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Sex und Gewalt Können Männer nur Wüstling?

Der Fall Weinstein scheint das Bild vom Mann als notgeilem Wüstling erneut zu bestätigen. Aber nicht nur Frauen sollten sich dagegen wehren.

Harvey Weinstein
Inzwischen werfen Frauen Harvey Weinstein auch Vergewaltigungen vor. Foto: afp

Kaum waren die ersten Artikel über die Belästigungs- und Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein erschienen, da füllten sich schon die Kommentarspalten der Online-Portale mit skeptischen Äußerungen – den Frauen gegenüber: Diese hätten gleich etwas sagen, Weinstein anzeigen müssen und nicht Jahrzehnte warten, heißt es da. „Wenn Frauen gleichberechtigt sein wollen“, ist zu lesen, „dann müssen sie auch Verantwortung für sich übernehmen.“ Die Frauen hätten sich ja wehren können, hätten sich wehren müssen.

Ja. Und nein.

Mal abgesehen davon, dass die betroffenen Frauen zwar keine Kinder mehr, aber mit Anfang 20 doch noch sehr jung waren, als es zu den berichteten Übergriffen kam. Und abgesehen davon, dass die Sorge, nach einer derartigen Anschuldigung in Hollywood keine Chance mehr zu haben, ganz und gar nicht unbegründet war: Viele der Frauen haben sich durchaus gewehrt. Sie sind auf das Drängen des Produzenten nicht eingegangen, sie haben ihn weggeschoben, das Zimmer verlassen, das Weite gesucht. Einige haben Vertrauten von der Sache erzählt. Was die meisten nicht getan haben: Sie haben den Vorfall nicht öffentlich gemacht.

Den Frauen deshalb vorzuwerfen, sie hätten die Belästigungen einfach in Kauf genommen, um ihre Karriere nicht zu gefährden, ist nicht nur zynisch, sondern auch einfach falsch. Denn sexuelle Nötigungen und Vergewaltigungen geschehen, ob sie „in Kauf genommen“ werden oder nicht. Und sie sind in jedem Fall kriminell. Sie werden nicht erst zu einem Verbrechen, wenn das Opfer seine Stimme erhebt, wenn der mutmaßliche Täter angezeigt wird.

Unrecht ist Unrecht. Das Opfer eines Einbruchs wird schließlich auch als Opfer anerkannt – unabhängig davon, ob es zur Polizei geht.

Nicht erst die Vorwürfe, die sich jetzt gegen Harvey Weinstein auftürmen, deuten darauf hin, dass das sexuelle Ausnutzen einer Machtposition immer noch gang und gäbe ist. Fast alle Frauen haben irgendwann im Leben einmal ähnliche Erfahrungen gemacht. Und haben sie die Sache verschwiegen, dann aus den gleichen Gründen, die auch im Weinstein-Fall immer wieder genannt werden: Sie hatten Angst um die Karriere, sie haben sich geschämt oder waren sich sicher, dass man ihnen nicht glauben würde. Nicht wenige suchen die Schuld außerdem in erster Linie bei sich selbst.

Sicher können einige Fälle von sexueller Belästigung vermieden werden, indem Chef und Untergebene, Hollywood-Boss und junge Schauspielerin nicht mehr allein in einem Zimmer sind. Nur: Das löst das eigentliche Problem nicht.

Sexuelle Ausbeutung, Belästigung, Vergewaltigung sind seit Jahrhunderten Mittel der Machtdemonstration. Im Krieg. Im Job. Im Privaten. Natürlich sind theoretisch nicht nur Männer in der Lage, eine Machtposition sexuell ausnutzen, es ist vor allem eine Frage von Abhängigkeit. Auch die einflussreiche Chefin könnte ihren untergebenen jungen Mitarbeiter sexuell nötigen.

Und doch stimmt an dem Hinweis, dass ja auch Frauen Täterinnen sein könnten, etwas nicht. Denn erstens kommt diese Konstellation – nicht nur in Hollywood – erheblich seltener vor. Zweitens ist es nun mal so, dass es für Männer einfacher ist, Frauen (oder anderen Männern) sexuelle Gewalt aufzuzwingen, sie ihre körperliche Überlegenheit spüren zu lassen. Und: Sexuell herablassendes Verhalten Frauen gegenüber wird immer noch gesellschaftlich akzeptiert.

Als während des letzten Präsidentschaftswahlkampfs Ende 2016 in den USA eine Aufnahme auftauchte, auf der zu hören war, wie Donald Trump sich damit brüstete, Frauen erniedrigt und belästigt zu haben, gab es zwar einen Aufschrei in Teilen der Presse und Öffentlichkeit. Nachhaltig geschadet hat es dem jetzigen US-Präsidenten nachweislich nicht.

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