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Regierungsbildung Belauern, misstrauen und Finten erahnen

Gespräche über die Regierungsbildung lassen die Idee des Bündnisses in schlechtem Licht erscheinen. Das muss nicht sein. Unser Leitartikel.

Sondierungen auf dem Balkon
Vor dem „Jamaika-Aus“ winken die Sondierer vom Balkon. Foto: dpa

Das Wort, das 2017 auf den Begriff bringen soll, heißt „Jamaika-Aus“. Zu diesem Ergebnis kam die Gesellschaft für deutsche Sprache auf ihrer Suche nach dem Wort des Jahres. Es ist ein Ausdruck des Scheiterns – nicht nur am Versuch einer Regierungsbildung, sondern auch an der These, dass Demokraten untereinander koalitionsfähig sein müssten. Nicht um jeden Preis, da hat Christian Lindner schon recht. Aber die jüngsten FDP-Gedankenspiele um ein etwaiges „Jamaika-Revival“ nähren den Verdacht, dass der erste Anlauf am Ende doch nur ein Schaulaufen sein sollte.

Vielleicht kommt deshalb im Januar bei der Kür des „Unworts des Jahres“ der Begriff Bündnis heraus. Ursprünglich ist dieses Wort ja positiv besetzt: Man tut sich zusammen, man steht zueinander, vertritt eine gemeinsame Sache. Die Sondierer und Vorsondierer in Berlin haben es geschafft, dieses Vorverständnis gründlich zu desavouieren. Aus den Jamaika-Gesprächen kam der Bündnisgedanke gefleddert heraus. Und in den laufenden Sondierungen zu einer großen Koalition wird man das Gefühl nicht los, dass sich dieses Bündnis (mit Angela Merkel) für die leidgeprüfte Sozialdemokratie eher wie ein Pakt mit dem Teufel ausnimmt. Deswegen gilt: Wer sich verbünden soll, muss sein Gegenüber belauern, ihm misstrauen, seine Finten erahnen.

Diese Art von Bündnispolitik erzeugt Verdruss bei uns, den Bürgern. Wir wünschten uns nicht nur auf der politischen Ebene, dass Verbündete einander zur Seite stehen und sich nicht in den Rücken fallen. Als Projektion dieser Erwartung kommt Weihnachten in den Blick. „Gott wird Mensch.“

Gott braucht keine Sondierungsgespräche

Die Botschaft des Fests ist offen für vieles, was in sie hineingelegt wird – der Wunsch nach Geborgenheit und Zusammenhalt, die Sehnsucht nach Frieden, selbst die Vorstellung eines Familienidylls. Wer von Menschwerdung spricht, sollte nicht vorschnell abwerten und ausblenden, was dem eigenen Lebensstil oder Formgefühl zuwiderläuft. Aus der Weihnachtsbotschaft mit ihrer zentralen Glaubensaussage über die Geburt des Jesus von Nazareth als Sohn Gottes erwachsen auch das Vertrauen und die Hoffnung auf eine andere Art von Bündnisbeziehung.

Wenn Gott sich auf die Menschen einlässt, dann ohne Taktik, ohne Hintertürchen, Sollbruchstellen und Geheimabsprachen. Keiner muss das glauben. Aber wenn man dem Gedanken Raum gibt, dass so etwas möglich wäre; dass Gott „den Schritt über die „Grenze“ (der Ewigkeit) ins Geschichtliche tut“ (Romano Guardini), dann kann er ihn nur so tun: unbedingt und vorbehaltlos.

Gott braucht keine Sondierungsgespräche und er verzichtet auf einen Koalitionsvertrag. „Die Liebe tut solche Dinge“, hat Guardini (1885 bis 1968) einmal geschrieben. Und der bedeutende theologische Lehrer des 20. Jahrhunderts hat dabei wie kaum ein anderer auch das Risiko des Scheiterns mitbedacht. Schließlich ist das weihnachtliche Szenario nach christlicher Überzeugung kein Selbstzweck. „Euch ist heute der Heiland geboren“, verkündet der Engel des Herrn den Hirten von Bethlehem. Was wäre also geschehen, wenn die Menschen sich dieser Botschaft geöffnet hätten, fragt Guardini ein ums andere Mal.

Die ersten Hörer sind nach Auskunft des Lukas-Evangeliums Hirten, die in der Gegend der Stadt Bethlehem auf freiem Feld lagern. Eine geläufige, soziologisch sensible Deutung dieses Szenario hebt darauf ab, dass die Botschaft von Heil und Erlösung zuvorderst Menschen gilt, die am Rand der Gesellschaft leben. Die himmlischen Heerscharen erscheinen Vertretern der Unterschichten, des Prekariats. Das nehmen die Interpreten als Hinweis auf die sozialrevolutionäre Kraft des Evangeliums.

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