.

Aber auch in der russischen und iranischen Bevölkerung wächst der Unmut über die kostspielige, imperiale Außenpolitik ihrer Führungen. Putins Beliebtheitsgrad zu Hause fällt auch wegen der Kriegskasse für Damaskus. In einer Mischung aus Ironie und Verzweiflung gab sich kürzlich ein sibirisches Dorf den Namen „Syrien“, um auch einmal so viel Aufmerksamkeit und Geld aus Moskau zu bekommen wie Bashar al-Assad.

Im Iran dagegen vermischen Demonstranten ihre Kritik an dem Syrien-Abenteuer immer öfter mit Aufbegehren gegen die Islamische Republik. Das Regime in Damaskus wiederum lehnt politische Kompromisse mit seinen geflohenen Gegnern kategorisch ab und gibt stattdessen die Parole vom neuen homogen-regimetreuen Staatsvolk aus.

Und so wird der Gipfel von Teheran wohl grünes Licht geben für den befürchteten Feldzug gegen Idlib. Militärisch könnte das zum Schlusskapitel des Krieges werden. Politisch jedoch fangen die Probleme für Assad und seine beiden Schutzmächte dann erst richtig an. 

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