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Nicaragua Das Versagen der linken Helden

Erst stürzten sie die Diktatur, nun sind die Sandinisten selbst eine autoritäre Clique. Nicaragua steht heute für das bittere Ende linker Hoffnungen. Der Leitartikel.

Daniel Ortega
Nicaraguas Präsident Daniel Ortega. Foto: dpa

Ach, was waren das für wundervolle Zeiten, als man in Deutschland Ost und West eine schwärmerische Liebe zu einer revolutionären Bewegung entwickelte, die alle Ideale zu erfüllen schien: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. In allem, was mit den nicaraguanischen Sandinistas und ihrer Befreiungsfront FSLN zu tun hatte, lag Zauber: Da waren die wundervollen Menschen, ihre Hingabe, ihre Menschlichkeit. Überall großartige Persönlichkeiten – Priester, Revolutionskommandanten, Maler, Sänger. Sanftmut gepaart mit Entschlossenheit und Mut.

Das Volksmusik-Melodram „Epischer Gesang auf die FSLN“, rühmte Opfer, Siege, Zukunft. Man hörte die ersten Zeilen „Ay Nicaragua, Nicaragüita, la flor más linda de mi querer ...“ – Nicaragua, „die schönste Blume meiner Liebe“. Die am Kalten Krieg, an Atomwaffen, Imperialismus, Kolonialismus, real-sozialistischer Stagnation und sonstigen Weltübeln frierende junge Seele schmolz in der revolutionären Sonne.

Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker. Ja, das tat gut – man fand weder im Osten noch im Westen etwas Schöneres, an das man seine Träume hängen konnte. Also reiste, wer immer es ermöglichen konnte, zum solidarischen Kaffeepflücken oder sammelte Brillen, damit auch die Alten die Alphabetisierungshefte benutzen konnten. Nicaragua war die ideale Projektionsfläche für alles, was zu Hause nicht erreichbar war. Den Feind sah man klar vor sich: die Contras, die CIA, die USA.

Proteste gegen das despotische Ortega-Regime

Tatsächlich schafften die Sandinisten Unerhörtes in Bildung, Gesundheit, Landreform. Und Daniel Ortega stand immer ganz vorn, ein Jurastudent, der zum Comandante der Revolution aufstieg, der dabei war, als 1979 die Clique des Diktators Anastasio Somoza stürzte. 1984 wurde Ortega zum Staatspräsidenten gewählt.

Jetzt hören wir das Ende vom revolutionären Lied: Schüsse auf Studenten, Protestrufe auf Massendemonstrationen gegen die Regierung, Gewehrfeuer paramilitärischer Einheiten beim Vorrücken in Wohngebiete kleiner Leute. Mehr als 300 Tote gab es seit Ausbruch der Proteste Mitte April. Erst ging es gegen eine geplante Reform der Rentenkasse, jetzt geht es gegen das despotische Ortega-Regime.

Nach einer Reihe von Oppositionsjahren reichten im Jahr 2006 Daniel Ortega 38 Prozent der Stimmen, um wieder Präsident zu werden. Vom ersten Tag an galt all sein Trachten der Machtsicherung. Er leitete Enteignungen ein, ließ „Konterrevolutionäre“ ins Gefängnis werfen. Inzwischen kontrolliert sein Clan das Militär, die Polizei, die Gerichte und das Parlament. Wahlen sind seit langem nicht mehr frei und fair. Seine derzeitige, dritte Amtsperiode erschlich er sich per Verfassungsbruch. Seine Frau hat er zur Vize-Präsidentin gemacht, ihre sieben Kinder sitzen in Schlüsselpositionen – ein Kleptokraten-Nest, das sich das Land unter den Nagel gerissen hat. Alles so wie vor 50 Jahren unter der Diktatorenfamilie Somoza.

Ist alles verspielt? Bleibt nichts als die Erinnerung an das schöne Gefühl, eine Weile auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden zu haben?

Ortegas Sturz ist unwahrscheinlich

Nicaragua gehört wieder zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas. Es steht in der Reihe jener Staaten, deren Revolutionsbilanzen einen zu Tränen treiben: Der Bolivarianische Sozialismus des 21. Jahrhunderts zog Venezuela in Armut und Chaos; in Brasilien ist Armenpräsident Lula da Silva wegen Korruption verurteilt; in Bolivien strebt der einstige Cocabauern-Gewerkschafter Evo Morales durch Verfassungsbruch im nächsten Jahr eine vierte Präsidentschaft an. Kuba blieb stabil durch Unterdrückung jeder oppositionellen Regung.

Für manches lassen sich sachliche Gründe anführen: Wirtschaftsboykotte, US-Machtpolitik, Drogenbanden. Aber über allem steht das serielle Versagen der Hoffnungsträger. Die Helden von einst, die mit linken Ideen und getragen vom Volk an die Macht kamen, wurden zu Monstern, die die einstigen Ideale fressen. Wer in Nicaragua weiter dem Compañero Ortega die Treue hält, träumt noch immer oder lebt eingebunden ins Vorteilssystem des Regimes – so wie das auch in Venezuela funktioniert. Als dieser Tage ein Generalstreik Nicaragua lähmte, rief Ortega kurzerhand einen Sandinisten-Gedenktag aus und rief seine Leute auf, die Revolution zu verteidigen.

Die Aussicht auf den Sturz der Ortegas ist derzeit klein, denn die Opposition ist arg zersplittert. Die vielen Gruppen finden kein gemeinsames Dach, kein Verhandlungsprogramm, mit dem sie der Regierungsmacht entgegentreten könnten, niemand ist als Sprecher aller Gruppen anerkannt.

Den Demonstranten, darunter wie einst viele Studenten, geht es um Rückkehr zu Demokratie, Recht und Gesetz. Sie stellen sich, wie ihre sandinistischen Vorgänger, voller Idealismus den Kugeln der Polizei. Gewinnen können sie nur durch Stimmzettel.

Das Wort Revolution jedenfalls ist vergiftet. Ob französische, russische oder sandinistische Revolution – alle endeten im Blutvergießen. Von wegen „schönste Blume …“.

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