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Reformation Ein Jahr verpasster Chancen

Die Kirchen haben das Jubiläum der Reformation nicht dazu nutzen können, um die Ökumene voranzubringen. Was ist zu tun? Der Leitartikel.

500 Jahre Reformation
Martin Luther ist nicht unumstritten. Foto: dpa

Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir, amen!“ Das berühmteste Zitat Martin Luthers stammt nicht von ihm, sondern ist eine geniale Verdichtung seiner Zeitgenossen. Was zeigt, dass der Reformator schon immer eine Projektionsfigur war. Im Jubiläumsjahr der Reformation 2017 ist ein weiteres Wort hinzugekommen: An Luther führt kein Weg vorbei. Das klang bisweilen fast betreten. Als wäre der Evangelischen Kirche der Luther-Bezug selbst nicht geheuer, als müsste sie das eigene Marketing immer wieder kontern. Gehört die Heiligenverehrung als Variante des Personenkults denn nicht typischerweise ins katholische Frömmigkeitsrepertoire?

Luther vom Heroen auf menschliches Maß reduziert

Auch aus einem anderen Grund waren die Köpfe der EKD darum bemüht, Luther vom halbgottgleichen Heroen auf menschliches Maß zu reduzieren. Zum ersten Mal in der 500-jährigen Geschichte der Reformation sollte ein Jubiläum auch Luthers dunkle Seiten und die Schlagschatten der reformatorischen Bewegung herausstellen. Erstmals sollte es keine einseitige, von sekundären Interessen geleitete Stilisierung geben.

Zwar ist die Vorstellung eines aseptischen, von den ideologischen Keimen voriger Jahrhunderte gereinigten Lutherbilds schon in sich widersprüchlich. Auch unsere Zeit hat keine objektive Sicht auf den Reformator und die Reformation, sondern fragt nach ihrer Bedeutung für die Gegenwart. Dennoch ist das Bemühen um Anschlussfähigkeit statt um Abgrenzung ein nicht zu unterschätzendes Verdienst des Jubiläumsjahrs 2017 – nach zwei Seiten hin: zum einen zur katholischen Kirche, zum anderen zur säkularen Gesellschaft.

Deutlichstes Symbol dafür war der bundesweit arbeitsfreie 31. Oktober mit der Abschlussfeier in Wittenberg, einem Hybrid zwischen Liturgie und Staatsakt, wie man das in Deutschland auch zu anderen, dann allerdings meist traurigen Anlässen kennt, wie etwa der Loveparade-Katastrophe 2010.

Religion ein prägendes Motiv menschlicher Existenz

Hier wie da geben Kirche und Staat der Überzeugung Raum, dass Religion ein prägendes Motiv menschlicher Existenz und damit von öffentlicher Bedeutung ist. Dabei geht es nicht darum, dass der Staat sich Glaubensinhalte anzueignen hätte. Aus gutem Grund gilt in Deutschland die weltanschauliche Neutralität. Umgekehrt soll die Kirche nicht Regierungshandeln heiligen. Wohl aber können beide in der Anerkennung und Verteidigung von Grundüberzeugungen überein kommen. Dies ist so wichtig wie selten zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik, weil das „christliche Abendland“ heute als sinnentleerte, bekenntnisbefreite, bis zur Unkenntlichkeit deformierte Hohlformel eingesetzt wird.

So eignet sich eine Erkenntnis der Lutherforschung auch für die Debatte über das, was unsere Welt im Innersten zusammenhält: Die „Freiheit eines Christenmenschen“ ist für Luther undenkbar ohne Bindung an Gottes Wort. Dieses stellt in der Bergpredigt oder mit den sieben Werken der Barmherzigkeit ein anspruchsvolles Programm für das Zusammenleben und den Zusammenhalt einer Gesellschaft vor, das herzlich wenig mit dem gemein hat, was selbst ernannte Alternativen feilbieten.

Skandal der Spaltung und das Leiden an der Trennung

Mit Blick auf eine weite kohäsive Seite, das evangelisch-katholische Miteinander, ist das Reformationsjubiläum ein Jahr verpasster Chancen. Zwar posierten Kardinal Reinhard Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm als siamesische Zwillinge der Ökumene. Doch gerade das Bild trauter Eintracht erweist die Warnung des langjährigen päpstlichen Ökumene-Ministers Walter Kasper von Anfang 2017 als grimmige Prognose: „Dieses Jahr darf nicht zu Ende gehen mit schönen Worten und ein paar berührenden Gesten.“ Ist es aber. In zentralen Fragen sind die Kirchen nicht weitergekommen: nicht bei der Abendmahlsgemeinschaft, nicht bei der Anerkennung der Ämter oder einer ökumenisch kompatiblen Rekonstruktion des Papsttums, dem Umgang mit Frauen, dem Verständnis der Sakramente.

Beklagen die Kirchenleitungen dann den Skandal der Spaltung und das Leiden an der Trennung, provozieren sie den Verdacht, dass sie sich in einer Art frommem Masochismus recht bequem darin eingerichtet haben. In der Vorwoche hat der frühere Chef der Glaubenskongregation im Vatikan, Kardinal Gerhard Müller, Luthers Kritik an Kirche und Papst als „Sünde wider den Heiligen Geist“ gebrandmarkt und damit als die schlimmste, unverzeihliche Abwendung von Gott selbst.

Just zur Feier des Reformationstags ist das eine theologische Stinkbombe oder ein kirchenpolitischer Molotow-Cocktail. Wären die treibenden Kräfte in der Ökumene weitergekommen beim Bau des gemeinsamen Kirchendachs, wäre es ein besserer Schutz gegen (Ein-)Würfe wie die Müllers aus dem fernen Rom. So aber wirken diese – im Wortsinn – diabolisch: Sie bringen durcheinander, stiften Verwirrung, säen Zwietracht. Und erschweren es den Kirchen, den Auftrag Christi und das Gebot der Stunde zu erfüllen: die Einheit im Glauben sichtbar zu machen; gemeinsam zu reden und zu handeln im Hier und Jetzt.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Martin Luther

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