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Protest gegen Trump Der Charakter des Widerstands

Der US-Protest gegen Präsident Donald Trump ist vielfältig. Ob er erfolgreich sein wird, hängt davon ab, wie standhaft und unabhängig Gerichte und Institutionen sind und bleiben. Der Leitartikel.

Protest gegen Trump vor dem NRG-Stadion. Foto: AFP

Freitag im Café, ein zufälliges Treffen alter Bekannter. Man tauscht sich aus, spricht über den Geburtstag einer Freundin, sogar über die Modenschauen in Paris. Beim Auseinandergehen sagt einer dann: „Und jetzt haben wir gar nicht über Donald Trump gesprochen.“ Das war nicht als Vorwurf eines Versäumnisses gedacht. Vielmehr drückte sich darin die Erleichterung aus, dass die Wahrnehmung des Alltags auch noch bei anderen Gegenständen zu verfangen vermag. Aber natürlich hätte man auch über Trump reden können, vielleicht sogar müssen. Noch immer hält er die Welt in Atem, noch immer sind die meisten unfähig, das Feuerwerk an Irritationen und politischen Grenzverletzungen zu verarbeiten.

Und dann ist da der Protest. Es eine Bewegung zu nennen ist wohl noch zu früh. Kundgebungen, Widerspruch und Demonstrationen – wie gehabt. Hinzu kommen jetzt die vielen Regungen, die durch das Internet zirkulieren. Die Schlagfertigkeit Einzelner goutieren nun die vielen, etwa wenn Arnold Schwarzenberger auf Trumps Kritik via Twitter an den schlechten Quoten von dessen ehemaliger TV-Show, die Schwarzenegger nun moderiert, zurückgibt: Kein Problem. Wir können ja die Jobs tauschen.

Oder die „Harry Potter“-Autorin Joanne K. Rowling. Wegen ihrer anhaltenden Proteste gegen Trump haben dessen Anhänger demonstrativ „Harry Potter“-Bücher und -DVD verbrannt. Rowling ließ sich nicht beirren und riet ihren zerstörungswütigen Gegnern zur Vorsicht: Die Dämpfe könnten giftig sein, schrieb sie und fügte hinzu: Euer Geld habe ich deswegen noch immer. Subtiler Witz überragt die rohen Attacken, von denen „Der Spiegel“ eine auf den aktuellen Titel gebracht hat, auf dem Trump als wütender Killer dargestellt wird, der die Freiheitsstatue enthauptet. Dagegen war es fast wohltuend, dass Lady Gaga in der Halbzeitshow zum Superbowl schlicht Woody Guthrys Hymne des anderen Amerika intonierte: This land is your land, this land is my land. Der Patriotismus gehört allen Amerikanern, sollte das wohl heißen.

Subtiler Witz überragt rohe Attacken

Der Präsident, der nicht präsidial sein will, wird es ertragen müssen, dass ihm auch schlichte Formen der Respektlosigkeit entgegenschlagen. Natürlich hat es auch etwas Hilfloses an sich, wenn einer wie Bruce Springsteen von einer Bühne in Australien ruft: „We are the new american resistance.“ Mit großer Geste schmeißt sich Springsteen in Rockerpose und reklamiert gleich eine Widerstandsbewegung für sich, die doch vorerst nur aus lautstark vorgetragenen Unmutsbekundungen besteht. Springsteen muss der Erfolg von Donald Trump tief getroffen haben. Schließlich hat der seinen Wahlsieg mit den Stimmen der Überflüssigen, den vergessenen „working poor“, erzielt, die Bruce Springsteen über Jahrzehnte in seinen Liedern und mit seiner Musik angesprochen hat. Trump hat ihm das Publikum gestohlen.

Mehr als nur eine Pointe des Popgeschäfts ist genau das der Schlüssel zu jener Kulturrevolution von rechts, die Trump und seine rechtsradikalen Kader während des Wahlkampfs nahezu unbemerkt vorangetrieben haben. Es ist ihnen gelungen, ein gesellschaftskritisches Narrativ zu entwenden, das bis dahin einer sozialpolitisch bis sozialromantisch agierenden Linken vorbehalten war. Mit bislang kaum bekannter faschistoider Verve propagiert Trump eine Variante der sozialen Gerechtigkeit, die nicht auf Solidarität, sondern einer neuen Rücksichtslosigkeit des Augenblicks gründet. Da nehmen sich welche, was sie kriegen können, weil sie glauben, dass man es ihnen lange vorenthalten hat.

So wohltuend die neue Vielfalt des Protests ist, die gegen die Revolution von oben aufbegehrt, so uneins und zaghaft ist sie doch. Natürlich waren auch die zurückliegenden Proteste der Occupy-Bewegung beseelt von einem solidarischen Grundgefühl, in dem man gegen die Herrschaft der Banken und des Finanzkapitalismus opponierte. Aber die spektakuläre Besetzung der Wallstreet blieb doch weitgehend folgenlos. Occupy wiederholte einmal mehr die Schwierigkeit jeglichen Protests, die darin besteht, in der Gesellschaft gegen die Gesellschaft zu sein. Für den Soziologen Niklas Luhmann protestiert in Protestbewegungen die moderne Gesellschaft stets gegen sich selbst. In diesem Sinne ist vor allem Donald Trump der personifizierte Ausdruck einer radikalen Antimoderne.

Der Erfolg des Widerstands gegen den neuen Rigorismus rechter Volksbewegungen wird deshalb stark davon abhängen, inwieweit es gelingt, ein gesellschaftspolitisches Narrativ aufzunehmen, das in der Lage ist, Bestehendes und Vergängliches in eine neue Balance zu bringen. Jedenfalls müssen sich die Aufständischen des Anstands im Klaren darüber sein, dass sie etwas zu bewahren haben und wollen. Der neue US-amerikanische Widerstand gegen Trump hat, ob man es will oder nicht, einen konservativen Charakter. Und genau davon wird auch sein Erfolg abhängen: von Standhaftigkeit der staatlichen Institutionen, der Unabhängigkeit der Gerichte und der Selbstständigkeit der vielen Verwaltungen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier USA

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