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Österreich Für ein anderes Europa

Der österreichische Kanzler Sebastian Kurz stellt sich die Zukunft des Kontinents anders vor als Kanzlerin Angela Merkel. Er wird die Spaltung der EU vertiefen. Der Leitartikel.

Österreich
Der österreichische Kanzler Sebastian Kurz. Foto: Georg Hochmuth (APA)

Der Gast aus Wien hat sich Zeit gelassen. Deutschland ist für den jüngsten Regierungschef Europas, den ebenso ehrgeizigen wie wendigen Sebastian Kurz, nicht mehr die erste Adresse. Er reiste zunächst nach Brüssel, dann traf er den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, erst jetzt beehrt er die Kanzlerin. Die Botschaft ist unmissverständlich. Merkel, nur amtierende Kanzlerin und beschäftigt mit einer schwierigen Regierungsbildung, ist geschwächt. Für Kurz ist sie nicht mehr so wichtig, wie sie es für seine Vorgänger noch war. Lieber sprach er erst mit einem der jungen smarten Männer, die die Zukunft Europas symbolisieren.

Wenn Merkel den österreichischen Kanzler empfängt, treffen zwei Welten aufeinander. Hier die erfahrene deutsche Kanzlerin, die lieber erst einmal abwägt, aber stets auf europäische Lösungen drängt, da der junge Österreicher, der zu Hause als europäischer Shooting Star gefeiert wird und sich in der Rolle seines Lebens sieht, von dem man aber noch nicht so recht weiß, welchen Kurs er in Europa einschlagen wird. Eine Abstimmung über einen Austritt Österreichs aus der Europäischen Union, einen Öxit, hat Kurz zwar nicht ins Koalitionsprogramm schreiben lassen. Und er hat, ähnlich wie die Kanzlerin, die Hoheit über die Europapolitik.

Kurz regiert aber mit den Rechtspopulisten der FPÖ, sein Vizekanzler ist Heinz-Christian Strache, der ebenso wie der neue Innenminister gute Kontakte ins rechtsextreme Spektrum pflegt. Im Wahlkampf ging Kurz einen anderen Weg als die CDU. Sein Rezept war es nicht, sich von der FPÖ und deren fremdenfeindlichen und antimuslimischen Parolen abzusetzen, vielmehr überholte die von Kurz zu seinem Wahlverein umfunktionierte ÖVP die Rechtspopulisten gleichsam von rechts, sowohl programmatisch als auch in der Sprache. Die schwarz-blaue Koalition in Wien steht insofern als Modell für ein Europa, in dem Rechtspopulisten überall erfolgreich sind und früher oder später auch in Regierungen sitzen werden.

Der Preis des Erfolges ist aber, dass Kurz nun die dezidiert europafeindliche FPÖ im Nacken hat, der er auch gleich noch die wichtigsten Ressorts, das Außen-, das Innen- und das Verteidigungsministerium überließ. Das wird innen- wie außenpolitisch Folgen haben. Die jahrzehntelang gepflegte enge Beziehung zu Deutschland gehört der Vergangenheit an. Kurz sucht neue Partner in Europa.

Für Merkel und für die europäische Idee verheißt das nichts Gutes. „Wunderwuzzi“, wie sie Kurz in Österreich schon seit Jahren nennen, beteuert zwar stets, ein guter Europäer zu sein und auch bleiben zu wollen. Das aber ist eine Frage der Definition. Zu erwarten ist, dass Kurz und seine Regierung sich stärker in Richtung der osteuropäischen Länder wie Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn orientieren werden. Es ist kein Zufall, dass gerade die Visegrad-Staaten sich viel erhoffen von der neuen Koalition in Wien.

Zwar trennen Kurz auch von Macron und dessen Vision von den Vereinigten Staaten von Europa Welten. Ganz sicher aber liegt aus seiner Sicht die Zukunft Europas nicht in Berlin und schon gar nicht bei Angela Merkel. Im dicken Koalitionsvertrag nimmt Europa nur eine Seite ein, und sie trägt die Handschrift der FPÖ. Das reicht von einer Abgrenzung von der Türkei bis zur wirksameren Sicherung der europäischen Grenzen. Österreich ist auf der Suche nach Verbündeten, die einen Abbruch der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei unterstützen. Das kann ebenso wenig in Merkels Interesse sein wie die Schwächung Brüssels, die Österreich anstrebt.

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