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Rekordüberschuss Das Problem mit dem deutschen Exporterfolg

Deutschland verkauft viele Waren ins Ausland und kauft dort zu wenig ein. Über dieses Missverhältnis sind andere Staaten verärgert. Mit einer anderen Politik ließe sich das ändern. Der Leitartikel.

Deutschland verkauft und verkauft, kauft aber zu wenig: Das ist gefährlich. Foto: picture alliance / Ulrich Baumga

Man stelle sich ein Dorf vor, in dem jeder Einwohner einen Laden betreibt. Es gibt einen Bäcker, einen Schuster, einen Klempner, und es gibt ein großes Warenhaus. Dessen Besitzer holt zwar seine Brötchen beim Bäcker und geht auch ab und zu zum Schuster. Vor allem aber verkauft er an die anderen – und zwar viel mehr, als er von ihnen kauft. Dadurch macht er jedes Jahr ein sattes Plus, die anderen machen ein Minus. Das Geschäft läuft, weil der Kaufhausbesitzer die anderen anschreiben lässt und auf die Schulden Zinsen kassiert. So mehrt er seinen Reichtum, während bei den anderen Dorfbewohnern die Schulden wachsen – und die Unzufriedenheit.

Dieses Kaufhaus ist Deutschland – und korrekterweise müsste man es ein Verkaufhaus nennen. Im vergangenen Jahr setzte die deutsche Wirtschaft Waren über 1200 Milliarden Euro im Ausland ab und erzielte dabei einen weiteren Rekordüberschuss: Für rund 250 Milliarden Euro verkaufte es mehr Waren, als es von dort bezog. Und 2016 ist kein Sonderfall: Seit 25 Jahren steigen die deutschen Überschüsse immer weiter. Addiert man sie, so wurde allein seit der Wiedervereinigung ein Plus von 3000 Milliarden Euro erzielt.

Diesen großen Geldsack sucht man vergeblich. Es gibt ihn nicht. Letztlich handelt es sich bei den Überschüssen um Forderungen gegenüber anderen Ländern, Deutschland hat ihnen Kredit gegeben. Diese Schuld wird nie beglichen, weswegen sich der Zirkel immer weiter drehen kann – das Ausland akkumuliert Verbindlichkeiten, Deutschland Forderungen und wird damit zum größten Kreditgeber, quasi zum Banker der Welt. Volkswirtschaftlich ausgedrückt: Deutschland ist Kapitalexportweltmeister, weit vor Ländern wie China oder Japan.

Plus von 3000 Milliarden Euro

Diese Situation führt nun in anderen Ländern – und auch bei der EU-Kommission – zu Kritik am deutschen Geschäftsmodell. Politiker in den USA, Großbritannien oder Frankreich beklagen, dass der Nutzen des weltweiten Geschäfts vor allem in Ländern wie Deutschland anfällt, dort Einkommen und Jobs schafft, wobei gleichzeitig Arbeitslosigkeit und Schulden exportiert werden. Sie fordern Korrektur.

Diese Kritik kontern deutsche Adressen gern mit der Einlassung, die Defizitländer sollten sich an die eigene Nase fassen und nicht über ihre Verhältnisse leben – was etwas widersprüchlich ist, schließlich gibt es ohne Defizite des Auslands keine deutschen Überschüsse. Zudem entgegnet die deutsche Industrie den Kritikern, dass freier Handel letztlich allen nutze – was aber bloß in der ökonomischen Theorie zutrifft, in der sich am Ende alle Handelsbilanzen ausgleichen. Die Praxis sieht anders aus. Zudem wird der „Neid“ des Auslands auf den deutschen Erfolg beklagt.

Diese Klage ist insofern irreführend, als gar nicht der deutsche Exporterfolg kritisiert wird, sondern die Tatsache, dass Deutschland so wenig im Ausland einkauft. Darauf entgegnet die deutsche Seite zwar stets, sie könne am Importvolumen nichts ändern, da es nicht das Ergebnis eines staatlichen Plans sei, sondern einer Fülle von unternehmerischen Entscheidungen. Doch auch das ist nicht ganz korrekt. Die deutsche Politik hat über Jahre eine Strategie verfolgt, die Außenhandelsüberschüsse anschwellen ließ.

In den frühen 90er Jahren galt Deutschland als kranker Mann Europas. Das Wachstum war mau, die Arbeitslosigkeit hoch, die Staatsausgaben galten als übermäßig. In der Folge wurde durch schwache Lohnsteigerungen die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen gesteigert, sie konnten billiger anbieten als ausländische Wettbewerber. Dazu kam die Einführung eines riesigen inländischen Niedriglohnsektors, vor allem im Dienstleistungsbereich. Und schließlich schwenkte auch der Staat auf Sparkurs ein, heute erzielt er sogar Überschüsse im Haushalt.

Die Folge: Während der Export sich von 1999 bis 2015 mehr als verdoppelte, stieg der private Konsum nur um etwa 15 Prozent. Die schwache Lohnentwicklung drückte die Kaufkraft in Deutschland, das schwächte die Binnenkonjunktur und ließ Firmen von Investitionen Abstand nehmen. Das zeigt erstens: Viele Deutsche mögen zwar stolz auf die Exportüberschüsse ihres Landes sein. Doch wurde dieser Erfolg zum Teil auf ihre Kosten erzielt. Zweitens: Wenn Lohndumping und Sparhaushalte die Exportüberschüsse steigern, dann können höhere Lohnsteigerungen und Staatsausgaben sie sinken lassen. In diesem Sinne werden derzeit auch vermehrte Investitionen des Staates in die Infrastruktur gefordert. Das stärkt die Binnenkonjunktur, fördert das Wachstum und zieht Importe nach sich. Idealerweise.

Wirtschaft ist ein Geben und Nehmen, ein Kreislauf. Wer immer nur viel verkauft und wenig kauft, um Überschüsse zu erzielen, der riskiert auf Dauer die Pleite der Kunden – und vorher ihren Zorn. Dann kommt es zum Aufstand der Dorfbewohner gegen das große Kaufhaus. Und dann spürt der Kaufhausbesitzer, dass er die Regeln des Handels gar nicht diktieren kann, sondern nur von ihnen profitiert hat.

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