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SPD Mit Andrea Nahles durch die Decke

An der Spitze der SPD steht in Andrea Nahles erstmals eine Frau. Kann sie die Partei erneuern und die gläserne Decke zum Kanzleramt durchbrechen? Der Leitartikel.

Andrea Nahles
Andrea Nahles will die SPD wieder aufrichten. Auf dem Parteitag erhielt sie dafür nur 66,3 Prozent der Stimmen. Foto: imago

Andrea Nahles hatte einen starken Auftritt – und sie hat ein schwaches Ergebnis bekommen. Mit gerade mal 66 Prozent ist sie auf dem Parteitag in Wiesbaden zur Parteivorsitzenden gewählt worden. Ihre Gegenkandidatin Simone Lange, bundespolitisch ein unbeschriebenes Blatt, hat ihr mehr Stimmen abnehmen können als erwartet. Das ist eine Klatsche für die neue Vorsitzende Nahles. Es zeigt, wie groß die Vertrauenskrise in der SPD ist. Eine Krise des Vertrauens zwischen Parteiführung und großen Teilen der Parteibasis.

155 Jahre hat es gedauert, bis die SPD jetzt erstmals eine Frau in den Parteivorsitz gewählt hat. Die SPD war eine erfolgreiche Emanzipationsbewegung für die Arbeiterschaft, hat aber in ihrer Geschichte die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu oft hintangestellt.

Dass es nun auch bei den Sozialdemokraten erstmals eine Vorsitzende gibt, ist – auch wenn der Tag für Nahles nicht so glücklich war wie erhofft – historisch. Die SPD kommt mit Verspätung im 21. Jahrhundert an. Seit 18 Jahren ist Angela Merkel CDU-Chefin. Merkel und Nahles haben gemeinsam, dass sie in ihren Parteien erst die Macht übernehmen durften, nachdem Männer gravierende Fehler gemacht hatten. Sie sind Trümmerfrauen.

Andrea Nahles hat auf dem Parteitag in Wiesbaden gesagt, es habe bislang eine gläserne Decke gegeben, die Frauen vom Aufstieg in das höchste Parteiamt abgehalten habe. In der Tat gibt es auch heute noch in manchem SPD-Ortsverein eine Macho-Kultur, in der alteingesessene Genossen jungen Frauen sagen: „Finanzen, das ist nicht so das Richtige für dich. Wie wäre es mit etwas Sozialem?“ Und: Es gibt Ortsvereinsvorsitzende und Parteifunktionäre, die sich seit Ewigkeiten an den eigenen Posten festhalten. Sie wollen, dass sich an eingeschliffenen Strukturen bloß nichts ändert. Darunter leiden junge Frauen und Männer, aber auch manch ein Älterer in der Partei gleichermaßen.

Das wirft ein Schlaglicht auf ein grundsätzliches Problem in der SPD. Gerade in der Debatte über die Regierungsbeteiligung hat sich gezeigt: Viele Mitglieder haben den Eindruck, an eine gläserne Decke zu stoßen, wenn sie mit ihren Ideen und Bedenken zur Parteispitze durchdringen wollen. 

Als Partei- und Fraktionschefin muss Andrea Nahles jetzt drei Aufgaben gleichzeitig bewältigen, die nur schwer zusammenzubringen sind. Erstens muss sie als Fraktionschefin dafür sorgen, dass die SPD gemeinsam mit CDU und CSU erfolgreich regiert. Zweitens muss sie die SPD als Parteichefin gegen die Union profilieren. Es wird extrem schwierig sein, bei diesem widersprüchlichen Aufgabenprofil in der Öffentlichkeit glaubwürdig zu wirken. Um eine echte Erfolgschance bei dieser Mission zu haben, wird es zwingend erforderlich sein, dass Nahles – anders als Martin Schulz nach der Bundestagswahl – die Partei tatsächlich führt, gelegentlich sehr kraftvoll. Es wäre schön für Nahles gewesen, sie hätte dafür vom Parteitag ein stärkeres Mandat erhalten.

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