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Nobelpreis Bärendienst für den Frieden

Das Nobelpreiskomitee hat in Kolumbiens Präsident Santos einen Politiker geehrt, der sein Ziel verfehlt hat. Das erschwert jenen die Arbeit, die anderswo Kriege beenden wollen.

Friedensnobelpreisträger 2016: Juan Manuel Santos. Foto: AFP

Kurz bevor das Nobelpreiskomitee bekannt gab, dass es dem kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos den Friedensnobelpreis 2016 zuerkannt hat, schrieben die Zeitungen, dass Hunderte Farc-Rebellen wieder in den Untergrund gegangen seien, um den bewaffneten Kampf wieder aufzunehmen. Sie taten das, nachdem das kolumbianische Volk das Abkommen, für das Präsident Santos nun den Friedensnobelpreis bekam, in einem Referendum abgelehnt hatte. Wer vorgestern noch zu witzeln glaubte, als er sagte, die Osloer werden wohl Santos den Friedenspreis geben, der sah sich als Satiriker von der Wirklichkeit überholt.

Die Mühlen der Komitees mahlen langsam. Bei der Umschlagsgeschwindigkeit der Realitäten von heute kommt man da leicht ins Hintertreffen. Das weiß jeder. Um so verblüffender ist die Hartnäckigkeit, mit der gerade das Friedensnobelpreiskomitee glaubt, tagespolitisch mitmischen zu müssen. Es wäre sicher klüger, ein wenig abzuwarten. So manchem Austausch von Friedenspfeifen ist schon ein Krieg gefolgt.

Früher, das haben wir im Lateinunterricht gehört, hieß es: Wer den Frieden will, muss sich auf den Krieg vorbereiten. Für den Friedensnobelpreis gilt spätestens seit Henry Kissinger ihn im Jahr 1973 bekam: Der sicherste Weg zum Friedensnobelpreis ist, einen Krieg zu führen. Legt man den – er muss allerdings sehr blutig verlaufen sein – dann bei, so ist man reif für den Preis.

Juan Manuel Santos hat in seiner Zeit als Verteidigungsminister im Kabinett von Präsident Álvaro Uribe den militärischen Kampf gegen die Farc geleitet. Er wird dabei die Erfahrung gemacht haben, dass mit immer neuen Ausrottungsfeldzügen kein Frieden zu schaffen sein wird. Im Jahr 2013 erklärte Santos in einer Rede vor den Vereinten Nationen (UN), es habe sein ganzes Leben lang Krieg gegeben in Kolumbien. Man kann verstehen, dass er die Chance, die er sah, dem endlich ein Ende zu machen, nutzte. Man kann auch verstehen, dass die Idee einer Amnestie bei vielen in der Bevölkerung auf wenig Gegenliebe stieß. Wobei sich der Zorn über die Toten in der eigenen Familie, politisches Kalkül parteipolitischer Gegner und moralische Empörung oft sehr unsauber mischen mögen.

Ein ganzes Leben lang Krieg in einem Land. Schrecklich, denken wir, und sind entsetzt. Aber es wäre vielleicht ganz gut, einmal – an anderer Stelle – eine Liste der Staaten zu erstellen, in denen seit mehr als fünfzig Jahren Krieg ist. Es sind mehr als wir denken. Und andere als die, auf die wir sofort kommen. Großbritannien gehörte lange dazu. Israel immer noch. Geht man näher heran, wird man lange zögern, ob man nicht die USA mit auf die Liste nehmen müsste.

Die europäische Geschichte kannte erst nach dem opferreichen Zweiten Weltkrieg eine Periode von fünfzig Jahren Fast-Frieden. Das war mitten im Kalten Krieg. Unsere glückliche Nachkriegsgeschichte täuscht uns über die Realitäten hinweg. In fernen Ländern, aber auch bei uns. Der Kriegszustand, aus dem Juan Manuel Santos sein Land herausführen möchte, ist in vielen, in viel zu vielen Ländern der Welt Normalität.

Schon darum wäre es gut, das Nobelpreiskomitee würde genauer hinsehen. Eine zivilgesellschaftliche Einrichtung kann für guten Willen und beharrliche Aufklärungsarbeit prämiert werden. Ein Politiker dagegen sollte den Preis für die Politik, die er macht, und nicht die, die er zu machen erklärt, erhalten. Willy Brandt bekam den Friedensnobelpreis für die Verständigung mit den östlichen Nachbarn der Bundesrepublik. Eine in der Bundesrepublik heftigst angefeindete Initiative. Aber dem Sozialdemokraten Brandt war es gelungen, eine – hauchdünne – Mehrheit für die Ostverträge zu gewinnen. Er und seine Freunde hatten ihre politischen Hausaufgaben gemacht. Der Friedenspreis für US-Präsident Barack Obama war lächerlich. So schön seine Bücher waren und noch immer zu lesen sind – er hätte beurteilt werden sollen nach dem, was er tut. Nicht nach seinen fulminant vorgetragenen Absichten.

Bei Juan Manuel Santos liegt die Sache wieder anders. Er hat nicht nur Absichten erklärt, sondern Abmachungen vorgelegt. Aber er hat nicht für Mehrheiten gesorgt. Er ist gescheitert – zumindest vorerst. Ein Friedensnobelpreis für gescheiterte Friedensverhandlungen! Dabei hätte das Komitee einfach warten können. Es gab kaum einen Beobachter Kolumbiens, der sicher gewesen war, dass Präsident Santos für sein Vorhaben eine Mehrheit bekommen würde. Nahezu jedem war klar, dass es knapp werden würde. Hätte man in Oslo die Kolumbianer ernst genommen, hätte man das Referendum zunächst abgewartet. Aber das Komitee braucht kein Volk für seinen Frieden.

Das ist ein schreckliches Signal an alle, die in anderen Ländern versuchen, den Bürgerkriegen, den Aufständen und Killerkommandos ein Ende zu machen. Die Entscheidung des Nobelpreiskomitees hat ihnen die Arbeit erschwert.

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