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Nationalismus Was macht einen Deutschen aus?

Was deutsch ist, lässt sich nicht exakt bestimmen. Dennoch wird es häufig versucht. Manche Definition gibt es nur, um andere auszugrenzen. Doch das ist falsch. Der Leitartikel.

13.02.2017 17:20
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Rechtsradikale demonstrieren in Köln. Sie haben ein sehr eingegrenztes Bild, was Deutsch ist - und was nicht. Foto: imago/Future Image

Natürlich ist es richtig, nur den Umfragen zu glauben, die man selbst gefälscht hat. Aber wollte man sich ausschließlich mit dem beschäftigen, bei dem man sicher ist, dass es stimmt, man hätte nichts mehr, mit dem man sich beschäftigen könnte.

Das amerikanische Pew Research Center hat vom 4. April bis zum 29. Mai 2016 in 14 Ländern 14 500 Menschen befragt, was in ihren Augen einen Mitmenschen zum US-Amerikaner, Australier, Deutschen, Engländer, Franzosen, Griechen, Holländer, Italiener, Japaner, Kanadier, Polen, Schweden, Spanier oder Ungarn macht. Es ging bei der Studie also nicht um das Staatsbürgerrecht. Es ging darum, was einen zum Beispiel zu einem Deutschen macht.

Picken wir uns doch einmal den Letztgenannten heraus. Nur 13 Prozent der Befragten fanden, dass ein Deutscher in Deutschland geboren sein muss. Deutsch sprechen dagegen sollte er schon können. Das meinen jedenfalls 79 Prozent der Deutschen. Übrigens nur 59 Prozent der Italiener. Nur 29 Prozent der Deutschen sind hingegen der Auffassung, ein Deutscher zu sein heiße deutsch zu essen, deutsch zu feiern. Fragt man nach der Religion, so denken nur elf Prozent, man müsse Christ sein.

Wir wissen offenbar nicht ganz genau, was einen Deutschen ausmacht. Vielleicht wissen wir es genau, wenn wir sie oder ihn sehen. Allerdings glaube ich das nicht. Spätestens seit ich die von der Schwäbischen Alb kommenden Cousins meines Vaters auf Spanisch ansprach, weil ich dachte, sie wären mexikanische Freunde meiner Eltern.

Vielleicht sollten wir uns an die Idee gewöhnen, dass es das Deutsche nicht gibt. Die Nation ist eine späte Zutat. Wir sind auch nicht Schwaben, Franken oder Sachsen. Das sind alles Konstruktionen, auf die kein Verlass ist. Ganz gleichgültig, was die Damen und Herren von der Alternative für Deutschland versuchen uns einzureden: Wir haben offenbar große Schwierigkeiten, wenn wir bestimmen sollen, was deutsch ist.

Deutsch sprechen – das ist ein sehr kleiner gemeinsamer Nenner, und in Wahrheit spricht natürlich Claudio Magris besser Deutsch als ich. Haben Sie Neil MacGregor Deutsch sprechen hören? Oder Timothy Garton Ash? Sie alle sprechen mit Akzent, aber das tue ich auch. Die meisten von uns tun das. Auch Alexander Gauland von der AfD hört man seine Herkunft an. Dagegen ist auch nichts zu sagen. Ganz und gar nicht.

Das Pew Research Center hat herausgefunden, dass 92 Prozent der Befragten der Auffassung sind, Japanisch müsse man können, um als Japaner durchzugehen. Das sind deutlich mehr als in Deutschland. Aber ebenfalls 90 Prozent finden, Japaner müssten japanisch essen, japanische Bräuche pflegen. Das ist eine sehr strenge Definition des Japanischen.

Niemand ist niemandes Freiwild

Es mag Menschen geben, die dergleichen auch für Deutschland anstreben. Sie seien daran erinnert, dass Japan sich immer wieder gerne einkapselte und immer wieder desto angestrengter ausbrechen musste. Das Modell Japan ist keines und wird auch keines werden.

Wir hören immer wieder, ein Volk müsse stolz auf sich sein können. Ich habe keine Ahnung, worauf ich stolz sein soll. Ich habe die Relativitätstheorie und auch die Mendel’schen Gesetze nicht erfunden. Die Marienbader Elegie stammt nicht von mir und Müllers Tore auch nicht. Ich habe keinen European Song Contest gewonnen und kann noch nicht einmal Auto fahren. Die Tatsache, dass ich in Frankfurt am Main geboren wurde, ist ebenso wenig mein Verdienst wie die, dass mein Sohn in Matera zur Welt kam.

Als ich zehn Jahre alt war, wurde ich von Jugendlichen mit Steinwürfen durch einen kleinen Ort in Nordportugal gejagt. Weil ich in ihren Augen Deutscher, also Nazi, war. Das war 1956. Keine Sekunde meines Lebens fand ich, dass die Burschen dazu irgend ein Recht hatten. Ebenso wenig wie die Deutschen, die Hatz auf Ausländer machen. Niemand ist niemandes Freiwild.

Ich finde auch, dass niemand ein Recht darauf hat, stolz auf sein Land zu sein. So wenig, wie irgendjemand ein Recht darauf hat runterzuschauen auf einen anderen, weil er aus einem anderen Land kommt, eine andere Religion hat, anders ausschaut oder weniger weiß.

Wer ist einer von uns? Kennen Sie das Problem mit drei Buchstaben? Die Antwort ist: wir. Es gibt sehr, sehr viele Wir. Wir Redakteure, wir Glatzköpfe, wir Dicken. Das sind drei Wir, zu denen ich jeweils gehöre. Ich gehöre auch zu den Wir, die Ariosts „Orlando Furioso“ und Dieter Thomä gelesen haben, und zu denen, die gerne Lisa Bassenge zuhören. Gibt es auch das Wir derer, die sich noch „Kundschafter des Friedens“ ansehen wollen? Und ich gehöre auch zu dem Wir der Deutschen – und das seit mehr als dreihundert Jahren. Das weiß ich genau. Dafür haben Adolf Hitler und seine Schergen mit seinem Ariernachweis gesorgt.

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