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Sondierungen Der Countdown für Merkel läuft

Glaube keiner, es gäbe bei einer möglichen großen Koalition nicht jemanden wie FDP-Chef Lindner, der die Sache noch zum Platzen bringt. Der Leitartikel.

Beginn der Sondierungen von Union und SPD
Kanzlerin Merkel hat eine Minderheitenregierung ausgeschlossen. Foto: dpa

Nicht einmal eine Woche noch, dann könnte es vorbei sein. Fünf Tage Countdown, bis sich entscheidet, ob CDU, CSU und SPD ihren Beziehungsüberdruss überwinden und doch noch einmal miteinander regieren wollen. Fünf Tage, in denen sich auch entscheiden kann, dass Angela Merkel demnächst aus dem Kanzleramt ausziehen wird, dass die erste Frau an der Spitze der deutschen Regierung ausgerechnet im 13. Jahr ihrer Amtszeit an ihre Grenzen gekommen ist.

Die Kanzlerschaft der Kompromissmeisterin würde mit einer ironischen Pointe enden – nicht durch Rückzug oder Wahlniederlage, sondern durch die Unfähigkeit, einen Kompromiss zu finden. Bis Freitag wollen die drei Parteien, die bei der Bundestagswahl allesamt verloren, aber doch eine Mehrheit haben im Bundestag, beraten, ob sie sich das gemeinsame Regieren vorstellen können.

Rakete mit dem Namen Groko

Vielleicht fühlt sich Angela Merkel ja ein bisschen so wie in einem Weltraum-Kontrollzentrum: Draußen das Raumschiff auf der Startrampe, drinnen lange Zahlenkolonnen auf Computern. Fünf, vier, drei, zwei, eins – und dann mal sehen, ob sie fliegt, die Rakete mit dem Namen Groko III oder ob sie wegen Reparaturschäden am Boden bleibt. Viel spricht für Erfolg, aber es gibt eine große Unbekannte in der Regierungsstartberechnung, etwas, was Merkel nicht überblicken kann: der Lindner-Faktor.

Besonders wahrscheinlich ist der Startabbruch nicht. Schließlich ist eine baldige Neuwahl die Alternative, da eine Minderheitsregierung wohl kaum länger währen würde als ein paar Monate. Bei der Wahl würden die drei Verhandlungspartner dann bei den Bürgern dafür werben, nach der Wahl erneut miteinander verhandeln zu dürfen. Keine erfolgversprechende Ausgangslage, dessen müssten sich alle Beteiligten eigentlich bewusst sein.

Eigentlich. Aber eigentlich galten ja auch die Jamaika-Verhandlungen von CDU, CSU, FDP und Grünen kurz vor ihrem Scheitern noch als zwar schwieriges, aber doch machbares Unternehmen. Der Lindner-Faktor war da noch nicht bekannt, diese Lust am politischen Roulette. Nach vier Wochen Verhandlungen, quasi in letzter Minute, entschied sich die FDP – beziehungsweise ihr Chef Christian Lindner – zum Ausstieg, vorgeblich aus sachlich-fachlichen Gründen. Wie sachlich-fachlich die Gründe tatsächlich waren, zeigte sich, als Lindner jüngst erklärte, eine Jamaika-Koalition ohne Merkel sei durchaus möglich. Nicht Soli, Sozialleistungen, nicht Mindestlohn oder Kohlestrom waren entscheidend für den Streik der FDP – sondern Lindners Idee, sich selbst als Merkel-Bezwinger zu installieren. In Frankreich und Österreich ist es jungen oder mitteljungen Männern auf jeweils eigene Art gelungen, das politische System umzukrempeln. Da kann man auf Ideen kommen.

Lindner - der Merkel-Bezwinger

Während die SPD mit ihrer Existenzangst ein schwieriger Koalitionskandidat ist, ist das Krawallpotenzial in der Union ungeklärt: Wie groß ist dort der Lindner-Faktor? Wie viele sehen dort ein Beschleunigungspotenzial für den eigenen Aufstieg? Nach außen ist die Ruhe in der CDU bemerkenswert, und die CSU hat sich in den vergangenen Tagen mit der ständig wiederholten Beteuerung überschlagen, die große Koalition wirklich, ehrlich und wahrhaftig anzustreben. Das Interesse, vor der bayerischen Landtagswahl im Herbst noch einen zusätzlichen Wahlkampf zu bestreiten, müsste eigentlich wirklich gering sein.

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