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Organspende Verklärung statt Antworten zur Organspende

Die Widerspruchslösung wird die Zahl der Organspenden nicht erhöhen. Die Debatte darüber lenkt nur von den Problemen ab. Der Leitartikel.

Organspende
Bei einer Operation wird einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist. Foto: Jan-Peter Kasper (dpa-Zentralbild)

Eine kleine Begebenheit aus den vergangenen Tagen kann helfen zu erklären, was in unserem Land beim Thema Organspende falsch läuft. Als ich Ende der vergangenen Woche über einen Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schrieb, mit dem Kliniken mehr Zeit und Geld für die Organentnahme in Aussicht gestellt wird, sprachen mich mehrere Kollegen und Freunde an: Sie hätten gar nicht gewusst, dass die Feststellung des Hirntodes ein so komplizierter Vorgang sei und dafür hochspezialisierte Ärzte gebraucht würden. Da frage man sich doch, so eine Kollegin, wie eigentlich der Tod bei Menschen festgestellt werde, die keine Organspender seien?

Das passiert häufig, wenn es um Tod und Organspende geht: Kaum jemand weiß Bescheid. Wer macht die Regeln für die Warteliste? Was ist der Hirntod? Was passiert genau mit Menschen, die Organe spenden? Besteht vielleicht doch die Gefahr, dass man noch etwas fühlt? Muss man fürchten, als Organspender früher als ein Nicht-Spender für tot erklärt zu werden?

Die gute Sache Organspende am Mitmenschen

Antworten, die Menschen bei ihren Fragen und Bedenken abholen, gibt es von den Verantwortlichen des deutschen Transplantationssystems nicht. Stattdessen wird die Organspende als hehre Sache am Mitmenschen verklärt.

Das hat System. Als ich vor einigen Jahren ein Interview mit Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery über die Organspende führte und mich genau erkundigen wollte, ob es zum Beispiel stimme, dass bei einem Hirntoten der Blutdruck steigt, wenn die Organe entnommen werden, herrschte er mich an: „Das interessiert doch keinen.“

Nun kann man durchaus die These vertreten, dass zu viel Wissen über die Organspende abschreckt. Ein hirntoter Mensch sieht nicht tot aus, er hat rosige Haut und bewegt sich zuweilen. Auch für Ärzte und Schwestern ist die Organentnahme ein belastender Prozess. Aber spätestens seit dem Skandal um manipulierte Wartelisten ist klar, dass man mit der gepflegten Intransparenz nicht weiter kommt. Der Vertrauensverlust in der Bevölkerung ist so groß, dass kleinere Korrekturen nicht mehr ausreichen. Das gesamte Transplantationssystem muss auf den Prüfstand.

Es geht um Leben und Tod

Warum? In Deutschland werden die Regeln für die Wartelisten und die Organvergabe von einem privatrechtlich organisierten Verein bestimmt: von der Bundesärztekammer. Sie überwacht auch den gesamten Prozess. Es gibt nur eine unzureichende staatliche Kontrolle und für die Betroffenen kaum Möglichkeiten, gegen Entscheidungen juristisch vorzugehen. Dabei geht es bei der Frage, ob ein Schwerstkranker auf die Warteliste kommt und wann er ein neues Organ erhält, um Leben und Tod.

Wie groß die Entscheidungsgewalt ist, zeigt folgendes Beispiel: Früher galt für die Bestimmung des Wartelisten-Platzes bei einem Leber-Patienten, dass das Kriterium der Erfolgsaussicht bei einer Transplantation höher gewichtet wurde als das der Dringlichkeit. Durch eine Änderung der Richtlinie wurde das Verhältnis der beiden Kriterien inzwischen umgedreht. Das kann man so entscheiden. Aber hier geht es um grundsätzliche Gerechtigkeitsfragen mit großer Tragweite.

Das darf kein privater Verein bestimmen, das muss der Bundestag entscheiden. Und auch die Details darf nicht die Ärzteschaft selber regeln, von der Kontrolle ganz schweigen. Hierzu sind staatliche Institutionen nötig, die möglichst weit entfernt vom eigentlichen Transplantationssystem agieren. Nur so ist ein glaubwürdiger Neuanfang möglich.

Die Politik scheut die Diskussion

Aber die Politik scheut diese Diskussion, ethische Debatten sind im Parlament eher unerwünscht, weil das übliche Gefüge – hier Regierung, da Opposition – durcheinander gerät. Stattdessen wollen einige Politiker, darunter Minister Jens Spahn (CDU) und sein SPD-Counterpart Karl Lauterbach nun einen vergleichsweise einfachen Weg gehen: Die Widerspruchslösung soll das Tief bei den Spenderzahlen beenden. Das wird ein Wunsch bleiben. Auch in Ländern, wo diese Regelung gilt, werden Organe nicht nach Gutdünken entnommen.

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