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Simbabwe Mnangagwa überwältigt seine Opfer

Fair waren die Wahlen in Simbabwe keineswegs. Doch der Präsident weiß, was er dem Westen vorgaukeln muss, damit wieder Geld fließt. Der Leitartikel.

Simbabwe
Simbabwes Staatschef Emmerson Mnangagwa hat die Präsidentenwahl gewonnen. Foto: afp

Krokodile sind durchtriebene Tiere. Tagsüber liegen sie gut sichtbar am Ufer in der Sonne und scheinen zu grinsen. Aber wenn am Nachmittag andere Tiere zum Trinken kommen, treiben sie unsichtbar unter der Wasseroberfläche und schlagen blitzartig zu. Simbabwes Präsident Emmerson Mnangagwa wird zu Hause „Ngwena“, Krokodil, genannt. Und zwar völlig zu Recht.

Bei den derzeitigen Wahlen in Simbabwe hat das Reptil wieder einmal bewiesen, was in ihm steckt. Gerissen wie seine Namensgeber hat Mnangagwa seine Opfer überwältigt. Der militärische Coup, der sich gegenwärtig in dem südafrikanischen Staat abspielt, ist Teil eines Masterplans, den der ehemalige Geheimdienstchef bereits seit Monaten verfolgt: Erst präsentierte er sich lächelnd als Retter seines nach wirtschaftlicher Erholung dürstenden Landes, um im entscheidenden Moment seinen Killerinstinkt zu zeigen. An der Spitze eines nur notdürftig getarnten Militärstaats hat Mnangagwa seine Macht mit listig durchgeführten Wahlen zementiert. Und das westliche Ausland beobachtet das Drama wie ein staunender Wildpark-Tourist auf Safari.

Mnangagwas Mentor: Robert Mugabe

Der Lebensweg des Krokodils ist allgemein bekannt: Mnangagwa kämpfte an der Seite seines Mentors Robert Mugabe gegen die Rassistenherrschaft der weißen Rhodesier und plante nach dem Sieg der Befreiungsbewegung Zanu/PF den von Mugabe angeordneten Feldzug gegen die als Rivalen betrachteten Ndebele. Mehr als 20.000 Mitglieder des simbabwischen Minderheitenvolks wurden damals, Anfang der 80er Jahre, getötet. Schon damals schwieg das westliche Ausland: Mugabe wurde als Stabilitätsgarant in dem von zahllosen Bürgerkriegen zerrütteten Subkontinent gesehen.

Mnangagwa wurde vom Geheimdienstchef zum Verteidigungsminister befördert. Er bereicherte sich wie zahlreiche andere zu Offizieren geschlagene Befreiungskämpfer an den Rohstoffschätzen des Landes und ging schließlich Mugabe zur Hand, als es um die ebenso chaotisch wie korrupt durchgeführte Enteignung der weißen Landbesitzer ging. Kurzfristig wandte sich das westliche Ausland damals von der raffgierigen Zanu/PF-Regierung ab: Schließlich waren es Weiße, die der ruchlosen Polit- und Militär-Elite zum Opfer fielen.

Erst als sein greiser Mentor in wachsender Umnachtung seine Gemahlin Grace als Nachfolgerin einsetzen wollte, war es um die Loyalität Mnangagwas geschehen. Gemeinsam mit der Generalität sorgte er dafür, dass der GAU in der Nachfolgefrage in letzter Minute verhindert wurde. Schon einmal, im November 2017, besetzten Militärs Harares Innenstadt. Doch damals jubelte die Bevölkerung den Soldaten noch zu, statt wie heute niederkartätscht zu werden.

Simbabwe steht dem Kollaps nahe

Nach seinem Militärcoup, den man nicht Militärcoup nennen darf, präsentierte sich Mnangagwa als Reformer, dem es auf die Öffnung des Landes – vor allem zu den internationalen Finanzmärkten – ankam: Schließlich steht der von einer korrupten Elite völlig ausgesaugte Staat dem Totalkollaps nahe. Wie ernst es Mnangagwa mit dem Neuanfang meinte, konnten ausländische Beobachter an der Tatsache ablesen, dass er drei höchstrangige Offiziere in sein Kabinett aufnahm. Der Präsident suchte gar nicht mehr zu verheimlichen, dass seine Heimat in Wahrheit ein Militärstaat ist. Damit das Geld aus dem Ausland fließen konnte, musste sich Mnangagwa aber noch demokratisch legitimieren lassen: Er und seine ranghohen Freunde wissen aus jahrzehntelanger Erfahrung, wie man einen ordentlichen Wahlsieg zubereitet.

Über Einzelheiten des Wahlkampfs kann man womöglich unterschiedlicher Meinung sein. Fest steht jedoch, dass er mit Fairness so viel wie ein Krokodil mit einem Hühnchen gemein hatte. Angefangen von der Tatsache, dass die rund vier Millionen simbabwischen Wirtschaftsflüchtlinge von der Stimmabgabe ausgeschlossen blieben – bis zur unerklärlichen Verzögerung der Bekanntgabe der Endergebnisse, die am Mittwoch schließlich Tausende wütender Oppositionsanhängern auf die Straße trieb. Dafür machte die Regierung postwendend die Oppositionsführer verantwortlich: Sie hätten sich verfrüht zu Siegern erklärt, hieß es. Dabei hätten sie doch wissen müssen, dass es gegen die Militärs nichts zu gewinnen gibt.

Bleibt die Frage, wie das westliche Ausland reagiert: Schließlich wurde das ganze Schauspiel ihm zuliebe aufgeführt. Da in der einstigen britischen Kolonie kaum noch ein Weißer verblieben ist, darf man getrost damit rechnen, dass in Washington, Berlin und London jetzt wieder die Realpolitik gilt. Warum sollte man nicht mit einem Krokodil zusammenarbeiten, das tagsüber grinst und nachmittags für Ruhe sorgt? Wenn an dem afrikanischen Ruinenstaat überhaupt etwas interessant ist, dann die paar Geschäftchen, die man – falls Ruhe herrscht – womöglich mit ihm machen kann. Dass eine Mehrheit der Simbabwer seit mehreren Jahrzehnten verzweifelt ein gefräßiges Monster in Uniform oder im Anzug los werden will, ist plötzlich wieder ihr eigenes Problem.

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