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Organspende Die Mehrheit will spenden

Die Bereitschaft zur Organspende ist hoch, doch das System verhindert sie: Die Politik verweigert die Reform, die Organspenden vereinfachen und Leben retten würde. Unser Leitartikel.

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Es kann jeden treffen. Oft geht es sehr schnell. Schwer krank werden, ein Organ unwiderruflich verlieren und damit vom Tod bedroht sein: 10 000 Menschen in Deutschland sind davon betroffen, und ihre Aussichten auf Hilfe und Rettung schwinden dramatisch.

Ein verschleppter Infekt kann das Herz kosten, jahrelanger Diabetes oder Bluthochdruck die Nieren zerstören. Auch wer leichtgläubig und zu oft frei verkäufliche Schmerzmittel konsumiert, riskiert Nieren oder Leber, und es gibt immer mehr Autoimmunerkrankungen, die ein Organ schädigen können.

Drei Menschen sterben hierzulande pro Tag, weil es immer weniger Spenderorgane gibt. Aus den dreien könnten bald mehr werden, wenn das Politikversagen in diesem Bereich des Gesundheitswesens anhält.

Die Reform des Transplantationsgesetzes von 2012, die zu mehr Organspenden führen sollte, ist an ihrer eigenen Zauderhaftigkeit gescheitert. Was besser gemacht werden muss, ist bekannt. An einem jedenfalls fehlt es nicht: an der Spendenbereitschaft der Bevölkerung.

Hohe Bereitschaft, aber das System versagt

Achtzig Prozent der Menschen hierzulande sind im Todesfall bereit, Organe zu spenden. Der Wert ist ständig gestiegen – trotz des Organspendeskandals von 2012, der oft als quasi schicksalhafter Urgrund der Krise ausgemalt wird. Trotzdem trägt nur jeder dritte Bürger einen ausgefüllten Organspendeausweis bei sich. Offenbar verpuffen die gesetzlich verordneten, milliardenteuren Mailingaktionen, mit denen die Krankenkassen ihren Mitgliedern alle zwei Jahre Spenderausweise und Infopost zuschicken – und vor allem mächtig für sich werben.

Würde dagegen die fast flächendeckende Spendebereitschaft endlich auf den Versichertenkarten gespeichert, wäre schon ein wichtiger Schritt zu mehr Organspenden getan: Der Spenderwille wäre bekannt, Angehörige von im Sterben liegenden Patienten wären deutlich entlastet. Und auch die Kliniken und Transplantationsbeauftragten, die Verwandten heute in der Schocksituation des plötzlichen Todes auch noch schnell eine Entscheidung über die Organspende abverlangen müssen.

Noch wichtiger: Bei einer so breiten Zustimmung der Bevölkerung zur Organspende ist es eine logische und überfällige politische Konsequenz, das Transplantationsgesetz radikal umzubauen und endlich eine Form der Widerspruchslösung einzuführen. Danach gilt als Organspender, wer zu Lebzeiten nicht ausdrücklich Nein gesagt hat: Nicht die Mehrheit der Spendewilligen muss aktiv werden, sondern die Minderheit derer, die nicht wollen.

Das ist zumutbar und in fast ganz Europa geltendes Recht – in Frankreich, Spanien, Österreich, Kroatien oder Portugal. Vor allem der Widerspruchslösung der anderen Staaten im Eurotransplant-Verbund ist es zu verdanken, dass die Lage bei uns nicht noch verheerender ist. Wir bekommen mehr Organe aus dem Ausland als wir bereitstellen.

Es wäre ein großer Schritt, würde unser jetziges Modell, wonach ein Spender zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt haben muss oder seine Angehörigen entscheiden müssen, durch eine Widerspruchslösung abgelöst. Einen grundlegenden Einstellungswandel braucht es dazu, vor allem bei den Entscheidern.

Hierzulande schwingt bei der Debatte in der Politik, den Kirchen und auch den Medien immer noch die diffuse Haltung mit, dass es bei der Organspende um eine Art posthumer Zumutung geht, um ein Opfer des Toten sozusagen, das zwar gesellschaftlich immer dringender gewünscht ist, an das man aber, wie es bei Zumutungen so ist, lieber nicht erinnert. Schon gar nicht, wenn man eine politische Partei ist, die um Wählergunst buhlt. So erklärt sich auch das Totschweigen des Themas, wenn es um Gesundheitspolitik geht.

Hinter der Widerspruchslösung dagegen, vor allem in Europas Süden verbreitet, scheint eine andere Kultur auf: eine des verbreiteten Wunsches, dem eigenen Tod womöglich noch einen Sinn mitzugeben – nämlich den, mit den eigenen Organen wenigstens andere Leben zu retten. Genau so kann und sollte die postmortale Organspende kommuniziert werden: als Chance im Sterben. Wir können Organe spenden, wir müssen nicht. Fragt man Menschen mit einem Spenderausweis nach ihren Motiven, dann hört man oft genau diese Einstellung. Sie sind damit den Entscheidern in Gesundheitslobby und -politik weit voraus.

Skeptiker warnen dennoch: Was ist mit den Ängsten in der Bevölkerung – vor Manipulationen mit dem Hirntod, vor überhasteter Todesfeststellung, damit Ärzte schnell an Organe kommen, schlicht: vor Kontrollverlust am Lebensende? Die Ängste mag es geben, aber man darf angesichts der immensen Spendebereitschaft wohl zweifeln, dass sie so verbreitet sind wie manchmal behauptet.

Trotzdem: Gerade gegen Misstrauen und Angst hilft nicht Nichtstun – es braucht Aufklärung und Transparenz. Und endlich eine breite gesellschaftliche Debatte über eine einschneidende Reform.

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