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Petry und Meuthen Die AfD dreht rechts

Die AfD zeigt ausführlich, was sie am besten kann: Führungsstreit, Intrigen, persönlicher Zank, hin und wieder einen Nationalspieler beleidigen. Mehr kann sie nicht. Der Leitartikel.

Machtkampf unter Bessermenschen: die AfD-Politiker Frauke Petry und Jörg Meuthen. Foto: dpa

Irrweg. Wenig zielführend. Falsche Entscheidung. Chaos. Fassenacht. Spaltung abgewendet, Spaltung nicht abgewendet. Massive Einmischung. Erhebliche Verletzungen. So klingt es, wenn führende AfD-Politiker gerade über führende AfD-Politiker und die Lage ihrer Partei sprechen. Nicht die „Lügenpresse“, nicht die Konkurrenz von den verachteten „Etablierten“.

Es begann als unbegreifliche Schmierenkomödie um den Stuttgarter AfD-Abgeordneten Wolfgang Gedeon, einen mutmaßlichen Anhänger von spinnerten und antisemitischen Weltverschwörungstheorien, wie man sie auch auf den Pegida-Kundgebungen in Dresden zu hören bekommt. In Nullkommanichts ist daraus die größte Krise der erst 2013 gegründeten Partei geworden. Und zugleich die größte Offenbarung fürs politisch interessierte Publikum. Was auch immer noch passiert: Im Grunde ist es völlig egal, ob die 23-köpfige AfD-Fraktion im Stuttgarter Landtag gespalten ist oder nicht. Ob es demnächst zwei AfD-Fraktionen gibt, von denen die eine die wahre ist, die andere womöglich die noch wahrere. Oder ob es Frauke Petry gelungen sein könnte, den auseinanderfallenden Laden zu kitten, wie sie behauptet, oder auch nicht. Spielt alles keine Rolle.

Wichtig und erhellend ist etwas ganz anderes: Die Partei, die sich großmäulig für die letzte Hoffnung Deutschlands hält, zeigt gerade in aller Ausführlichkeit, was sie am besten kann: Führungsstreit, Intrigen, persönlicher Zank, hin und wieder einen Nationalspieler beleidigen. Ansonsten ist sie unbrauchbar.

Machtkampf und Provinztheater

Was sie im Südwesten aufführt, ist Provinztheater, das sich zum offenen Machtkampf an der AfD-Bundesspitze ausgewachsen hat. Etwas eigentlich Unvorstellbares in den Reihen der Bessermenschen, die stets wissen und nur tun, was „das Volk“ will. Die AfD führt ein Stück auf, mit dem sich angeblich nur die moralisch verkommenen Parteien aus dem „linksgrün versifften Millieu“ beschäftigen.

Keine vier Monate sind die Wahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt her, die der AfD traumhafte Ergebnisse bescherten. Was macht die Partei daraus? Nichts. Entweder sie ist abgetaucht wie in Magdeburg oder sie schreddert sich wie in Stuttgart. Nun sinken sogar erstmals wieder leicht die Umfragewerte. Im Herbst sind Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Aber befürchten muss die AfD nichts: Die Protest- und Wutwähler, die das politische System grundsätzlich zum Teufel wünschen, dürften ihr erhalten bleiben.

Die AfD bleibt ein Sammelsurium, ein Wirrwarr aus Strömungen und Stimmungen, eine Anhäufung von mehr oder weniger egozentrischen Typen. Die Partei, gerade drei Jahre alt, hat sich noch lange nicht gefunden. Populismus, das kann sie. Aufregung erzeugen, Aufregung in Stimmen verwandeln. Mehr aber auch nicht. Das hat sie gemein mit den britischen Brexitern, die sich gerade vom Acker machen.

Nächstes Jahr ist Wahl und Frauke Petry will die AfD in den Bundestag führen. Das, besser sie, wollen ihre innerparteilichen Widersacher verhindern. Bei dem Klamauk, der gerade losgebrochen ist, geht es genau darum: Petry soll weg. Oder Meuthen. Je nach Blickwinkel.

Eine Frauke Petry gibt keine Ruhe, bis sie die Partei unter sich hat. Es kann nach ihrer Sicht der Welt nur eine geben: sie. Was sie antreibt, abgesehen von großem Ehrgeiz in eigener Sache, wofür sie steht, ist rätselhaft. Sie drängt nach vorne an die Spitze. Sie hat Bernd Lucke 2015 auf dem Essener Parteitag abserviert und anschließend stundenlang gelächelt. Seitdem arbeitet sie am Niedergang ihres Vorstandskollegen Jörg Meuthen. Sie oder er, das ist der Kern des Krachs. Sie ist eine Nahkämpferin in eigener Sache. Und die AfD nicht mehr als ein Vehikel nach oben ins Rampenlicht. Meuthen wiederum unternimmt gerade alles, um den Durchmarsch zu stoppen und die nervige Sächsin zurück ins „Tal der Ahnungslosen“ zu schicken.

Nebenbei geht es bei dem Streit auch um die Ausrichtung der Partei. Sie begann professoral und eurokritisch mit dem eitlen und schlauen Wirtschaftsprofessor Lucke und ist mittlerweile bei fremdenfeindlich bis rassistisch und dem Thüringer Björn Höcke angekommen, Ende offen.

So erklärt sich einerseits Petrys Zurückhaltung und Taktiererei bei Meuthens Versuch, den Abgeordneten Gedeon samt antisemitischem Humbug loszuwerden: Weil so etwas bei einem Großteil der Anhängerschaft nicht gut ankommt, machte sie nicht mit beim versuchten Rauswurf. Man hätte es ihr übelgenommen, so wie ein Teil der AfD es Meuthen übelnimmt. Sie hat abgewartet und es vermutlich genossen, Meuthen schwitzen zu sehen. Dann wollte sie sich hopplahopp als Retterin der zerfallenen Fraktion minus Gedeon aufspielen, was aber auch nicht funktionierte.

Das ist alles. Darum geht es, bei all dem, was gerade in und um Stuttgart geboten wird: Machtkampf, primitiv, brutal, kalt. Sie oder er. Ein Zurück gibt es nicht. Wer übereinander spricht wie Petry und Meuthen, der hat keine Gemeinsamkeiten mehr.

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