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Querfront Antisemitismus ist eine deutsche Tradition

Antisemitismus ist hierzulande keine Folge der Migration aus der arabischen Welt. Er hat im Bewusstsein vieler eine Heimstatt. Der Leitartikel.

Antisemitismus
Judenhass ist in Deutschland Alltag. Foto: imago

Es gibt keinen Antisemitismus in Deutschland. Es gibt brennende israelische Fahnen vor der US-amerikanischen Botschaft. Es gibt Straftaten, deren Hintergrund die Ermittlungsbehörden als antisemitisch bezeichnen – 1366 im Jahr 2015, davon 35 Gewalttaten gegen Juden.

Es gibt Demonstrationen in deutschen Städten, auf denen Palästinenser und sogenannte linke „Israelkritiker“ mit „Sieg Heil“-Rufen und der Parole „Juden ins Gas“ durch die Straßen ziehen. Aber Antisemitismus gibt es in Deutschland nicht. Denn eine Beleidigung, ein Faustschlag, ein Verbrechen, denen Juden zum Opfer fallen, weil sie Juden sind, ist deshalb noch keine antisemitische Tat. Warum?

Der Linke-Bundestagsabgeordnete Diether Dehm erklärt es seit Jahren folgendermaßen: „Antisemitismus ist Massenmord und muss dem Massenmord vorbehalten bleiben.“ Solange also der Parole von Palästinensern und deutschen „Israelkritikern“, die Juden ins Gas zu schicken, nicht Folge geleistet wird, hat der Antisemitismus in Deutschland keine Chance.

Sollten Juden eines Tages wieder gezwungen werden, mit einem gelben Stern durch die Straßen zu laufen, könnte Dehm darin keinen Antisemitismus erkennen, selbst Konzentrationslager erregten in ihm keinen einschlägigen Verdacht. Sollten aber die Nachfahren einst in Auschwitz-Birkenau, Belzec, Sobibor und Treblinka ermordeter Juden in hochmodernen Gasöfen innovativer Vernichtungslager verschwinden, würde Dehm – so ist zumindest zu vermuten – machtvoll seine Stimme gegen den Antisemitismus erheben und dem Massenmord eine Absage erteilen. Bis dahin aber kennt Dehm – und mit ihm viele andere – nur legitime „Israelkritik“, keinen Antisemitismus in Deutschland.

Ken Jebsen erhält Preis

Man könnte auch sagen: Solange Figuren wie Dehm glauben bestimmen zu können, was Antisemitismus ist, hat der Antisemitismus in Deutschland keinen Widerstand zu fürchten. So lange ist auch Kritik an der israelischen Regierung kaum möglich, ohne in den Verdacht zu geraten, Antisemit zu sein. „Israelkritik“ ist eine Maskerade der Antisemiten vom Schlage Dehms.

Im Sinne Dehms ist der einschlägig bekannte Journalist Ken Jebsen kein Antisemit, sondern Israelkritiker, denn er fordert keine Neuauflage des Holocaust, vielmehr hält er den Juden vor, in Palästina eine „Endlösung“ anzustreben – diesmal an den Palästinensern. Dafür soll er am heutigen Donnerstag im Berliner Kino Babylon mit einem Preis für „Engagierte Literatur und Publizistik“ ausgezeichnet werden, die der ebenfalls im Sinne Dehms israelkritische Blog Neue Rheinische Zeitung vergibt.

Dagegen hatte Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) öffentlich protestiert: „Ich bin entsetzt, dass ein Kulturort in Berlin diesem Jahrmarkt der Verschwörungsgläubigen und Aluhüte eine Bühne bietet.“ Mit seinem Versuch, die Veranstaltung im vom Senat subventionierten Kino zu verhindern, scheiterte er vor Gericht.

Auch der Beschluss, mit dem sich der Bundesvorstand der Linken hinter ihn stellte, nützte dem Senator nichts. Zwar hieß es darin, der Vorstand distanziere sich „unmissverständlich von Aktivitäten von Rechtspopulisten, Nationalisten, Verschwörungstheoretikern und Antisemiten, die rechtspopulistische Welterklärungsmuster und ‚Querfront‘-Strategen salonfähig machen wollen“.

Aber erstens sehen das etliche Vorstandsmitglieder durchaus anders: Der Beschluss erging mit 18-Ja-Stimmen, sieben Nein-Stimmen und fünf Enthaltungen. Zweitens richtete sich der Beschluss – soweit er die „Querfront-Strategen“ betraf – gegen etwas, von dem die Linken-Ikone Oskar Lafontaine behauptet, es handele sich um eine Phantasmagorie, um eine Fiktion, um eine „Erfindung“ von Geheimdiensten (CIA? Mossad?). Das hätte Dehm, ein Vertrauter der Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht, der Ehefrau Lafontaines, nicht besser formulieren können.

In einer Querfront vereint gegen Juden

Querfront? Das ist die Bereitschaft von Rechten, für einen Augenblick von ihrem Hass auf Moslems, und von Linken, für einen Augenblick von ihrem Hass auf Rechte abzusehen, wenn der gemeinsame Hass auf Juden ihr Zusammengehen verlangt. Wer die Existenz der seit Jahren agierenden „Querfront“ bestreitet, der muss auch den Antisemitismus in Deutschland zur Fiktion erklären. Wie das funktioniert, weiß niemand besser als Dehm.

Die Querfront wird heute vor der Parteizentrale der Linken am Rosa-Luxemburg-Platz gegen den Vorstandsbeschluss protestieren. Einige Linken-Politiker haben die Aktion als „widerwärtig“ kritisiert und als „Schlag ins Gesicht der Partei“. Jedenfalls ist sie der beste Beweis, dass der Antisemitismus in Deutschland kein „Import“ der vergangenen Jahre ist, keine Folge der Migration aus der arabischen Welt. Er war noch nie auf ausländische Hilfe angewiesen. Schon immer hat er auf deutschem Boden und im Bewusstsein vieler Deutscher eine sichere Heimstatt gefunden. Er ist eine deutsche Tradition.

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